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Asien

Gedenken an "Onkel Ho"

Den einen gilt er bis heute als Idealbild des Revolutionärs und Ikone der Befreiung der Dritten Welt. Für die anderen ist er kaum mehr als ein asiatischer Stalinist. Vor 40 Jahren starb Ho Chi Minh.

Ein Plakat mit Ho in Hanoi (Foto: AP)

Allgegenwärtig: Ho Chi Minh

Die Sprechchöre hallen noch im Ohr: "Ho-Ho-Ho Chi Minh“ skandierten Studenten Ende der 60er Jahre in bundesdeutschen Hörsälen. Der Kult um den nordvietnamesischen Staats- und Parteichef gehört zu den Mythen der 68er-Bewegung. Auch 40 Jahre nach seinem Tod am 2. September 1969 verkörpert Ho Chi Minh für Manchen das Idealbild eines Revolutionärs, eine Lichtgestalt des antikolonialen Befreiungskampfs. Anderen gilt der „Erleuchtete“ - so die Übersetzung seines Namens - schlicht als asiatischer Stalinist.

Der Tag, als Onkel Ho starb

Der Staats- und Parteichef in den 60ern (Foto: AP)

In den 1960ern

Am Versuch, Ho Chi Minhs Leben zu rekonstruieren, verzweifeln regelmäßig Biografen. Über Hos Herkunft und eigentlichen Namen gibt es widersprüchliche Versionen. Propaganda, Mythenbildung und Legenden verstellen das Bild. Allein Hos Todesdatum war lange ein Politikum. Denn "Onkel Ho", wie er bis heute genannt wird, starb just am 2. September 1969, dem vietnamesischen Unabhängigkeitstag. Vietnams kommunistische Führung wollte ungern Trauer- und Jubeltag zusammen fallen lassen. Also datierte man den Tod Ho Chi Minhs auf den 3. September. Erst vor zwanzig Jahren korrigierte Vietnams Kommunistische Partei diesen historischen Kunstgriff. Seitdem gedenkt das Land seines ersten Präsidenten offiziell am 2. September.

Ein, zwei, viele Namen

Einig sind sich die Biografen immerhin, dass Ho am 19. Mai 1890 im zentralvietnamesischen Kim Lien geboren wurde. Der Vater, ein Provinzbeamter, schloss sich den Rebellen gegen die Kolonialmacht an. Mit 22 Jahren gelangte er als Schiffsjunge Ba zunächst nach Europa, dann in die USA. Hier bekam er nach eigenem Bekunden "die Fratze des Yankee-Kapitalismus“ zu Gesicht. Immer mehr politisiert, trat Ho schließlich 1919 in Paris erstmals ans Licht der Öffentlichkeit. Unter dem Namen "Nguyen O-phap", der Franzosenhasser, forderte er die Unabhängigkeit Indochinas. Den Decknamen Ho Chi Minh gab er sich erst in den vierziger Jahren.

Nationalfeiertag in Hanoi (Foto: AP)

Vor 40 Jahren starb der vietnamesische Staatsgründer Ho Chi Minh. Sein Todestag fällt auf den Tag der Staatsgründung Vietnams. Klar, dass sein Bild bei den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag nicht fehlen darf

Er gerät schon früh ins Visier des französischen Geheimdienstes. Die Flucht vor den Kolonialherren wird zur 25jährigen Odyssee, die ihn unter anderem über Moskau nach China führt. Inmitten der Wirrungen am Ende des Zweiten Weltkriegs marschiert Ho 1945 kampflos in Hanoi ein, stürzt Bao Dai, den Kaiser von Frankreichs Gnaden, und ruft die "Demokratische Republik Vietnam" aus. Die Waffen seiner schlagkräftigen Viet-Minh-Guerilla lieferten nicht zuletzt die USA. Nach gescheiterten Verhandlungen mit den Franzosen kommt es 1946 zum Krieg, der 1954 mit der Niederlage der Kolonialmacht und der Teilung des Landes endet. Ho wird Staats- und Parteichef der Demokratischen Republik Nordvietnam.

Ab 1958 entflammt zwischen Nord- und Südvietnam erneut ein Krieg. 1963 greifen die USA in die Kämpfe ein, der Vietnam-Krieg wird zum prägendsten Konflikt des Kalten Krieges – und Ho Chi Minh zur Ikone von Studentenbewegung und Antiimperialisten in aller Welt.

Eine Ausstellung erinnert an Onkel Ho (Foto: AP)

Ausstellung zu seinen Ehren im Jahr 2009

Ho selbst verbringt seine letzten Lebensjahre zurückgezogen in seinem Privathaus, der Gärtnerwohnung des ehemaligen Gouverneurspalastes von Hanoi. Ho, der außer Vietnamesisch auch Chinesisch, Französisch, Englisch, Russisch, Tschechisch, Japanisch und etwas Deutsch spricht, lässt sich kaum mehr in der Öffentlichkeit vernehmen. Nur noch hie und da tritt er bei offiziellen Anlässen auf, um dann – wie auch in seinem politischen Testament – den Sieg Hanois zu beschwören. Sechs Jahre nach seinem Tod sollte sein letzter Wille Wirklichkeit werden.

Ein Onkel von gestern

Das wiedervereinigte Vietnam würdigt auch an diesem 2. September den Stifter der Nation. Wie viele junge Vietnamesen allerdings den Huldigungen auf Ho Chi Minh heute noch zuhören, bleibt dahin gestellt. Mit Ihrer Lebenswirklichkeit jedenfalls hat die Ideologie von "Onkel Ho", wie er noch immer genannt wird, nicht mehr viel zu tun. Längst wandelt sich Vietnam zu einer Marktwirtschaft. Von tausenden Plakaten grüßt der alte Mann heute wie aus einer anderen Zeit.

Autor: Sven Töniges
Redaktion: Mathias Bölinger