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Politik & Gesellschaft

Gedenken an die Hitler-Attentäter

Festredner bei der Gedenkstunde für die Hitler-Attentäter vom 20. Juli war dieses Jahr der ehemalige polnische Botschafter Janusz Reiter. Er sprach sich für eine "kritische Auseinandersetzung" mit den Offizieren aus.

Die Gerüstplane flattert im Wind, auf eine Baustellenwand sind Schwarzweißbilder der Widerstandskämpfer montiert. Teile des Bendlerblocks, heute Sitz des Verteidigungsministeriums in Berlin, werden gerade renoviert. Doch heute wurden die Bauarbeiter nach Hause geschickt. In den Stuhlreihen im Hof sitzen Vertreter der Politik, des Militärs und ganz vorne, zwischen Ministern und den beiden Altbundespräsidenten Weizsäcker und Wulff, auch einige sehr alte Damen - Angehörige der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944, die hier hingerichtet wurden. "Auch den unermüdlichen Bemühungen der Familien ist es zu verdanken, dass wir heute dem Widerstand einen würdigen Platz in unserer Geschichte einräumen", sagt Ilse Aigner, die für die Regierung spricht.

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Gedenken an Hitler-Attentäter

Aigner ist Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft und erinnert deshalb recht ausführlich an den eher spärlichen Widerstand, den die bäuerliche Bevölkerung dem Naziregime entgegenbrachte und der noch viel zu wenig erforscht sei. Anschließend spricht der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit darüber, dass es einer seiner Amtsvorgänger, Ernst Reuter, gewesen sei, der bereits Anfang der fünfziger Jahre an den Widerstand erinnert habe - zu einer Zeit, als die Mehrheit der Bevölkerung die Offiziere, die am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler verübten, als "Verräter" betrachtete.

Schwierigster Redeauftrag

Die wichtigste Rede aber hält an diesem Freitag der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter. Es ist das erste Mal, dass ein Vertreter Polens an der Feier teilnimmt, ein "Zeichen, dass das deutsch-polnische Verhältnis reif dafür ist, auch über dieses schwierige Thema miteinander zu sprechen."

Der frühere polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter, bei seiner Rede (Foto: dpa)

Der frühere polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter, bei seiner Rede

Es sei der schwierigste Redeauftrag, den er je angenommen hatte, bekennt der polnische Diplomat und zitiert zur Illustration einen Brief des Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Bevölkerung des besetzten Polen, schreibt er darin 1939 an seine Frau, sei ein "unglaublicher Pöbel - sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk, ein Volk, das sich nur unter der Knute wohlfühlt." Die Tausenden Gefangenen würden der deutschen Landwirtschaft "recht gut tun", schrieb der Mann, der später das missglückte Attentat auf Hitler verübte. "Wenn ich erkenne, dass die Menschen des deutschen Widerstands Respekt verdienen, dann nicht, weil sie schon immer auf der richtigen Seite standen, sondern weil sie den Mut hatten, dem Unrechtsregime zu widerstehen", schlussfolgert Reiter und fordert die Deutschen auf, "keine Angst zu haben, sich mit wichtigen Figuren ihrer Geschichte kritisch auseinanderzusetzen, anstatt diese nur aus der Distanz zu bewundern." Die Frage, ob auch "antisemitische Judenretter unseren Respekt verdienen", beantwortet er eindeutig mit "ja". In Zeiten totalitärer Diktaturen entsprächen "menschliche Schicksale nur selten dem Schönheitsideal gotischer Kathedralen".

Soldaten-Gelöbnis am Abend

Nach dieser nachdenklichen Rede tragen zwei Matrosen einen Kranz in den Hof, den der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der als Bundesratspräsident derzeit das zweithöchste Amt im Staat innehat, dann vor der Gedenktafel für Stauffenberg und seine Mitverschwörer niederlegt, dann ist der erste Teil der Feierlichkeiten vorbei. Es folgt eine weitere Gedenkstunde in Plötzensee im Norden Berlins, wo die Nationalsozialisten 2.800 Menschen hinrichten ließen. Am Abend dann wird der Bendlerblock noch einmal zum Schauplatz eines - kontroverseren - Ereignisses. Jedes Jahr werden am 20. Juli öffentlich junge Soldaten vereidigt. Die deutsche Armee sieht sich heute heute in der Tradition der militärischen Widerstandskämpfer von damals. Das Gelöbnis findet dennoch unter großen Sicherheitsvorkehrungen statt, denn immer wieder gibt es gegen diese Zeremonie auch Proteste.

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