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Deutschland

Gedenken an DDR-Volksaufstand 1953

Am 17. Juni 1953 stand die damalige Deutsche Demokratische Republik fast vor dem Zusammenbruch. In Berlin gedachte an diesem Donnerstag der Bundestag den dramatischen Ereignissen vor exakt 57 Jahren.

Brandenburger Tor, durch das protestierende Arbeiter marschieren (Foto: AP)

17. Juni 1953: Arbeiter marschieren durch das Brandenburger Tor

Der 17. Juni 1953 sei ein Schlüsselereignis in der europäischen Nachkriegsgeschichte gewesen, sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Gedenkstunde im Parlament. Damals sei erstmals nach der Teilung wieder eine gesamtdeutsche Erfahrung zum Ausdruck gekommen. Die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan forderte als Hauptrednerin, die Lasten der Wirtschaftskrise gerechter zu verteilen. Dem vereinigten Deutschland stehe zwar kein Volksaufstand bevor. Doch sei wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung zu spüren, sollten die Sparmaßnahmen der Bundesregierung nur Familien und Arbeitslose treffen, Banken oder Millionäre aber nicht zur Kasse gebeten werden, meinte Schwan.

Rückblende 1953

Es gärte schon lange in der DDR, die auch acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter gravierenden wirtschaftlichen Problemen litt. Durch den von Staatschef Walter Ulbricht verkündeten "planmäßigen Aufbau des Sozialismus" verschärfte sich die Versorgungskrise noch. Während die Schwerindustrie gefördert wurde, mangelte es an Gütern des täglichen Bedarfs. Lebensmittel waren knapp; für Butter, Fleisch, Obst und Gemüse benötigten die Menschen noch immer Bezugsscheine.

Im anderen deutschen Teilstaat, der Bundesrepublik, entwickelte sich die Wirtschaft derweil erfolgreicher. Für viele Ostdeutsche, neben politischen Gründen, Anlass genug, der DDR den Rücken zu kehren. Allein 1952 flüchteten 180.000 Menschen und bis Ende Juni 1953 weitere 226.000.

Trotzdem unternahmen die uneinsichtigen Machthaber in Ost-Berlin scheinbar alles, um die Unzufriedenheit weiter zu schüren. So erhöhten sie im April 1953 die Preise für Fleisch, Eier und zuckerhaltige Produkte. Höhepunkt der Zumutungen war die Ende Mai angeordnete Erhöhung der Arbeitsnorm um zehn Prozent. Faktisch kam das einer massiven Lohnkürzung gleich.

Neue Führungsspitze - neue Politik

Otto Grotewohl (Foto: AP)

DDR-Regierungschef Grotewohl

Nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin drängte die neue Führungsriege in Moskau auf einen Kurswechsel in der DDR. Die Herren im Kreml sorgten sich um ihren geopolitisch und militärstrategisch wichtigsten Vorposten in Europa.

Ungewohnt selbstkritisch räumte DDR-Regierungschef Otto Grotewohl vor den Ereignissen im Juni 1953 in einer Rede Fehler ein: "Wenn sich Menschen von uns abwenden, wenn neben der staatlichen und der wirtschaftlichen Spaltung noch die menschlichen Beziehungen zwischen den Deutschen zerrissen werden, dann ist diese Politik falsch.

Anreize wurden geschaffen

Um die in den Westen geflüchteten Bauern, Handwerker und Kaufleute zur Rückkehr zu bewegen, wurde ihnen die Rückgabe ihres Eigentums in Aussicht gestellt. Die Justiz, deren willkürliche Rechtssprechung binnen Jahresfrist zu einer Verdoppelung der Häftlingszahlen auf 60.000 geführt hatte, sollte ihre Urteile überprüfen. Und auch mit der Kirche wollte die Staatsspitze sich verständigen. Nur die Erhöhung der Arbeitsnorm blieb unangetastet. Eine Provokation, die jene Proteste auslöste, die letztlich in einen Volksaufstand mündeten.

Am 16. Juni riefen Bauarbeiter vor dem DDR-Regierungsgebäude zum Generalstreik für den 17. Juni auf. Der Appell verbreitete sich, nicht zuletzt durch Berichte in westlichen Radiosendern, in der ganzen DDR. Die Stimmung war euphorisch, das Regime scheinbar am Ende. In manchen Orten gelang es den Aufständischen sogar, die Macht an sich zu reißen.

Panzer wurden zu Hilfe geholt

Die politische Führung in der DDR hatte die Kontrolle über das Geschehen längst verloren, als die sowjetische Besatzungsmacht den Ausnahmezustand verhängte. Mit Panzern rückten die Truppen ins Zentrum des Aufstands ein, den Potsdamer Platz in Berlin.

Sowjetischer Panzer (Foto: AP)

Ein Sowjet-Panzer rückt vor

Auf der westlichen Seite der Sektoren-Grenze beobachten Reporter des "Rundfunks im amerikanischen Sektor" (RIAS) die dramatischen Stunden, in denen sich das Schicksal des Volksaufstands entschied: Schüsse fielen am Potsdamer Platz. Russische Soldaten drängten die Demonstranten etwa 50 Meter weit zurück. Dann setzte sich der erste der großen T34-Panzer in Bewegung und fuhr bedrohlich nahe an die Demonstranten heran.

Der Volksaufstand wurde mit militärischer Gewalt niedergeschlagen. Hunderte kamen zu Tode oder wurden verletzt. Tausende landeten in Gefängnissen. Um Proteste und Aufstände künftig schon im Keim ersticken zu können, bauten die DDR-Machthaber nach dem 17. Juni 1953 einen gigantischen Spitzelapparat in Form der Staatssicherheit (Stasi) auf, der die Bevölkerung bis in den Intimbereich hinein verfolgte.

36 Jahre hinter Mauern

Es dauerte 36 Jahre, bis die Menschen sich wieder gegen das Regime auflehnten. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Weil in Moskau mittlerweile der Reform-Kommunist Michail Gorbatschow das Sagen hatte, blieben die sowjetischen Panzer diesmal in den Kasernen. Mit dem Ende der DDR fiel auch der sozialistische Ostblock in sich zusammen, deren Höhepunkt die Auflösung der Sowjetunion war.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Christian Walz

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