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Asien

Gedenken an das Tiananmen-Massaker

Jedes Jahr am 4. Juni herrscht bei den Sicherheitskräften in Peking Alarmbereitschaft. Niemand soll an die blutigen Ereignisse im Jahr 1989 erinnern. In Hongkong hingegen gibt es Gedenkveranstaltungen.

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Jedes Jahr am 4. Juni sind die Sicherheitskräfte in Peking angespannt

Als am 4. Juni 1989 in Peking Panzer gegen wehrlose Demonstranten eingesetzt wurden, löste das in Hongkong eine Schockwelle aus. Seitdem finden sich jedes Jahr am 4. Juni mehrere zehntausend Menschen im Hongkonger Victoria Park ein, um Kerzen für die Getöteten anzuzünden. Hongkong gehört seit 1997 wieder offiziell zu China. Als Sonderverwaltungszone genießt die Stadt jedoch ein hohes Maß an Autonomie, weswegen hier an den 4. Juni erinnert werden darf, während das Massaker in China totgeschwiegen werden muss. "Diese Gedenkveranstaltung zeigt, wie wichtig Hongkong für China ist", sagt der Dichter Meng Lang. "Hongkong ist eine kapitalistische Gesellschaft. Aber an diesem Tag nehmen sich viele Menschen Zeit: Die, die damals dabei waren und heute 70, 80 Jahre alt sind. Aber auch ganz junge Teilnehmer, viele Schüler." Die Sonderverwaltungszone gedenkt für das ganze Land.

China Jahrestag Tiananmen Denkmal in Hongkong

In Hongkong wurde mit Blumen und mit Veranstaltungen an das Massaker erinnert.

Widerspenstige Intellektuelle

Meng Lang lebt seit vier Jahren in Hongkong. Mit seinem langen Haar und dem Bart wirkt er wie ein widerspenstiger Intellektueller. Meng vertritt in Hongkong den unabhängigen PEN-Club chinesischer Schriftsteller. Dem Verband gehören in der Volksrepublik verfolgte Dissidenten wie der inhaftierte Liu Xiaobo oder der Schriftsteller Liao Yiwu an.

Live-Berichte vom Massaker in den Hongkonger Medien

Meng selbst stammt aus Shanghai. 1989 arbeitete er als Lektor beim Universitätsverlag in Shenzhen, der Vorzeigestadt der chinesischen Reformer direkt an der Grenze zu Hongkong, das damals noch britisch war. "Am Abend des 3. Juni saßen wir alle gebannt vor dem Fernseher", erzählt er. In Shenzhen konnte man Hongkonger Fernsehen empfangen. "Die Regierung hatte alle Telefonverbindungen gekappt, aber die Hongkonger Reporter berichteten über Satellitentelefon live aus Peking. Über diese Satellitentelefone konnte man hören, wie die Polizei auf Demonstranten schoss. Man konnte die Schreie der Studenten hören."

Scharfe Munition gegen die Demonstranten

China Bildgalerie Peking Tiananmen Jahrestag 5 Juni 1989 Mann vor Panzer

Die blutige Niederschlagung der Demonstrationen wurden live nach Hongkong übertragen

Während Meng Lang mit Studenten und Dozenten die Ereignisse am Fernseher verfolgte, stand der damals zwanzigjährige Bao Pu an der Muxidi-Kreuzung in Peking. Die Panzer, die von Westen in Richtung Tiananmen rollten, trafen hier zum ersten Mal auf Widerstand. Die Bewohner hatten mit Bussen Barrikaden gebaut und stellten sich den Soldaten in den Weg. "Ich erinnere mich noch sehr gut daran, was ich damals gesehen und gefühlt habe. Wir haben Schüsse gehört. Und alle haben gesagt. Das sind nur Gummigeschosse." Muxidi ist der Ort, an dem wohl die meisten Menschen getötet wurden, mehr als rund um den Tiananmen-Platz. Doch das erfuhr Bao Pu erst hinterher. "Es ist ein seltsames Phänomen. Jemand zielt mit einer Waffe auf Dich, Du hörst die Schüsse, aber Du glaubst nicht, dass er auf Dich schießt. Ich habe dann Menschen gesehen, die plötzlich ein Loch im Bauch hatten und keine Lebenszeichen mehr zeigten. Sie wurden weggetragen. Und erst da merkten die Leute, dass mit echten Kugeln geschossen wurde."

Das menschliche Antlitz der Regierung

Bao Pu brachte im vergangenen Jahr die Memoiren des damaligen Parteichefs Zhao Ziyang heraus. Zhao galt 1989 als das "gute Gesicht" des Regimes. Er zeigte Verständnis für die Studenten, versuchte, mit ihnen zu verhandeln. Doch er verlor den Machtkampf gegen die Hardliner um Deng Xiaoping. Bao Pus Vater, Bao Tong, war damals Mitglied der Pekinger Regierung und ein enger Vertrauter Zhaos. "Gelegentlich hat es bei uns am Abendbrottisch gekracht" erinnert sich Bao Pu heute. "Mein Vater war bereits früh davon überzeugt, dass die Demonstrationen und politischen Forderungen in einer Tragödie enden würden. Ich habe ihm das damals nicht geglaubt. Bis zuletzt nicht."

Hongkong war geschockt

China Generalsekretär Zhao Ziyang

Zhao Ziyang suchte damals die Nähe zu den Studenten. Dafür wurde er kurz darauf gestürzt.

Bao Tong wurde wenige Tage vor der blutigen Nacht auf den 4. Juni seiner Ämter enthoben. Bis heute steht er unter Hausarrest. Wenige Monate nach den Ereignissen ging Bau Pu, sein Sohn, zum Studium in die USA. Heute lebt er in Hongkong, in der Stadt, die von den Ereignissen auf ihre Weise geprägt wurde. Die Menschen waren aufs äußerste schockiert, als die Bilder aus Peking über die Bildschirme liefen. Denn nur wenige Jahre zuvor hatte Großbritannien mit China vereinbart, dass die Kronkolonie an die Volksrepublik zurückfallen soll. Heute genießt Hongkong eine besondere Autonomie. Hier gelten Presse- und Meinungsfreiheit.

Langer Weg zur Zivilgesellschaft

Trotzdem kommt es zwischen der Peking-treuen Regierung Hongkongs und den Demokratie-Aktivisten immer wieder zu Konfrontationen. Bereits am vergangenen Wochenende erinnerten mehrere hundert Hongkonger an die Ereignisse vor 21 Jahren. Die Demonstration wurde aufgelöst. Aktionen wie diese sind für den Dichter Meng Lang jedoch kein Grund zur Beunruhigung. "Die Regierung in Hongkong macht noch immer Fehler, und korrigiert sie dann. Sie ist noch dabei, zu lernen, wie man eine entwickelte Zivilgesellschaft regiert."

Autor: Mathias Bölinger

Redaktion: Silke Ballweg

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