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Asien

"Gedankenvirus" erhält Hongkonger Filmpreis

Der umstrittene Film "Zehn Jahre" ist der beste Film des Hongkong Film Festivals. Allerdings gefällt die künstlerische Darstellung der politischen Zukunft Hongkongs den Zensoren in Peking nicht. Schweigen ist angeordnet.

Die Preise, die beim jährlichen Hongkonger Filmfestival verliehen werden, sind so etwas wie die chinesischen Oscars. Trotzdem musste die chinesische Firma Tencent, die als einer der größten Privatanbieter für Webvideos die exklusiven Live-Übertragungsrechte für die Preisverleihung am vergangenen Sonntag teuer erworben hatte, einen Rückzieher machen.

Schon im Februar hatte der Vorsitzende der Jury des Filmfestivals, Derek Tung-Sing Yee, mitgeteilt, dass Tencent trotz einer Anzahlung von umgerechnet 500.000 Euro die Preisverleihung nicht wie geplant übertragen werde. Als Grund wurde der politisch provozierende Film "Zehn Jahre" vermutet, dem die besten Chancen für die Auszeichnung als bester Film eingeräumt wurden - zu Recht, wie sich am Sonntag zeigte.

Filmszene: Der Selbstverbrenner (Foto: Andy Wong)

Szene aus dem Kurzfilm über die Selbstverbrennung eines Aktivisten

Einschränkung der Freiheiten

Der Film "Zehn Jahre" thematisiert gesellschaftliche Veränderungen, die sich aus Sicht der Filmemacher bis zum Jahr 2025 in Hongkong durchgesetzt haben werden. Der Film besteht aus fünf Kurzfilmen und beleuchtet aus unterschiedlichen Perspektiven Themen wie Bürgerfreiheiten und die Menschenrechtssituation in Hongkong.

In einem Kurzfilm wird zum ersten Mal ein junger Anführer der Studentenbewegung unter der Verwendung des Artikels 23 des Hongkonger Grundgesetzes verhaftet, sein Hungerstreik führt zu seinem Tod im Gefängnis. Der besagte Artikel stellt "Staatsverrat und Untergrabung der Staatsgewalt der Zentralregierung in Peking" unter Strafe. Ein Unterstützer zündet sich vor dem britischen Generalkonsulat in Hongkong als Solidaritätszeichen selbst an. Andere Studenten kommen darufhin zu der Überzeugung, dass die Unabhängigkeit der einzige Ausweg für Hongkong ist.

Massenproteste in Hongkong 2014 (Foto: EPA)

Realer Hintergrund: Massenproteste in Hongkong 2014

In einem anderen Kurzfilm geht es um die kulturelle Identität der Hongkonger Bürger, den Hongkonger Dialekt Kantonesisch. Im Jahre 2025 gilt in dem Film auf Beschluss Pekings, dass Chinesisch auch in Hongkong die Amtssprache ist. Betroffen ist ein Taxifahrer im mittleren Alter, der die Sprachprüfung für Chinesisch nicht bestanden hat. Er muss fortan mit einem Aufkleber an seinem Taxi mit der Aufschrift "Kann kein Chinesisch" durch die Stadt fahren und kämpft ums Überleben.

Die Hongkonger sind auf ihre Sprache stolz. So wurden die Reden zur Preisverleihung außer von einer Rednerin komplett in Kantonesisch gehalten. Filmkritiker sind einhellig der Meinung, dass der fiktive Film dokumentarischen Charakter hat und die dunkle Zukunft Hongkongs unter chinesischer Verwaltung prognostiziert.

1997 wurde die chinesische Souveränität in der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong wieder hergestellt. Die Sonderverwaltungszone Hongkong wird seitdem unter dem Grundsatz "Ein Land, zwei Systeme" und "Selbstverwaltung durch Hongkonger" regiert. Doch viele Hongkonger sehen verstärkte Einmischung aus Peking in ihr freiheitlich-demokratisch organisiertes Leben.

"Es ist nicht zu spät"

Bevor der Preisträger für den "besten Film" verkündet wurde, sprach der Laudator und Vorsitzender der Jury, Derek Yee, von "komplizierten Vorgängen" im Vorfeld der Verleihung und spielte auf die abgesagte Übertragung an. Ferner habe ihn ein Mitarbeiter gefragt, so Yee in seiner Laudatio weiter, ob er in der Pressemitteilung den Film "Zehn Jahre" überhaupt erwähnen soll, weil er negative Auswirkung auf die Jury und das Filmfestival befürchtet habe. "Ich habe geantwortet: 'Die einzige Sache, die wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst.'" (Das bekannt Zitat geht auf Franklin D. Roosevelt bei seiner Amtsführung als US-Präsident 1933 zurück.) Dann verkündete Derek Yee: "Der beste Film ist dieses Jahr 'Zehn Jahre'."

Filmszene: Der Taxifahrer, der kein Chinesisch spricht (Foto: Andy Wong)

Szene mit dem Taxifahrer, der kein Chinesisch spricht

Sichtlich berührt zeigte sich Andrew Choi, einer der Produzenten des Films. "Ich danke den Bürgern in Hongkong", sagt Choi, "ihr habt uns gesagt, Hongkong hat noch Zukunft und es ist nicht zu spät." Mit dieser Einblendung endet auch der 104 Minuten lange Film. Ng Ka Leung, der andere Ko-Produzent, sagte: "Wir werden weiterhin für Hongkong Kunst schaffen, insbesondere für die Menschen in Hongkong, die schweigen."

Unvollständige Preisliste auf Festland

Wie erwartet haben Chinas Medien am Montag über alle anderen Preiskategorien berichtet, nur nicht über den "Besten Film". Shu Kei, Leiter des Instituts für Film und Fernsehen an der Hongkonger Akademie für darstellende Künste, ist fest davon überzeugt, dass der Film die höchste Filmauszeichnung Hongkongs verdient habe. Im Interview mit der DW sagt er: "Die andere wichtige Botschaft ist, dass eine versuchte Einflussnahme auf die Preisvergabe durch das Festland in Hongkong nicht gelingen kann. Sonst hätte der Film den Preis nicht bekommen."

Filmszene erinnert an die Roten Garden in der chinesischen Kulturrevolution. (Foto: Andy Wong)

Zukunftsvision: Erneut terrorisieren Rote Garden wie in der Kulturrevolution

Peter Lam, Vorstandsvorsitzender des größten Filmverleihs in Hongkong, "Media Asia Film", äußerte sich in der Tageszeitung "Apple Daily" kritisch über die Auszeichnung. "Zehn Jahre" sei weder in anderen Kategorien nominiert worden, noch könne ein beeindruckendes Einspielergebnis vorweisen. Der Low-Budget-Film erzielte in den Hongkonger Kinos bislang Einnahmen von umgerechnet 600.000 Euro. Eine Lizenz für Festlandchina hat er nicht. "Er ist ein Unglück für Hongkongs Filmindustrie", so Lam, "der Preis ist gegenüber anderen Filmemachern nicht fair. Der Filmpreis wird politisch instrumentalisiert." Lam ist zugleich Vorsitzender des Hongkong Tourismusverbands und Mitglied in der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes in Peking.

"Völlig absurd" urteilte die scharf nationalistische Pekinger Tageszeitung "Global Times" schon im Februar. "Die Regisseure wollen in Hongkong die Stimmung der Verzweiflung verbreiten. Das ist ihr gutes Recht", so der Kommentator der Zeitung, der wie immer anonym ist. Allerdings richte der Film in Hongkong große Schäden an, er wirke wie ein "Gedankenvirus".

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