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Politik

Geburtstagsgrüße aus Moskau

Wenn dieser Tage die Bundesrepublik Deutschland ihren 60. begeht, dann fragen viele Russen ganz genau nach: Und was ist mit der Gründung der DDR? Ein prominentes Beispiel.

Fernschreiber Moskau

Dass Deutschland seinen Platz und seine Rolle in Europa findet, wünscht der einstige sowjetische Diplomat Julij Kwizinski der "BRD" zum Feiertag. Es gebe ja doch immer noch reichlich Probleme zwischen Deutschen-Ost und Deutschen-West, mit der deutschen Identität also. Kwizinksi sitzt heute als Abgeordneter für die Kommunistische Partei in der Staatsduma und hält engen Kontakt zur "Linken" in Europa, vor allem zur deutschen.

Wie damals nach "Versailles"

Deutschland, West wie Ost, solle seinem Land, Russland, doch bitte helfen, wenn dieses sich jetzt wieder von seinen Knien erhebe und zu alter Größe und Macht zurückfinde. Gerade Deutschland müsse Russland bei diesem Drang zurück auf die Weltbühne doch verstehen, meint Kwizinski. Und er vergleicht die aktuelle Lage seiner Heimat mit der Deutschlands nach "Versailles", dem Kapitulationsfrieden, den das Kaiserreich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg unterzeichnete.

Kwizinski muss es ja wissen! Der heute 72-jährige Germanist und promovierte Jurist glaubt sich bestens im Bilde, was Deutsche Geschichte betrifft - vor allem die des 20. Jahrhunderts. Denn er hat sie als Diplomat im Dienste der Sowjetunion mit gestaltet. Geboren im fernen Sibirien, katapultierte ihn seine Diplomatenlaufbahn ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Für Moskau arbeitete Kwizinski im Kalten Krieg als Dolmetscher, Gesandter und Botschafter mehrere Jahre in Ost-Berlin und Bonn. Als Chefunterhändler und letzter Vize-Außenminister der UdSSR handelte er im Zuge der "2+4-Gespräche" die Deutsche Einheit mit aus.

"Wandel durch Annäherung"

Mit der ebenfalls 1949 gegründeten DDR, einem so genannten sozialistischen Bruderstaat im "Warschauer Pakt", habe man im Kreml ja nie Probleme gehabt. Doch das Auskommen mit Bonn, dem "kapitalistischen Klassenfeind" und Brückenkopf der USA in Europa, war es stets schwierig, erinnert sich Kwizinski.

Vor allem Kanzler Konrad Adenauer habe den sowjetischen Kremlherren lange als "Europas Störenfried Nummer eins" gescholten, weil er die Nachkrieggrenzen im Osten und die Deutsche Teilung immer wieder angeprangert habe. Erst unter Willy Brandt habe man sich entspannt. "Wandel durch Annäherung" brachten Bonn und Moskau einander näher, bis Helmut Schmidt und der "NATO-Doppelbeschluss" die Beziehungen wieder vereisen ließen.

Kohls "Dummheit"

Unter Helmut Kohl tauten sie wieder auf. Und das, obwohl dessen Vergleich Gorbatschows mit Goebbels die Kremlmauern beben ließen. Kwizinski, der damals als Sowjetbotschafter in Bonn scharfen Protest gegen Kohls Äußerung eingelegt und mit der Verschlechterung der Beziehungen gedroht hatte, gerät noch heute in Rage, wenn er von dieser "Dummheit" erzählt.

Die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland seien immer schon wechselhaft gewesen und zerbrechlich. Aber eben immer auch immens wichtig für Europa, meint Ex-Diplomat Kwizinski. "Beziehungspflege" sei deshalb das allerwichtigste zwischen Moskau und Berlin - gerade heute, wo doch beide Seiten ihre neue Rolle in der Welt suchten, Russland wie Deutschland.

Autor: Markus Reher

Redaktion: Kay-Alexander Scholz