1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Ruth Klüger und die letzten Stimmen des Holocaust

Die Wissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger ist am 30.10.2016 85 Jahre alt geworden. Sie hat den Holocaust miterlebt. Wir stellen sie und andere vor, die heute noch von der Verfolgung durch die Nazis berichten können.

Sie selbst hatte wahrscheinlich am wenigsten damit gerechnet, dass dieser Moment einmal kommen würde: Am 27. Januar 2016 steht Ruth Klüger vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages und hält eine Rede. Es ist der 71. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, an die in dieser Feierstunde im Bundestag erinnert wird. Als Kind war Ruth Klüger deportiert worden - weil sie Jüdin ist. Auschwitz ist nur eines von drei Lagern, in das die Nationalsozialisten sie zusammen mit ihrer Mutter interniert haben.

Deutschland Berlin Bundestag Gedenken Holocaust Ruth Klüger Applaus (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

Starker Applaus für die Rede von Ruth Klüger (re) im Bundestag

Wie hat sie das alles überlebt? Durch Zufall zum einen, durch die Liebe zur Lyrik zum anderen, sagt die heute 85-Jährige. "Ich habe den Verstand nicht verloren, ich habe Reime gemacht." 

Schiller-Balladen statt Schule 

Ruth Klüger, die 1931 in Wien als Tochter eines Gynäkologen in eine jüdische Familie hinein geboren wird, erlebt eine Kindheit, die geprägt ist von Ausgrenzung und Antisemitismus. Sieben Jahre alt ist sie, als Hitler in Österreich einmarschiert. “Das waren Hitlerjahre für mich, es war das Gegebene.“

Schon als kleines Mädchen beschäftigt sie sich viel mit Gedichten, lernt alleine "in der düsteren Wohnung" ganze Schiller-Balladen auswendig, weil sie als Jüdin nicht einmal die Schule besuchen darf.

Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt

Im September 1942, da ist Ruth Klüger zwölf Jahre alt, werden sie, ihre Mutter und Großmutter in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, von dort weiter nach Auschwitz-Birkenau. 1944 entkommt sie dem Tod um Haaresbreite. Es ist eine Zeit in Auschwitz, "in der die Gaskammern und Kamine im Lager auf Hochbetrieb laufen", berichtet sie in ihrer Rede im Deutschen Bundestag.

Es gelingt ihr, sich in eine Selektion im Lager einzuschmuggeln, die arbeitsfähige Frauen ab 15 Jahren zum Kriegsdienst auswählt. Sie ist deutlich jünger, behauptet jedoch, das nötige Alter zu haben. Man glaubt ihr und schickt das Mädchen ins Arbeitslager Christianstadt. Dort rodet sie Wald, gräbt Stümpfe gefällter Bäume aus, hackt Holz, trägt Schienen. Während sie arbeitet, sagt sie sich auswendig gelernte Gedichte auf und betreibt so viel Sabotage wie möglich. Die klangvolle Sprache der Lyrik gibt ihr Halt, das Rezitieren der Gedichte ist ihre Überlebensstrategie. 

Ein Gesichtsloser 

sucht sich zum Graben hinunterzuwälzen.

Das Mädchen, die tuchbedeckte Schüssel krampfhaft haltend, läuft schluchzend ins lichte Haus.

Im Steinbruch frieren Kinder in der rostigen Luft. 

(Auszug aus "Landschaftsgedicht") 

Merkel bei der zentralen Auftaktveranstaltung 70 Jahre Auschwitz Befreiung 26.01.2015 Berlin (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Angela Merkel bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz 2015

Vom Todesmarsch in die Freiheit

1945 schickt die SS Häftlinge auf einen Todesmarsch vom Arbeitslager Christianstadt nach Bergen-Belsen. Ruth Klüger und ihrer Mutter gelingt die Flucht. Sie können sich bis nach Straubing in Bayern durchschlagen, wo sie von der US-Armee in Empfang genommen werden. Mutter und Tochter sind frei. Ihren Vater und ihren Halbbruder sieht Ruth nie wieder. "Ich kann nicht verzeihen, dass mein Bruder in der Ukraine erschossen wurde und dass mein Vater - weiß Gott wo, wahrscheinlich in Litauen - umgekommen ist", sagt Ruth Klüger im DW-Interview Anfang des Jahres.

In Straubing macht Klüger das Notabitur und beginnt ein Studium an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Regensburg. Doch es hält sie nicht lange in Deutschland - für sie ist es ein für Juden "verbotenes Land". Nach knapp zwei Jahren emigriert sie schließlich mit ihrer Mutter in die USA. 

Karriere an der Uni

In New York studiert sie zunächst Bibliothekswissenschaften und Anglistik, nach dem dortigen Abschluss nochmal Germanistik an der "University of California" in Berkely. "Ich wollte was werden. Ich wollte unabhängig sein", sagt Ruth Klüger in einem Interview mit dem SZ-Magazin. Und Ruth Klüger "wurde etwas": Nach ihrer Promotion 1976 über "Das barocke Epigramm" arbeitet sie als Dozentin an zahlreichen amerikanischen Universitäten. Von 1980 bis 1986 hat sie die Professur für Germanistik an der "University of Princeton" inne. 1986 folgt sie einem Ruf an die "University of California" in Irvine.

Ruth Klüger (picture alliance/dpa)

Ruth Klüger war in Deutschland ein vielgefragter Gast in Kultursendungen, hier 2008 bei "Aspekte" (ZDF)

Schon in den 1950er Jahren heiratet sie den Historiker Werner Angress, und publiziert bis in die 1980er unter dem Namen "Ruth K. Angress". Ihre unglückliche Ehe, aus der zwei Söhne hervorgehen, und die als Befreiung empfundene Scheidung, thematisiert sie später in ihrer Autobiografie "Unterwegs verloren - Erinnerungen" (2008). Danach schreibt sie nur noch als Ruth Klüger.

Klügers literarische und wissenschaftliche Arbeiten weisen eine enorme Bandbreite auf: Sie reichen vom Barock bis zur Gegenwartsliteratur, von Lessing über Kleist bis Heine, von Kästner zu Thomas Mann. Sie befasst sich mit den Zusammenhängen von Dichtung und Geschichte, der literarischen Darstellung des Holocaust, dem Bild der Juden in der Literatur. Mitte der 1970er Jahre wendet sich Klüger dann verstärkt feministischen Themen zu. 

Mit 60 Jahren das Schweigen brechen

Obgleich sie an der Universität deutsche Literatur lehrt, publiziert Klüger lange Zeit nur in Englisch. Erst Ende der 1980er Jahre, als sie eine Gastprofessur in Göttingen übernimmt, wagt sie, sich ihrer Muttersprache wieder anzunähern. Und sie beginnt von ihrer Kindheit zu erzählen. "weiter leben. Eine Jugend" (1992), in dem Klüger ihre Erinnerungen aufschreibt, wird ein Bestseller und der erfolgreiche Start ihrer späten Karriere als jüdisch-amerikanische Autorin. "Ruth Klüger liebt die Stille, die alarmierende freilich, die Knappheit, die provozierende, das Understatement, das Schreiende", so Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

Deutschland Berlin Bundestag Gedenken Holocaust Ruth Klüger (Reuters/F. Bensch)

Ruth Klüger vor dem Deutschen Bundestag am 27. Januar 2016. "Einem Zufall verdanke ich mein Weiterleben"

Kein Verzeihen möglich

Bis heute kann Ruth Klüger, die am 30. Oktober 1931 geboren ist, Deutschland nicht ohne Skepsis betrachten. Sie kann nicht verzeihen, was die Nationalsozialisten und die deutsche SS in den Lagern ihr antaten. "Wir Überlebende sind nicht zuständig für Verzeihung", sagt die 85-Jährige in einem Interview mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA. "Ich halte Ressentiments für ein angebrachtes Gefühl für Unrecht, das nicht wiedergutzumachen ist." Ein Satz wie in Stein gemeißelt.

 

Anlässlich des 85. Geburtstags von Ruth Klüger zeigt 3sat den Dokumentarfilm "Das Weiterleben der Ruth Klüger" am Sonntag (30.10.2016) um 11.30 Uhr. 

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links