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Demografische Entwicklung

Geburtenmangel - "Haltung wie vor 50 Jahren"

Auf einem Demografiegipfel diskutieren Bundeskanzlerin Merkel und vier ihrer Minister Strategien gegen den Bevölkerungsschwund. "Unterdurchschnittlich" nennt Experte James Vaupel im DW-Interview ihre bisherige Bilanz.

DW: Vor ein paar Jahren herrschte in Deutschland die Furcht vor einer überalterten Gesellschaft. War der "Demografie-Kollaps" nur Panikmache, eine typisch deutsche Angst?

James Vaupel: Ja, das war eine weitgehend unbegründete "German Angst". Aber nicht nur in Deutschland herrscht diese Furcht, auch in Italien, Polen, Russland und anderswo. In vielen Ländern ist die Bevölkerungszahl ja in der Tat zurückgegangen. Und wenn man das hochrechnet in die ferne Zukunft, dann kann man sich schon ein beängstigendes Szenario ausmalen mit einer stark geschrumpften Zahl an Menschen. Aber das würde sehr lange brauchen, viele Jahrzehnte. Bis dahin kann sich einiges ändern in der Politik und im Verhalten der Menschen.

Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Direktor James W. Vaupel (Max-Planck-Institut für demografische Forschung)

Der Amerikaner James W. Vaupel leitet das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock

Hat sich in Deutschland schon etwas verändert? Wir erleben ja derzeit so etwas wie einen Mini-Babyboom.

Wenn die Deutschen wirklich so viele Kinder bekommen würden, wie sie es sich wünschen, dann hätte eine Durchschnittsfamilie zwei Kinder. Aber von dieser Zahl sind wir immer noch weit entfernt. Warum? Ein Problem ist die fehlende Kinderbetreuung. Es ist schwierig, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Vor allem im Westen Deutschlands wird von Müttern kleiner Kinder erwartet, dass sie zu Hause bleiben. Dass schadet der Karriere und dem Einkommen.

Mit mehr Elterngeld und mehr Kita-Plätzen versucht die Bundesregierung, die Situation zu verbessern. Erfolglos?

Das hat nur bescheidenen Erfolg gebracht. Es ist zu wenig. Wenn ein junges Paar ein Kind bekommt, dann tragen sie eine enorme Last. Und die Regierung könnte sehr viel mehr zur Entlastung beitragen. Dänemark und Schweden sind da viel weiter als Deutschland. Dort gibt es eine lange Elternzeit und flexiblere Arbeitszeiten. Außerdem gute Möglichkeiten, in Teilzeit zu arbeiten. Und die Kinderbetreuung ist umfassend und kostet Eltern nur wenig.

Wie würden sie die Arbeit der Regierung in diesem Bereich insgesamt bewerten? Sind wir nur Durchschnitt im Vergleich der Industrieländer?

Deutschland ist schlechter als der Durchschnitt, wenn es darum geht, jungen Leuten mit Kindern zu helfen. Und ganz besonders, was die Einstellung arbeitenden Müttern gegenüber angeht, zumindest im Westen. Das ist eine Haltung wie vor 50 Jahren. Nicht gerade förderlich für die Geburtenrate.

Müssen also Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern eine Lücke füllen?

Natürlich kann ein 20-jähriger Migrant ein Baby ersetzen, das vor zwanzig Jahren nicht geboren wurde. Aber die Schwierigkeit liegt in der Eingliederung in die Gesellschaft. Das ist ein Problem in vielen europäischen Ländern.

Wenn Sie Frau Merkel eine politische Entscheidung abnehmen könnten - was würden Sie als erstes ändern in Deutschland?

Das Rentensystem, das Renten-Eintrittsalter. Das viele Geld für die Rentner ist einer der Gründe, warum Deutschland nicht genug Geld für junge Familien hat. Wenn die Deutschen länger arbeiten würden, dann würde das viel Geld sparen und die Wirtschaft ankurbeln. Man könnte mehr für Bildung ausgeben, für Gesundheit, für die Integration von Flüchtlingen, für Verteidigung, für Forschung.

Und wie wollen Sie die Deutschen davon überzeugen, im Alter zu arbeiten?

Wichtigster Punkt wären flexiblere Arbeitszeiten. Wenn man die Menschen ermutigen möchte, länger im Arbeitsleben zu bleiben, dann braucht man mehr Teilzeitjobs, mehr Jobs, in denen man selbst über die Arbeitszeit bestimmen kann. Das deutsche System ist immer noch zu starr.

Beim Demografiegipfel in Berlin kommt nicht nur die Kanzlerin zu Wort, sondern auch der Innenminister, der Landwirtschaftsminister und die Umweltministerin äußern sich zu Teilaspekten des demografischen Wandels. Ist das Thema nicht viel zu komplex, als dass man es politisch überhaupt gesteuert bekommt?

Das ist natürlich kein leichtes Thema für die Regierung. Man kann die Leute nicht zum Kinderkriegen zwingen. Man braucht Fachleute aus allen Bereichen, um die Diskussion in Gang zu halten, um die Leute zu informieren. Aber am Ende ist die Lösung ganz einfach: Die Deutschen müssen im Alter länger arbeiten und das Geld, das dadurch gespart wird, muss in die Förderung junger Familien fließen.

Prof. Dr. James W. Vaupel ist Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock.

Das Interview führte Peter Hille.