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Politik

Gebrochene Versprechen für Tibet

Vor 40 Jahren gründete sich die "Autonome Region Tibet", doch über der Jahresfeier hängt ein dunkler Schatten: von Autonomie kann auch heute noch keine Rede sein, noch immer sind die Tibeter Statisten im eigenen Land.

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Tibeter wollen unabhängig sein

Feierlich ist es, pompös und perfekt organisiert: Seit Tagen haben Sänger und Tänzer in bunten Trachten vor dem Potala-Palast in Lhasa, der heiligen Stätte des tibetischen Buddhismus, für die Feiern zum 40. Gründungstag der "Autonomen Region Tibet" geübt. Eine über 50-köpfige Delegation hochrangiger chinesischer Beamter ist in Lhasa dabei, angeführt von der Nummer Vier in Chinas Parteihierarchie: Jia Qingling, Vorsitzender der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes.

Dalai Lama in Japan

Der Dalai Lama wird systematisch beschimpft.

Die Tibeter selbst sind bei diesen Feierlichkeiten eher unfreiwillige Statisten. Das vermutet jedenfalls Tsewang Norbu, Vorstandsmitglied des Vereins der Tibeter in Deutschland: "Eingebunden werden die Tibeter auf alle Fälle, weil sie gezwungen werden, bei den Feierlichkeiten teilzunehmen." Für viele Tibeter sind die landesweit übertragenen Feiern vor allem eine Erinnerung an gebrochene Versprechen. Von echter Autonomie kann in Tibet keine Rede sein. In Ämtern und Schulen ist noch nicht einmal der Gebrauch der tibetischen Sprache gestattet. Der Dalai Lama wird systematisch beschimpft: als Spalter des Vaterlandes, als Werkzeug westlicher Anti-China-Kräfte, als Vertreter feudalistischer Sklavenhalter.

Entschuldigung bei den Tibetern

50 Jahre Invasion chinesische Truppen in Tibet

50 Jahre nach der Invasion in Tibet durch Chinas Volksbefreiungsarmee gilt diese bis heute als Garant für die Kontrolle Pekings über das größte Hochland der Erde.

Schon kurz nach der Gründung des "Autonomen Gebiets Tibet" 1965 kamen sehr schlechte Nachrichten nach außen: In ganz China wütete ab 1966 zehn Jahre lang die von Mao entfesselte Kulturrevolution. Die religiös geprägte Kultur Tibets wurde dabei von den Roten Garden besonders brutal zerstört. Hoffnung keimte erst wieder zu Beginn der 1980er Jahre auf, als eine Inspektionsreise den reformorientierten Generalsekretär Hu Yaobang 1980 auch nach Tibet führte.

Damals geschah etwas Unglaubliches: Hu Yaobang entschuldigte sich öffentlich bei den Tibetern. Er versprach ihnen mehr politische, kulturelle und religiöse Autonomie. Ein von Hu 1981 präsentierter "Fünf-Punkte-Plan" sah sogar die Rückkehr des Dalai Lamas aus dem Exil vor - allerdings nicht nach Lhasa, sondern an einen Schreibtisch in Peking. Die exiltibetische Seite aber war nicht bereit, die restriktiven Bedingungen des "Fünf-Punkte-Planes" zu akzeptieren.

Peking putzt sich heraus

Polizei in Peking

Ab 1984 setzte eine neue Eiszeit ein. Mit dem Sturz Hu Yaobangs verschlimmerte sich die Lage. Die zuvor eingeleiteten Reformen wurden in ihr Gegenteil verkehrt.

Erst seit 2002 gab es wieder Gespräche Pekings mit Gesandten des Dalai Lama. Doch von den Gesprächsrunden gibt es nicht viel mehr an Positivem zu berichten, als das sie überhaupt stattfanden. Dabei hat der Dalai Lama inzwischen jede Forderung nach staatlicher Unabhängigkeit Tibets fallen gelassen. Er fordert lediglich echte Autonomie innerhalb des chinesischen Staatssystems. Die fordert er allerdings nicht allein für das Gebiet der heutigen "Autonomen Region Tibet", sondern für das gesamte tibetische Siedlungsgebiet auf chinesischem Boden. Das ist allerdings fast doppelt so groß wie die heutige "Autonome Region Tibet" und erstreckt sich zusätzlich auf Teile der Provinzen Sichuan, Qinghai, Gansu und Yunnan.

Statisten im eigenen Land

Mithin stellt sich heute die Definition dessen, welche Gebiete Tibet umfasst, als Haupthindernis in den Gesprächen der Exiltibeter mit der chinesischen Regierung dar. Zugeständnisse von Peking sind in dieser Hinsicht nicht zu erwarten - die Folgen für die komplizierte Struktur des chinesischen Vielvölkerstaates machen diese Option für Peking nicht eben attraktiv. Vermutlich wird Peking weiter versuchen, den Konflikt mit den Mitteln der Vergangenheit auszusitzen: Zu diesen Mitteln gehört eine Kombination aus wirtschaftlicher Entwicklung, militärischer Unterwerfung und rigider politischer Kontrolle. Und die Tibeter bleiben Statisten im eigenen Land.

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