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Fokus Südosteuropa

Gebrochene Knochen, kaputte Seele

Gegen Prügel und Erniedrigung - Die Türkei hat eine europäische Konvention zum Schutz von Frauen unterzeichnet. Jetzt braucht das Land Polizisten und Richter, die die Gesetze im Alltag umsetzen, fordern Menschenrechtler.

Symbolbild Gewalt gegen Frauen (Quelle: picture-alliance/Photoshot)

"Sie hat 24 Jahre lang unter Missbrauch gelitten, unter sexueller Gewalt. Er hat sie fast jeden Tag vergewaltigt, er hat sie mit einem Stock auf den Kopf geschlagen. Sie hat mir die Narben in ihrem Gesicht gezeigt. Und als sie dann endlich so mutig war, zur Polizei zu gehen, da wurde sie abgewiesen und zurück nach Hause geschickt. Und das ist drei Mal passiert", so schildert Gauri van Gulik von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch die Geschichte einer Frau, 40 Jahre alt, aus der ostanatolischen Stadt Van. Schwere Missbrauchsfälle wie diesen hat die Aktivistin in dem Bericht "Er liebt dich, er schlägt dich" dokumentiert. Für van Gulik steht fest: Die türkischen Behörden haben beim Schutz der Frau versagt.

Unzählige Opfer

Logo von Mor Çatı (Quelle/Copyright: Mor Çatı)

Kampf für Frauenrechte: Die Beratungsstelle "Lila Dach"

Laut einer landesweiten Studie der Hacettepe Universität Ankara aus dem Jahr 2009 erfahren zwischen 40 und 50 Prozent aller Frauen in der Türkei im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt. Das sind doppelt so viele wie im europäischen Durchschnitt. Die Gewalt gegen Frauen habe in den vergangenen Jahren sogar zugenommen, sagt Ilke Gökdemir, ehrenamtliche Mitarbeiterin im autonomen Istanbuler Frauenhaus "Mor Cati" - was soviel bedeutet wie "Lila Dach". Hier gibt es gerade Platz für 20 Frauen. Für juristische oder psychologische Beratung können die Opfer die Nummer einer Notrufhotline wählen.

Schlagzeilen in den türkischen Medien machen auch immer wieder Morde an Frauen. Erst kürzlich hatte ein 30-Jähriger in der südostanatolischen Provinz Mardin nach einem Streit seine 22-jährige Frau erschossen. "Jeden Tag werden drei bis fünf Frauen umgebracht", sagt Frauenaktivistin Gökdemir. Allein im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Organisation Bianet mehr als 200 Frauen in der Türkei getötet.

"Er kann lieben, aber auch schlagen"

Frauen demonstrieren in Istanbul gegen Gewalt (Quelle: AP)

Befreiungsschreie: Frauen demonstrieren in Instanbul gegen Gewalt

Dabei gibt es in der Türkei seit Ende der 1990er Jahre ein Familienschutzgesetz. Doch das werde von den Behörden nicht richtig angewandt, kritisiert Frauenaktivistin Gökdemir. Viele Polizisten wüssten noch nicht einmal, dass es ein solches Gesetz in der Türkei gebe. So komme es oft vor, dass sie versuchten, die Opfer mit den Tätern zu versöhnen, sagt die Frauenaktivistin. "Dann sagen sie den Frauen: 'Das ist ein Mann - Er kann lieben, aber auch schlagen', und dann schicken sie die Frau nach Hause zurück zum Täter."

Auch Staatsanwälte und Richter reagierten häufig nicht schnell genug auf die Klagen der Frauen. So müssten manche Opfer sogar bis zu neun Monaten warten, bevor ihr Peiniger per Gerichtsbeschluss aufgefordert werde, auf Sicherheitsabstand zu gehen. Außerdem gebe es im bestehenden Familienschutzgesetz große Lücken, sagt Guri van Gulik von Human Rights Watch. "Geschiedene oder unverheiratete Frauen oder Frauen, die nicht standesamtlich, sondern nur religiös getraut wurden, haben keinen rechtlichen Anspruch auf Schutz nach dem derzeitigen Familienschutzgesetz."

Das Gesetz muss in die Köpfe

Logo der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (Quelle: HRW)

Fordert einen besseren Schutz von Frauen

Die Türkei hat nun als eines von bislang 13 Ländern, darunter auch Deutschland, ein europäisches Abkommen zum besseren Schutz von Frauen unterzeichnet. Menschenrechtler sehen darin einen wegweisenden Schritt. Die Konvention definiert erstmals Formen von Gewalt gegen Frauen und regelt etwa die strafrechtliche Verfolgung von Tätern, die Arbeit der Polizei und die Art und Anzahl von Frauenhäusern. Auch gegen Ehrenmorde und Zwangsehen sollen die Staaten gezielt vorgehen. Eine internationale Expertengruppe wird die Umsetzung des Abkommens überwachen.

Die Regierung müsse also in Zukunft mehr in den Schutz von Frauen investieren, fordert van Gulik. "Das bedeutet auch, dass die Aufmerksamkeit für dieses Thema in Polizeischulen, auf den Lehrplänen, wachsen muss, dass mehr Frauenhäuser gebaut werden - denn es gibt zu wenige - und die Pflegeangebote für die Opfer verbessert werden müssen". Vor allem aber - davon sind Menschenrechtler überzeugt - müssten die Gesetze in den Köpfen der türkischen Politiker, Polizisten, Richter und Staatsanwälte ankommen.

Autorin: Julia Hahn
Redaktion: Mirjana Dikic

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