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Fokus Osteuropa

Gebrochene Biografien

Der Fotograf Rüdiger Lubricht hat die Gegend um den Unglücksreaktor von Tschernobyl bereist. Nun hat er einen Bildband veröffentlicht. Im Interview spricht er über seine Fotos und die Geschichten dahinter.

Des deutsche Fotograf Rüdiger Lubricht in Tschernobyl (Foto: Rüdiger Lubricht)

Rüdiger Lubricht kommt seit acht Jahren immer wieder nach Tschernobyl

Die Fotos Lubrichts zeigen verlorene Orte: Dörfer und Städte um den Unglücksreaktor, die von den Bewohnern verlassen und für unabsehbare Zeit unbewohnbar sind – aber auch solche Orte, in die die Älteren inzwischen wieder zurückgekehrt sind. Er hat fotografisch dokumentiert, wie es den Menschen vor Ort geht und mit welchen gesundheitlichen Problemen sie in der zweiten und dritten Generation zu kämpfen haben.

DW-WORLD.DE: Herr Lubricht, seit acht Jahren besuchen Sie immer wieder die Sperrzone und fotografieren in der Geisterstadt Pripjat und in den verlassenen Dörfern der Umgebung. Wie kamen Sie dazu, sich mit Tschernobyl zu befassen?

Rüdiger Lubricht: Ich hatte 2003 Gelegenheit, durch den Kontakt zur niedersächsischen Landesstiftung "Kinder von Tschernobyl" eine Reise in die Ukraine zu unternehmen. Dort habe ich zusammen mit der Stiftung verschiedene Krankenhäuser, vornehmlich Kinderkrankenhäuser besucht, weil sie von der Stiftung medizinisch betreut wurden. Das war der Beginn. Ich hatte dabei schon im Herbst 2003 die Gelegenheit, kurze Zeit in die Sperrzone zu fahren. Ich war von den Eindrücken in der Stadt Pripjat und von den Häusern in den Sperrzonen in 30 bzw. 10 Kilometer Entfernung um den Reaktor so ergriffen, dass ich die Gedanken daran nicht mehr los lassen konnte.

Welches Ziel verfolgen Sie mit ihren Werken? Was wollen Sie den Menschen sagen?

Ich denke, dass ich einen kleinen Beitrag gegen das Vergessen leisten kann. Ich will natürlich auch Aufklärung leisten. Ich will zeigen, was passiert ist, damit sich die Leute mit den Bildern auch inhaltlich auseinander setzen können, damit sie für sich auch Entscheidungen treffen können. Ich will also ein wenig gegen das Vergessen arbeiten.

Der Kindergarten in Pripjat(Foto: Rüdiger Lubricht)

Symbol der hektischen Flucht - ein Kindergarten

Zum ersten Mal waren Sie vor acht Jahren in dem Gebiet. Was hat Sie damals am meisten beeindruckt?

Die verlassenen Dörfer und ganz besonders die Stadt Pripjat. Dort insbesondere die Kindergärten und Schulen, weil dort durch das Vorhandensein von Spielsachen, Büchern und Bildern von Kindern die Katastrophe noch deutlich spürbar war, die Situation, die sich dort 1986 abgespielt haben muss. Das war für mich ein sehr tiefer Einschnitt. Das habe ich auch nie vergessen.

Das Atomkraftwerk von Tschernobyl im Mai 2007 (Foto: AP)

Um den Unglücksmeiler herrscht gespenstische Stille

Mitte März waren Sie wieder in der Region. Wie ist die Stimmung dort? Fühlen sich die Menschen dort als Opfer?

In gewisser Weise schon, teilweise mögen sie das gegenüber Ausländern so nicht offen äußern. Ich habe sehr starke Emotionen bei den Liquidatoren gespürt (Soldaten und Feuerwehrkräften, die unmittelbar nach der Explosion zu Arbeiten am havarierten Reaktor beordert wurden). Sie fühlen sich total betrogen. Und das ist in der Tat ja auch der Fall.

Was haben die Menschen vor Ort von den Ereignissen um das AKW Fukushima gehört? Wie reagieren sie darauf?

Als ich von der Katastrophe in Japan gehört habe, war ich in der Nähe des Reaktors und habe fotografiert. So hatte ich keinen Kontakt zur Außenwelt. Nachher habe ich durch Gespräche mit Ukrainern und Weißrussen erfahren, dass die Berichterstattung über die Katastrophe in Japan dort sehr kurz gehalten wird. Es gibt kaum Informationen über die Ereignisse in Japan. Das ist wahrscheinlich eine bewusste Informationspolitik.

Werden Sie sich auch weiterhin mit dem Thema Tschernobyl befassen?

Ich habe schon viele Informationen gesammelt und Bilder gemacht. Wenn ich weitermache, dann würde mich das Schicksal der Liquidatoren interessieren. Das ist sicherlich noch nicht richtig und nicht würdig aufgearbeitet worden. Insofern kann also durchaus sein, dass ich nochmal hinfahre.

Das Gespräch führte Viktorija Sarjanka
Redaktion: Birgit Görtz / Fabian Schmidt

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