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Afrika

Gebremste Frauenpower in Westafrika

In vielen afrikanischen Ländern haben Frauen noch einen langen Weg bis zur Emanzipation vor sich. Das traditionelle Rollenbild und die wachsende Armut sind für gebildete Frauen die Haupthindernisse.

Afrikanisches Mädchen hinter Bücherregal in einer Bibliothek (Foto: Edu Loan Ltd)

Viele Frauen in Westafrika können nicht lesen

"Ich hätte kein ruhiges Gewissen, wenn mein Mann das Geschirr machen würde", sagt die 24-jährige Studentin Sandra in Burkina Faso. Sie glaubt immer noch fest daran, dass Geschirr spülen und Wäsche waschen eine Arbeit ist, die in Frauenhand gehört. Und sie ist nicht allein mit dieser Vorstellung.

Von den knapp 15 Millionen Menschen, die in Burkina Faso leben, sind mehr als die Hälfte Frauen. Viele können nicht lesen und nicht schreiben oder sind einfach nur schlecht ausgebildet, trotz aller Anstrengungen von Regierung und UN-Organisationen, wie UNICEF und UNESCO. Auch an den Universitäten ist die Schere zwischen Frauen und Männern groß: von mehr als 55.000 Studierenden im ganzen Land sind nur 16.000 weiblich.

Ehefrau statt Ausbildung

Eine bessere Zukunft für Mädchen durch eine gute Ausbildung – das ist nach wie vor nur der Wunsch weniger Eltern. Die meisten Mädchen werden für eine Zukunft in einer anderen Familie erzogen. Sobald sie heiraten, gehören sie zur Familie des Ehemannes. Die eigene dürfen sie nur noch mit deren Erlaubnis besuchen.

Zwei afrikanische Mädchen bereiten Webarbeiten vor(Foto: DW)

Hausarbeit ist weiterhin traditionell Frauenarbeit - so bereiten diese Mädchen in Burkina Faso Webarbeiten vor

Auch wenn diese Tradition zurückgeht – im Status der Gesellschaft nehmen Frauen immer noch eher eine Nebenrolle ein. Ihr Platz ist zu Hause, aber sie erledigen nicht nur Hausarbeit. Mit Weben, Nähen oder dem Anbau von Gemüse und dem Verkauf auf dem Markt unterstützen sie die Familie. Mit dieser Erfahrung wachsen viele Kinder auf. "Wenn wir zurück von der Schule kamen, gingen meine Brüder Fußball spielen oder schauten sich Filme an. Aber meine Schwester und ich mussten unserer Mutter bei der Hausarbeit helfen", erzählt Sandra. Sie stammt aus einer Familie mit sechs Kindern: drei Mädchen und drei Jungen. Sie gehört zwar zu den gebildeten Frauen, aber die traditionelle Arbeitsteilung hat sie nicht abgelegt.

Emanzipationschance durch Bildung

Das Bildungsniveau in den Familien bestimmt alles, meint Awa Diop, Soziologin und Doktorandin an der Universität "Bordeaux 2" in Frankreich: "Wenn die Mutter gebildet ist und einen guten Job hat, dann wird sie eine andere Einstellung zur Arbeitsteilung haben." Awa Diop hofft, dass der Mentalitätswandel nur eine Frage der Zeit ist. Denn mittlerweile gibt es in vielen westafrikanischen Ländern eine wachsende Zahl von Familien, die zur Mittelschicht gehören. Das Bildungsniveau ist höher als im Durchschnitt und die Chance auf Emanzipation wächst.

Schülerinnen und Schüler in einer afrikanischen Schule auf dem Land (Foto: dpa)

Bessere Bildung erhöht die Emanzipationschancen

Doch Bildung sei auch eine Frage des Schulsystems, sagt Awa Diop. Die Grundlagen, die den Kindern in der Schule vermittelt würden, wirkten oft ein Leben lang nach. Im Senegal geboren und aufgewachsen, sieht Diop deshalb auch die Bildungspolitiker in der Verantwortung und beklagt: "In Lehrbüchern wird Hausarbeit als Frauenarbeit dargestellt, und alles, was mit Büros oder geistiger Arbeit zu tun hat, als Männertätigkeit." Das sei eine echte Hürde auf dem Weg zu mehr Gleichstellung von Männern und Frauen.

Die Angst vor Armut

Die Geschlechterrollen in der westafrikanischen Gesellschaft sind ein wichtiges Thema für Awa Diop. In ihrer Doktorarbeit setzt sie sich mit Problemen auseinander, die die Emanzipation erschweren. Und dazu gehört - vor dem Hintergrund der wachsenden Armut - das Phänomen der "Tontons": junge Frauen gehen mit reichen, meistens verheirateten, Männern aus - in der Hoffnung, dass er für sie zahlt. So fühlten sie sich finanziell abgesichert, auch wenn sie keinen Erfolg im Studium hätten. Ein "ökonomisch-sexueller Austausch", erläutert Soziologin Diop.

Berni Goldblat (Foto: Archiv Goldblat)

Der Schweizer Berni Goldblat beschäftigt sich in seinem Film 'Krieg der Geschlechter' mit dem Phänomen der 'Tontons'

In Burkina Faso sind die "Tontons" ein typischer Ausdruck für diese Praxis. Die Mädchen stellen sie als "Onkel" vor. Berni Goldblat, ein Schweizer Filmemacher, ist dem Phänomen mit der Kamera nachgegangen und hat es in einem Film dargestellt: "Das sind ökonomische Gründe, denn die 'Tontons' arbeiten und haben mehr Geld als 20-jährige junge Männer", sagt er. "Und" - so Goldblat weiter - "dazu kommt auch die falsche Vorstellung der Mädchen. Sie glauben, dass ältere Männer seltener mit HIV infiziert sind als junge Männer, denn sonst wären sie schon tot."

Wege aus der Abhängigkeit

Die Wurzeln aber liegen tiefer, meint Soziologin Diop: "Viele junge Frauen haben eine Veranlagung, durch ihre Sozialisierung so zu handeln." Sie seien es gewohnt, nicht auf eigenen Füßen zu stehen, hätten von klein an gelernt, dass der Mann das "Sagen" hat.

Die jungen gebildeten Frauen könnten das ändern, denn sie haben mehr Chancen, glaubt die Wissenschaftlerin aus dem Senegal. Sie könnten durchaus ohne die "Tontons" auskommen, wenn sie nur wollten: "Statt sich auf eine drohende Armut zu berufen und diese als Schicksal hinzunehmen, sollten sie sich lieber in Frage stellen und überlegen, wie sie für ihr Leben selbst die Verantwortung übernehmen können."

Autor: Wendpanga Eric Segueda
Redaktion: Ulrike Mast-Kirschning