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Fokus Osteuropa

Gebildet und dennoch arbeitslos in Russland

Nicht nur in den europäischen Krisenländern ist Arbeitslosigkeit unter Hochschulabsolventen ein Problem. Auch in Russland können viele junge Menschen keine feste Arbeit finden.

Ein junger Mann schaut sich Jobanzeigen in Moskau an (Foto: dpa)

Jobanzeigen für jungen Menschen in Moskau

Etwa 30 Prozent der russischen Hochschulabsolventen unter 25 Jahren haben keine feste Arbeitsstelle. 65 bis 70 Prozent der jungen Absolventen finden zwar direkt nach dem Hochschulabschluss eine Arbeit und die übrigen im Durchschnitt nach fünf bis sechs Monaten - jedoch heißt das noch lange nicht, dass deren Job auch arbeitsrechtlich abgesichert ist. 25 Prozent arbeiten ganz ohne Arbeitsvertrag.

Oft reicht ein Job zum Überleben nicht. So gehen beispielsweise über 50 Prozent aller jungen Akademiker in staatlichen Unternehmen gleichzeitig mehreren Jobs nach. Das geht aus einer Untersuchung der Moskauer Wirtschaftshochschule hervor.

Latente Arbeitslosigkeit

Ein junger Mann steht vor einem Moskauer Lokal (Foto: DW)

Arbeitslose Hochschulabsolventen suchen oft nach einem Job in der Gastronomie

Viele russische Hochschulabsolventen sind der sogenannten latenten Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Ingenieure arbeiten als Lastenträger oder Naturwissenschaftler als Verkäufer. Oft sind gut ausgebildete Fachkräfte für den Job, den sie ausüben, vollkommen überqualifiziert.

So auch Jelena Kusnezowa aus Kemerowo. Im Jahr 2009 schloss die Diplompädagogin ihr Studium ab und bekam einen Job als Erzieherin in einem Kindergarten. Aber nach neun Monaten wurde Jelena entlassen. Ihren Job übernahm eine Verwandte des Kindergartenleiters. Jetzt arbeitet die Diplompädagogin in einer Bierschenke. Die Absolventin hat zwar Arbeit, ist aber nicht in ihrem Fachbereich tätig. Darunter leidet ihre während des Studiums erworbene Qualifikation. Eine Rückkehr in ein festes Arbeitsverhältnis in ihrem erlernten Beruf wird damit immer schwieriger.

Vor- und Nachteile für Freiberufler

In freiberuflichen Arbeitsverhältnissen gelingt es jungen russischen Fachkräften meist eher, eine Tätigkeit in ihrem Fachbereich auszuüben. Sie können Berufserfahrungen sammeln und verlieren dabei nicht ihre in der Ausbildung erworbenen Fähigkeiten. Jeder fünfte Absolvent in Russland arbeitet heute freiberuflich - vor allem Journalisten, Programmierer, Designer und Übersetzer. Die meisten freien Mitarbeiter gibt es im IT-Sektor. Nach Angaben der russischen Statistikbehörde haben sie einen Anteil von 35 Prozent am Arbeitsmarkt in diesem Bereich.

Doch die freiberufliche Arbeit bietet diesen jungen Russen keine berufliche Sicherheit. Ganz im Gegenteil: stets droht Arbeitslosigkeit. Freiberufler haben oft nur einen mündlichen Vertrag und somit keine soziale Absicherung. Oft werden sie von Auftraggebern betrogen. Wie das russische Web-Portal für Freiberufler "Freelance.ru" berichtet, werden bis 18 Prozent der Aufträge an freie Mitarbeiter nur zum Teil oder gar nicht bezahlt.

Staatliche Förderung gefordert

Russlands Regierung in Moskau; Kabinett mit Präsident Wladimir Putin (Foto: dapd)

Experten fordern von Russlands Regierung Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit

Russische Experten sind überzeugt, dass die Regierung des Landes die Arbeitslosigkeit unter ihren jungen Bürgern aktiver bekämpfen muss. Anna Otschkina vom unabhängigen russischen Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen nennt drei Voraussetzungen, die jungen Arbeitskräften einen Job in ihrem Fachbereich ermöglichen würden: Wirtschaftswachstum, wirtschaftliche Stabilität und staatliche Unterstützung. In Russland könne von keiner der drei Voraussetzungen die Rede sein, so Otschkina. "Anstatt jungen Menschen zu helfen, zerstört die Staatsführung das Ausbildungssystem", betont die Politologin.

Auch Tatjana Tschetwernina von der Moskauer Wirtschaftshochschule findet, die Regierung müsse Absolventen die Möglichkeit bieten, Erfahrungen in ihrem gelernten Beruf sammeln zu können. Mehr noch: Schon während ihrer Ausbildung sollten junge Russen entsprechende berufliche Erfahrungen machen können. Das erhöhe die Chance, später eine Arbeitsstelle zu bekommen. Staatlich organisierte Praktikumsplätze könnten sich hier positiv auswirken, so Tschetwernina.

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