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Sprachbar

Gebet

Seit jeher hat sich der Mensch überall auf der Welt im Gebet an eine höhere Instanz gewandt. Dabei mögen Ort oder Art des Betens verschieden sein, die Inhalte sind es nicht – egal ob in Kirche, Moschee oder Synagoge.

Was alle Menschen irgendwann einmal erfahren, ist das Erleben von Not. Sie, die Not, hat viele Gesichter: Hunger und elende Armut, Krieg, Vertreibung, die Todesnot oder Todesangst, die Verzweiflung. Immer dann, wenn die Menschen mit sich und dem, was sie sich geschaffen haben, nicht mehr weiterwissen, wenn alles versagt, was bisher hilfreich schien, wenden sie sich in unmittelbarer Anrufung an etwas, was da draußen, da oben sein und ihnen in ihrer Not beistehen soll. Sie wenden sich an einen Gott.

Gott, hilf!

In allen Weltreligionen, ob im Islam, Christen- oder Judentum, auch in den Naturreligionen gibt es diese Anrufung, die von Gläubigen und Nichtgläubigen aus tiefster Seele und größter Not hinaus und hinauf soll: das Gebet, das Stoßgebet.

Es hat keine Form, keine festgelegten Worte, es ist nicht rituell und bedarf keines besonderen Ortes. Es übergreift alle Religionen, ist ein zutiefst menschlicher, ein von allem ideologisch-religiösen Ballast befreiter Hilferuf, der letztlich auch keiner Sprache bedarf. Jedes Gebet ist eine Anrede. Beim Stoßgebet erfolgt sie auf direktestem Wege, ohne Andacht, ohne Distanz: Gott, hilf uns!

Formvollendet

Jedes Gebet in jedweder Religion richtet sich an eine als Person oder Geistwesen vorgestellte Gottheit. Im ruhigen Gebet finden die Gläubigen die Form, in dem Glaube und Frömmigkeit in Sprache gefasst sind. Gebete, die einer bestimmten Form und einem festgelegten Rhythmus folgen, nennt man gebundene Gebete.

Das Gebet kennt vielerlei Formen. Es gibt die Fürbitte, das Bittgebet, Gebete des Dankes und der Lobpreisungen. Diese Gebetstypen, wenn man so sagen darf, sind ebenfalls allen Religionen eigen. Im Grunde genommen ist das Gebet die in Worte gefasste Sehnsucht nach einer weltumspannenden Humanitas. Denn wie anders sollte es verstanden werden, dass Menschen in aller Welt um Frieden und Gerechtigkeit, Wohlergehen und um den Widerschein des Göttlichen auf Erden beten?

Haltung bewahren

Sie tun das freilich in unterschiedlicher Form, und dennoch gibt es große Gemeinsamkeiten. So ist die Körperhaltung des Betenden immer eine besondere, die sich von der gewohnten stark unterscheidet. Es ist letztlich unerheblich, ob das Gebet im Knien oder flach auf dem Boden liegend, mit gefalteten Händen, mit gekreuzten Armen und Beinen in tiefer meditativer Versenkung oder weit ausgebreiteten Armen verrichtet wird.

Welche Rolle spielt es, ob sich die Muslime nach Mekka oder die Juden nach Jerusalem wenden? Bei den Römern war der Jupitertempel auf dem Kapitol der Ort, dem sie sich im Gebet zuwandten. Es gehört ganz offensichtlich zum Wesen des Gebets, dass sich der betende Mensch in demütiger und würdiger Haltung an seinen Gott wendet.

Wo auch immer

Auch der Ort des Gebets ist ein besonderer. Sei es die Moschee – das Wort stammt aus dem Arabischen "masgid" und bedeutet "Gebetshaus" –, sei es die Kapelle, der Dom, die Synagoge oder ein Tempel. Das Gebet verlangt nach Reinheit des Betenden. Rituelle Waschungen, das Abstreifen der Schuhe vor dem Betreten des Gebetshauses, saubere Kleidung symbolisieren dies.

Der muslimische Gebetsteppich, die Gebetskleidung des Judentums bestehend aus Gebetsmantel und Gebetsriemen, der Rosenkranz und die geschmückten Gebetsaltäre der katholischen Christen, die buddhistischen Gebetsmühlen aus kostbaren Materialien, all dies bezeugt eines: Die Anrufung des Göttlichen ist immer auch mit seiner Verehrung verbunden.

Wer ist Françoise-Marie Arouet?

Das Gebet als besondere Sprechsituation, um es einmal ganz nüchtern und in der Sprache der Linguisten auszudrücken, hat eine jahrhundertealte Tradition und in vielerlei Formen auch Eingang in die Literatur gefunden. Es soll dieser Text aber mit einem Auszug aus einem ganz besonderen Gebet enden, einem Gebet, das 1763 von Françoise-Marie Arouet geschrieben wurde, der uns allen unter dem Namen Voltaire bekannt ist.

Voltaire hatte als "Anwalt der Verfolgten", wie er respektvoll genannt wurde, nach jahrelangem Bemühen die Rehabilitierung des unschuldig zum Tode verurteilten und hingerichteten Jean Calas erreicht. Was Voltaire in jener Zeit an Niedrigkeiten erlebt hatte, ließ ihn eines Nachts beim Betrachten des Sternenhimmels folgende Worte finden:

Endlich: ein Gebet

"Ich wende mich nicht mehr an die Menschen, sondern an dich, Gott aller Wesen, aller Welten und aller Zeiten (...) Du hast uns kein Herz gegeben, damit wir uns hassen, und nicht die Hände, um uns umzubringen. Gib, dass wir einander helfen, damit wir die Last eines elenden und flüchtigen Lebens ertragen können. Mögen sich alle Menschen erinnern, dass sie Brüder sind! Mögen sie die Tyrannei über die Seelen verabscheuen! Wenn schon die Geißel des Krieges unvermeidlich ist, so lasst uns wenigstens im Frieden nicht einander hassen und peinigen." Der Text stammt aus dem Traktat über die Toleranz aus Anlass des Todes von Jean Calas.

Fragen zum Text

Wie wird die direkteste Gottesanrede mit der Bitte um Hilfe in großer Not genannt?

1. Fürbitte

2. Stoßgebet

3. Andacht

Die Römer wandten sich für das Gebet zum Tempel des …

1. Bacchus.

2. Jupiter.

3. Saturn.

Was ist typisch für Gebete im Buddhismus?

1. Gebetsmühle

2. Gebetsriemen

3. Gebetsteppich

Arbeitsauftrag

Überlegen Sie zunächst allein oder mit ihrem Nachbarn, was Sie über Gebetsrituale, Gebetsort, dessen Ausstattung bzw. bestimmten Accessoires oder die Gebetshaltung in den einzelnen (Welt-)Religionen wissen. Tragen Sie anschließend Ihre Ergebnisse im Kurs zusammen und halten Sie sie in einer Tabelle fest.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Shirin Kasraeian

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