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Politik

Geberländer überlassen Erdbeben-Opfer sich selbst

So verheerend die Erdbebenkatastrophe von Kaschmir war, so kritisch ist das Verhalten vieler Geberländer und internationaler Medien. Nach wie vor reicht die Hilfe bei weitem nicht aus. Eine Analyse von Thomas Bärthlein.

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Überlebende in einem Hilfslager

In Kaschmir dauern Bergungsarbeiten an

Der 70-jährige Rematullah Khan verlor fünf Familienmitglieder

Auch einen Monat nach dem Erdbeben, das Kaschmir und angrenzende Regionen Nord-Pakistans verwüstet hat, steigen die Zahlen der Todesopfer weiter an: Pakistan hält Schätzungen der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) für realistisch, wonach allein in Pakistan 86.000 Menschen ihr Leben durch das Beben verloren haben. Wahrscheinlich ist auch diese Zahl nicht endgültig. Dazu kommen 1350 Tote im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs.

In den vom Erdbeben am 8. Oktober 2005 getroffenen Gebieten Pakistans bleibt die Lage dramatisch: Nach wie vor werden täglich Tote unter den Trümmern ihrer Häuser geborgen. Nach wie vor gibt es Gebiete, die seit einem Monat praktisch ohne Kontakt zur Außenwelt sind, weil die Verbindungswege immer noch durch Erdrutsche blockiert sind. Die Geographie macht diese Katastrophe viel schwieriger zu bewältigen als Beben von vergleichbarer Stärke in anderen Regionen.

350.000 Menschen könnten erfrieren

Wintereinbruch erschwert Hilfslieferungen im Kaschmir

Viele Dörfer lassen sich nur zu Fuß erreichen

Die größte Gefahr droht, weil der Winter in den Bergen bereits angefangen hat: 350.000 Obdachlose müssen dringend ein Dach über dem Kopf bekommen, sonst werden sie erfrieren, sagen die Vereinten Nationen. 35 Millionen Euro werden noch im November benötigt, und die Nothilfe muss über den ganzen Winter weitergehen, bis zur Schneeschmelze im April.

Erdbebenopfer in Indien

Nach dem Wintereinbruch droht jetzt vielen der Kältetod

Trotzdem fließt die internationale Soforthilfe nur äußerst spärlich. Beinahe täglich müssen die Vereinten Nationen und die internationalen Hilfsorganisationen die Geberländer an ihre Verantwortung erinnern und mit der Einstellung der Hilfsflüge drohen, damit es überhaupt weitergeht. Das ist nichts Neues: Es kommt immer wieder vor, dass Versprechungen bei internationalen Geberkonferenzen nur schleppend oder nur halb eingelöst werden. Aber hier ist jede Verspätung unverzeihlich, weil sie immer mehr Menschenleben völlig unnötig in Gefahr bringt. Der Kontrast zum letzten größeren Beben, dem Tsunami am Indischen Ozean vor einem Jahr, ist besonders auffällig - denn dort waren in wenigen Tagen die nötigen Mittel zusammen.

Wenig Medieninteresse

Eine entscheidende Rolle dürfte spielen, dass die internationalen Medien vergleichsweise wenig berichten. Im deutschen Fernsehen zum Beispiel, das hat gerade eine Untersuchung herausgefunden, wurden über die Tsunami-Katastrophe vor einem Jahr zehn Mal so viele Beiträge gesendet wie jetzt über das Beben in Pakistan. Das ist vielleicht verständlich, weil es beim Tsunami viele deutsche Opfer gab. Viele deutsche Urlauber waren zur Zeit der Katastrophe in Thailand und Sri Lanka und berichteten anschließend zuhause von ihren Erfahrungen. In die Berge Pakistans verirren sich dagegen kaum deutsche Touristen.

Seebeben Thailand deutsche Touristen zurück in München

Deutsche Touristen kehren nach der Tsunami-Katastrophe aus Thailand zurück

Vielleicht wirkte der Tsunami auch schockierender, weil vielen Menschen vorher überhaupt nicht klar war, dass es so etwas geben kann. Die Auswirkungen dieser medialen Schieflage sind allerdings dramatisch: Das Deutsche Rote Kreuz hat nach dem Tsunami mehr als 20 Mal so viele Spenden eingenommen wie jetzt nach dem Erdbeben in Pakistan.

Viele Menschen in Pakistan fühlen sich aus politischen Gründen von der internationalen Gemeinschaft isoliert. Nach dem 11. September 2001 mieden viele Geschäftsleute das Land, erst langsam nehmen die wirtschaftlichen und kulturellen Kontakte mit westlichen Ländern wieder zu. Die internationale Hilfe zeigt den Menschen in Pakistan, dass sie nicht im Stich gelassen werden - ob nun von europäischen Ländern, von der NATO oder vom Nachbarland Indien. Es gibt jetzt die Chance, dieses Signal noch wesentlich deutlicher werden zu lassen. Die Menschen, die schon seit einem Monat unter schwierigsten Umständen zurechtkommen müssen, haben schnelles Handeln verdient.

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