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Welt

Geächtet: Atheisten in der Türkei

Wer als Muslim geboren wird, bleibt auch Muslim, lautet ein Grundsatz in der Türkei. Der Atheistenverband Ateizm Dernegi sieht das anders. Kurz vor der Parlamentswahl in der Türkei sucht er hierzulande Unterstützer.

Vizepräsidentin Morgan Romano bei einer Veranstaltung des Atheismus-Verein Ateizm in Köln (Foto: Sertan Sanderson/DW)

Morgan Romano, Vizepräsidentin von Ateizm Dernegi

Es könnte ein unglückliches 13. Regierungsjahr für die islamisch-konservative AKP geben, wenn die Türken am 7. Juni ein neues Parlament wählen. Nach den letzten Umfragen verliert die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdogan die absolute Mehrheit und könnte fortan gezwungen sein, in einer Koalition zu regieren. In den vergangenen Monaten musste die AKP einige Image-Attacken hinnehmen, in deren Folge sich einstige Unterstützer losgesagt und anderen Parteien angeschlossen haben. Besonders kleinere Gruppierungen verbuchen Zulauf.

Dazu gehört auch Ateizm Dernegi, der erste Atheistenverband im Land. Seit seiner Gründung im vergangenen Jahr ist die "Vereinigung der Atheisten in der Türkei" stetig gewachsen. Inzwischen zählt sie rund 150 Mitglieder. Eine parteipolitische Agenda hat sie nicht. Im von der AKP religiös angeheizten Klima des politischen Islams wolle man eine Plattform für Gleichgesinnte bieten, heißt es. "Atheist in der Türkei zu sein ist nicht gerade ein begehrenswertes Label", sagt die Vizepräsidentin des Verbandes, Morgan Elizabeth Romano. "Aber wir Wenigen sind stolz darauf. Drohungen werden uns nicht zum Schweigen bringen", erklärte Romano zuletzt in Köln beim ersten öffentlichen Auftritt des Verbandes in Deutschland.

"Der Begriff 'Atheist' ist in der Türkei eine der schlimmsten Beleidigungen. Atheisten werden in 'Yeni Turkiye' diskriminiert und sind immer wieder die Zielscheibe von Hasspredigten", sagt Romano. Sie selbst ist in den USA geboren und aufgewachsen. Für die derzeitige Türkei verwendet sie den Begriff "Yeni Turkiye" ("Neue Türkei") - ein Schlagwort Erdogans. In der Türkei breite sich eine "boomende Islamisierung aus, wie sonst in keinem anderen Land", so Romano. Früher habe sie sich noch als Teil der "alten Türkei" gefühlt. Dann sei die AKP an die Macht gekommen.

Kampf um Anerkennung

Ateizm Dernegi gilt als erste Organisation ihrer Art, die offiziell in der Türkei anerkannt wird. Doch die rechtliche Anerkennung biete ihr und ihren Mitstreitern keinen tatsächlichen Schutz, sagt Romano: "Die großen Unternehmen ziehen es vor, Frauen mit Schleier anzustellen. Atheisten droht dagegen der Verlust ihres Arbeitsplatzes - und im schlimmsten Fall sogar der ihres Lebens. Fragen Sie mal unsere Mitglieder, wie viele von ihnen ihren Job verloren haben und wie viele von ihnen bedroht worden sind."

In Köln versuchte die Verbandsvorsitzende Zehra Pala das Interesse jener Türken in Deutschland zu gewinnen, die sich fragen, ob der Islam noch ihren Wertvorstellungen entspricht. "Viele Moslems fragen mich Dinge wie: Fühlst du dich nicht einsam ohne einen Gott, an den du dich wenden kannst? Manche kommen sogar zu mir, um Fotos mit mir zu schießen, wenn ich öffentlich das T-Shirt unseres Verbandes trage. Ganz so, als ob ich die neueste Touristenattraktion in Istanbul wäre."

Alltagsprobleme eines Atheisten

Trotz einiger positiver Anzeichen hätten Atheisten im türkischen Alltag weiterhin jeden Tag mit Diskriminierung zu kämpfen, so Pela. Manche bezeichneten sie als Terroristen oder gar Satanisten, die etwa Katzen auf einem Altar opfern würden. Dabei handele es sich bei Nicht-Religiösen um ganz normale Menschen, sagte Pela und brachte den ganzen Raum zum Lachen, als sie erklärte, sie selbst halte zwei Katzen als Haustiere.

Für Vizepräsidentin Romano ist ihre Mitarbeit in dem Atheistenverband ein Liebesdienst: "Ich habe meinen Mann durch seine Familie in den Vereinigten Staaten kennengelernt und er hat mich dazu gebracht, nach Istanbul zu ziehen. Bevor ich in die Türkei kam, musste ich mir das Label 'Atheist' überhaupt nicht zulegen. In New York hat mich niemand gefragt, an was ich glaube. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es für jemanden sein muss, der in der Türkei aufgewachsen ist und sich selbst als Atheist bezeichnet."

Zehra Pela gab dazu einen Einblick: "Ich stellte bereits als Kleinkind eine Vielzahl von Fragen, wie: Wenn wir alle von Adam und Eva abstammen, ist dann nicht jede Ehe inzestuös? Ich habe mein ganzes Leben nicht aufgehört, solche Fragen zu stellen. Ich selbst habe meinen inneren Frieden im Atheismus gefunden - zum Ärger aller religiösen Eiferer."

Ob dieser Frieden von Dauer ist, will der türkische Atheistenverband im Vorfeld der kommenden Wahl beobachten. "Wenn man uns in Frieden lässt, sehe ich keinen Grund, warum wir nicht miteinander auskommen sollten", so Pela. "Letztlich können wir uns glücklich schätzen, am Leben zu sein. In anderen muslimischen Ländern wären wir längst tot."

Morgan Romano und Zehra Pelar bei einer Veranstaltung des Atheismus-Verein Ateizm in Köln (Foto: Sertan Sanderson/DW)

Die Atheistinnen Morgan Romano (l.) und Zehra Pela erhielten nach eigenen Angaben Morddrohungen

"Wer einmal Muslim ist, bleibt Muslim"

Doch auch in der Türkei sei die Situation kritisch, sagt Morgan Romano. "In einigen Gegenden wird Atheismus mit dem Tod bestraft. Auf die Abkehr vom Islam steht die Todesstrafe. Damit haben wir es zu tun. In gewisser Weise ist es in der Türkei sogar gefährlicher, denn das Land gibt sich nach außen eine andere Erscheinung. Ich denke, der Rest der Welt wird das erst realisieren, wenn es zu spät ist."

Nicht jeder teilt diese Einschätzung. Dazu gehört der Generalsekretär der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), Bekir Alboga. Die demokratischen Grundsätze der Türkei sollten für ein friedliches Miteinander sorgen, sagt er im Gespräch mit der DW. "Christen, Juden und Muslime leben in der Türkei Seite an Seite. Warum sollte es Atheisten nicht möglich sein, dort zu leben? Sie haben die gleichen Rechte wie jeder andere auch."

Als Nicht-Muslim werde man in der Türkei in einigen Bereichen bereits von Geburt an diskriminiert, sagt hingegen Romano. "Der Grundsatz ist: Wer in der Türkei geboren ist, ist Muslim - es sei denn, es wird Einspruch dagegen erhoben. Und wer einmal Muslim ist, bleibt Muslim. Deswegen sind 90 Prozent unserer atheistischen Mitglieder in den Datenbanken des Landes als 'Muslim' geführt."

Im jüngsten Bericht der türkischen Ministeriums für religiöse Angelegenheiten gab die Behörde an, dass 99 Prozent der Türken praktizierende Muslime seien. Ob das restliche Prozent nun ein statistischer Flüchtigkeitsfehler ist oder nicht - der Atheistenverband Ateizm Dernegi will jedenfalls weiter für seine Rechte streiten. Und bekräftigt dabei sein Motto: "Artik yalniz degiliz" - "Wir sind nicht länger allein."

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