1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Gauck-Papoulias: Besuch mit Vorgeschichte

Beim Besuch des griechischen Staatspräsidenten in Berlin geht es um ein Deutsch-Griechisches Jugendwerk, einen Zukunftsfonds zur Vergangenheitsbewältigung und um ein Förderprogramm für Spitzenbeamte - aber nicht nur.

Joachim Gauck und Karolos Papoulias geben sich die Hand (Foto: Aris Messinis/AFP/Getty Images)

Joachim Gauck und Karolos Papoulias im März in Athen

Sowohl der deutsche Bundespräsident als auch der griechische Staatspräsident haben nicht die Möglichkeit, Politik aktiv zu gestalten. Was ihnen bleibt, um dennoch politischen Einfluss zu nehmen, ist die "Macht des Wortes". Diese Möglichkeiten nutzt nicht nur Joachim Gauck, wie etwa bei seinen Besuchen in der Türkei oder in Polen, sondern auch Karolos Papoulias.

Als er im März dieses Jahres den Bundespräsidenten in Athen empfing, hat er Deutschland aufgefordert, Wiedergutmachung und Reparationszahlungen, die sich aus der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg ergäben, zu leisten. Gauck stellte pflichtbewusst fest, dass nach offizieller deutscher Lesart, solche Ansprüche nicht mehr bestünden. In Berlin befürchtet man, ein Eingehen auf griechische Forderungen würde einen Präzedenzfall schaffen, auf den sich auch andere von der Wehrmacht okkupierte Länder berufen könnten. Es bleibt abzuwarten, ob Papoulias seinen wohl letzten offiziellen Besuch in Berlin dazu nutzen wird, erneut Deutschland ins Gewissen zu reden.

Deutsch-Griechisches Jugendwerk

Demonstranten vor der deutschen Botschaft in Athen halten griechische Flaggen ein Plakat mit der Aufschrift Merkel raus hoch (Foto: imago stock&people)

Schwieriges Verhältnis: Proteste gab es von beiden Seiten

Spätestens seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise in Griechenland war offensichtlich geworden, dass der Zweite Weltkrieg immer noch Schatten auf die deutsch-griechischen Beziehungen wirft. Anfeindungen aus Deutschland über vermeintliche griechische Charaktereigenschaften wie Faulheit oder Bestechlichkeit wurden in Griechenland mit Nazi-Vorwürfen erwidert. Erst in dieser Situation ging die deutsche Regierung auf Warnungen und Vorschlägen von Historikern, Politikern und auch Diplomaten aktiver ein, sich mehr um das deutsch-griechische Verhältnis zu bemühen. Ein Ergebnis davon ist die Gründung eines Deutsch-Griechischen Jugendwerks nach dem Vorbild der Jugendwerke mit Frankreich (seit 1963) und Polen (seit 1993). In Gegenwart der beiden Präsidenten wird am Freitag ein entsprechendes Memorandum unterschrieben.

Nach Einschätzung von Rolf Stöckel, Beauftragter der deutschen Seite für den Aufbau des Jugendwerks, wird es Anfang 2016 seine Arbeit aufnehmen. Jeweils zwei bis drei Millionen Euro wollen Athen und Berlin jährlich dafür aufbringen. Griechenland wird wohl dafür Gelder der EU-Strukturfonds verwenden. Damit sollen gemeinsame deutsch-griechische Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen finanziert werden - von Reisen zum Kennenlernen bis hin zu gemeinsamen Projekten für bürgerschaftliches Engagement.

Porträt von Andreas Nachama (Foto: DW/P. Kouparanis)

Geschichts-Professor Andreas Nachama hat in seiner Jugend an einem ähnlichen Austauschprogramm teilgenommen

Die Ergebnisse einer solchen Kinder- und Jugendarbeit werden sich erst langfristig zeigen, so der Leiter des Zentrums "Topographie des Terrors" in Berlin, Andreas Nachama, dessen Vater aus dem griechischen Thessaloniki stammte. Dann nämlich, wenn die einstigen Schüler als Facharbeiter, Ärzte, Ingenieure, Politiker oder Lehrer zu Multiplikatoren und Botschaftern von Verständigung geworden seien. Damit das gelingt, müsse man darauf achten, dass das Jugendwerk kein Spielball von Parteipolitik werde. "Wie mit Frankreich und Polen muss auch das Deutsch-Griechische Jugendwerk ein selbständiger Träger sein. Nicht links, nicht rechts, nicht rot und nicht schwarz", dieser Hinweis ist Elke Ferner (SPD) wichtig. Im Gespräch mit der Deutschen Welle drückt die Staatssekretärin in dem für die Jugendwerke verantwortlichen Familien- und Jugendministerium die Hoffnung aus, dass auch eine vom Linksbündnis SYRIZA gestützte Regierung die neue Institution akzeptieren würde.

Zukunftsfonds mit Blick auf die Geschichte

Porträt von Elke Ferner (Foto: DW/P.Kouparanis)

Frei von politischen Interessen soll das Jugendwerk sein, sagt Elke Ferner

Das scheint nach heutigem Stand der Dinge gar nicht mal so sicher zu sein. Im Vorfeld des Papoulias-Besuchs haben griechische Opferverbände, die für gewöhnlich SYRIZA nahe stehen, nach einem Informationstreffen die Errichtung eines Jugendwerks abgelehnt. Als Begründung führten sie an, Deutschland wolle dadurch Wiedergutmachungszahlungen umgehen. Den gleichen Vorwurf machten sie auch dem Deutsch-Griechischen Zukunftsfonds. Danach von der Deutschen Welle gefragt, weist der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth, jeglichen Zusammenhang zurück: "Der Zukunftsfonds ist weder eine Kompensation, noch ein Ersatz für irgendetwas." Es gehe vielmehr darum, die Vergangenheit wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Porträt von Michael Roth (Foto: DW/P. Kouparanis)

Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt

Anders als das Jugendwerk ist der Zukunftsfonds eine rein deutsche Einrichtung. Er wird jährlich mit einer Million Euro aus dem Staatshaushalt finanziert. Darüber verfügen je zur Hälfte das Außenministerium und der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Zentrales Anliegen des Zukunftsfonds ist es, die Geschichte der deutsch-griechischen Beziehungen aufzuarbeiten, wobei der Schwerpunkt die deutsche Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg ist. Dafür sind Forschungsstipendien, die Finanzierung von Dozentenstellen an deutschen und griechischen Universitäten als auch von wissenschaftlichen Tagungen vorgesehen. Aber nicht nur. Aus diesem Fonds wird zum Beispiel die Reise von 15 meist jüngeren griechischen Journalisten finanziert, die sich zur Zeit in Berlin aufhalten. Sie stammen aus Orten, die Schauplätze deutscher Kriegsgreuel gewesen sind. Im Gegenzug sollen später junge deutsche Journalisten griechische Opferorte bereisen.

DW-Intendant Peter Limbourg begrüßt 15 griechische Journalisten (Foto: DW/P. Kouparanis)

DW-Intendant Peter Limbourg begrüßt die 15 griechischen Journalisten bei der Deutschen Welle in Berlin

Der griechische Staatspräsident wird während seines Besuchs gemeinsam mit dem Bundespräsidenten auch an einer Veranstaltung zum zehnjährigen Jubiläum des Bellevue-Stipendien-Programms beiwohnen. Damit wird der Austausch von jungen Spitzenbeamten zwischen den EU-Ländern finanziert. Griechenland ist in diesem Jahr als zehntes Mitgliedsland aufgenommen worden.