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Deutschland

Gauck - ein europäischer Deutscher

Das deutsche Staatsoberhaupt betont die Werte Europas, warnt aber auch vor Missgunst und Bequemlichkeit. Seine Rede ist zugleich eine Liebeserklärung an Freiheit und Demokratie, meint Marcel Fürstenau.

Marcel Fürstenau, Hauptstadtstudio in Berlin. Eingestellt am 02.03.2010. Copyright: DW

Deutsche Welle-Redakteur Marcel Fürstenau

"So viel Europa war nie", sagt der Bundespräsident zu Beginn einer Rede, die in zahlreichen Medien schon vorher als seine erste große Rede bezeichnet wurde. Eine durchaus fragwürdige Klassifizierung. Denn im Umkehrschluss hieße das, Joachim Gauck habe in seiner immerhin schon elf Monate währenden Amtszeit nur kleine Reden gehalten. Doch das ist keineswegs der Fall – weder formal noch inhaltlich. Es gab schon den großen Rahmen, das große Thema. Erinnert sei nur an seine einfühlsamen, mahnenden Worte im Sommer vergangenen Jahres anlässlich des 20. Jahrestages der ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock.

Auch sein Lieblings- und Lebensthema, die Freiheit, hat das Staatsoberhaupt mehrmals auf beeindruckende Weise angesprochen. Und nun wagt sich Gauck, der ostdeutsche Bürgerrechtler, an Europa heran. Für einen wie ihn ist das ein positiv besetzter Begriff, der in Zeiten des Kalten Krieges wie eine Verheißung klang. Damals lebte er im kommunistischen Teil des Kontinents. Aber Gauck ist klug genug, trotz seines persönlich empfundenen Glücks über das Ende der deutschen und europäischen Teilung, die aktuelle Euro- und Staatschuldenkrise nicht zu bagatellisieren. Er warnt davor, das weit verbreitete Unbehagen und den Unmut in der Europäischen Union zu ignorieren.

Im Geiste Rathenaus und Churchills

Und was hat Gauck den Skeptikern oder gar Gegnern anzubieten? Natürlich nicht die Lösung aller Probleme. Der Bundespräsident macht, was Walther Rathenau schon vor dem Ersten Weltkrieg und Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg getan haben: Er wirbt leidenschaftlich für die europäische Idee. Bemerkenswert dabei seine dringende Bitte an die Briten, Europa nicht den Rücken zu kehren. Charmanter hat wohl noch kein ausländisches Staatsoberhaupt das Vereinigte Königreich an seine Verantwortung für das Gelingen Europas erinnert.

Konkrete Vorschläge, wie die Europäische Union insgesamt transparenter und demokratischer werden könnte, vermeidet Gauck. Schade, denn ein Bundespräsident mit seiner Vita könnte sich auch außerhalb Deutschlands mit klaren Forderungen Gehör verschaffen. Wer aus guten Gründen so oft von Freiheit und Verantwortung redet wie Gauck, darf ruhig mal mehr Rechte für das Europäische Parlament einfordern. Seine Zurückhaltung in dieser zentralen Frage passt so gar nicht zu seinem Appell, mehr Mut zu zeigen. Dennoch darf man dem Bundespräsidenten glauben, dass er sich als europäischer Deutscher fühlt und nicht als deutscher Europäer. Gauck betont damit das Gemeinsame, nicht das Trennende. Und das ist im streitlustigen Europa nicht überall selbstverständlich.