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Aktuell Europa

Gauck betont Aussöhnung mit Prag

Bei seinem ersten Besuch als Bundespräsident in Prag hat sich Joachim Gauck zur deutschen Schuld durch Krieg und Besatzung bekannt. Auf dem Besuchsprogramm stand auch die Gedenkstätte Lidice in der Nähe der Hauptstadt.

Bei seinem Besuch in Prag hat Bundespräsident Joachim Gauck die Aussöhnung zwischen Deutschland und Tschechien in den Mittelpunkt gestellt. Bei aller "Trauer darüber, was Vorgängergenerationen angerichtet haben", sei zwischen beiden Ländern echte Freundschaft erwachsen, sagte er nach einem Treffen mit dem tschechischen Präsidenten Vaclav Klaus.

Zugleich warnte Gauck in Prag davor, die deutsche Schuld mit dem Thema der Vertreibung zu vermischen. Der 72-Jährige erinnerte an das "Schicksal der unschuldigen Menschen, die nach dem Krieg vertrieben wurden". Dies sei aber bei seinem Treffen mit dem tschechischen Präsidenten Vaclav Klaus nicht erörtert worden, berichtete Gauck. "Wir Deutschen wissen um die tiefen Wunden, die die Besatzung in Ihrem Land hinterlassen hat", sagte der Bundespräsident in einer Tischrede. "Wir fühlen mit den Opfern. Und wir ehren die mutigen Tschechen, die Widerstand gegen brutale Unterdrückung leisteten."

Klaus hob in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Gauck die Qualität der deutsch-tschechischen Beziehungen hervor. Diese seien inzwischen "die besten in der Geschichte beider Länder", sagte Klaus. Gauck pflichtete seinem Kollegen bei: "Es ist wirklich Freundschaft." Den Tschechen von heute wolle er zeigen: "Dieses Deutschland ist komplett anders."

Meinungsunterschiede beim Thema Europa

Die beiden Präsidenten bestritten nicht, dass es in der Europapolitik Differenzen zwischen Berlin und Prag gibt. Klaus steht einer weiteren europäischen Integration ablehnend gegenüber. In seinem Gespräch mit Gauck hätten die Differenzen aber kaum eine Rolle gespielt: Die gegenseitige Wertschätzung sei so groß, "dass wir gar nicht auf die Idee gekommen sind, uns gegenseitig zu überreden", sagte Klaus.

Am Nachmittag besuchte Gauck die deutsche Botschaft in Prag und erinnerte auf dem Balkon des Gebäudes an die Monate vor dem Mauerfall. Am 30. September 1989 hatte der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher dort Tausende von DDR-Bürgern darüber informiert, dass sie in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Der Bundespräsident sprach außerdem mit Ministerpräsident Petr Necas und Aktivisten der "Samtenen Revolution" von 1989.

Denkwürdiger Besuch in Lidice

Eine Frau mit Regenschirm betrachtet das Denkmal, das an das Massaker in Lidice erinnert (Foto: AP)

Dieses Denkmal erinnert an das Massaker in Lidice

Vor seinem Rückflug ehrte Gauck noch mit einem Besuch der Gedenkstätte Lidice vor den Toren Prags die Opfer der deutschen Besatzung zur NS-Zeit. Deutsche Polizeieinheiten hatten das Bergarbeiterdorf im Juni 1942 aus Rache für das Attentat auf Hitlers Statthalter in Prag, Reinhard Heydrich, zerstört. Alle 173 Männer wurden erschossen, fast 300 Frauen und Kinder in Konzentrationslager verschleppt, wo viele von ihnen umkamen.

Anlässlich des 70. Jahrestages dieses Verbrechens hatte Gauck am 8. Juni dem tschechischen Staatspräsidenten in einem Brief seine Anteilnahme versichert und seine Scham ausgedrückt. Klaus hatte das Schreiben als "positive Geste" gewürdigt.

Gauck hat seit seinem Amtsantritt im März bereits die meisten Nachbarländer bereist, darunter Polen und Frankreich. Seine bisher längste Reise führte ihn im Mai nach Israel.

Enge wirtschaftliche Beziehungen

Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft haben sich enge politische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien entwickelt. Unterschiedliche Auffassungen gibt es in der Europapolitik: Tschechien ist gegen eine weitere europäische Integration und ist neben Großbritannien das einzige der 27 EU-Mitgliedsländer, das den europäischen Fiskalpakt ablehnt.

Zu den schwierigen Punkten im beidseitigen Verhältnis zählt auch die Frage, wie die Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg zu bewerten ist. Vertriebenenverbände in Deutschland fordern die Rücknahme der so genannten Benes-Dekrete von 1945, welche die Enteignungen und Vertreibungen legalisierten.

kle/se (dpa, afp, dapd)