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Europa

Gastkommentar: Oper auf einer einsamen Insel

Unter Präsident Putin ist die Pressefreiheit in Russland stark eingeschränkt. Erst nachdem er seinen Job als Redakteur verloren hat, konnte der Journalist Oleg Kaschin so berichten, wie er das für angemessen hält.

Demonstration gegen Pressezensur in Russland (Foto: Khan/DW)

Demonstration gegen Pressezensur in Russland (Frühjahr 2014)

Stellen Sie sich eine einsame Insel vor. Genau so eine, wie man sie in Karikaturen zeichnet. Ein Hügel aus Sand mitten im Ozean auf dem eine Palme wächst. Würden Sie sich Gedanken darüber machen, dass es auf dieser Insel beispielsweise kein Opernhaus, keinen Flughafen, keine Bibliothek oder kein Internetcafé gibt? Natürlich nicht. Es ist eine unbewohnte Insel. Da gibt es nichts und da kann es kein Café oder Theater geben.

Und nun überlegen Sie mal, woher soll freie Meinungsäußerung in einem Land kommen, wenn es keinen Wechsel der Staatsmacht gibt, wenn keine Gewaltenteilung existiert, keine unabhängigen Gerichte, keine lokale Selbstverwaltung, keine Zivilgesellschaft und wenn es keinen politischen Wettbewerb gibt und auch andere Dinge fehlen? Wie würde es aussehen, wenn mitten auf der einsamen Insel, wie eine Palme, ein funkelndes Büro einer unabhängigen Zeitung oder TV-Station stehen würde? Was und wem würde dies nützen?

Berichten, was Putin gefällt

Investigativjournalist Oleg Kaschin (Foto: dpa)

Investigativjournalist Oleg Kaschin

In Russland gibt es Beamte und sogar Parlamentsabgeordnete, die in ihrem ganzen Leben kein einziges Interview gegeben haben, weil sie wissen, dass sie in Wirklichkeit nur einen Arbeitgeber haben: Der Präsident ist Wähler und Chef zugleich. Und deren Verschlossenheit scheint mir ehrlicher zu sein, als die Medienaktivitäten der Minister oder Abgeordneten, die in Fernseh-Talkshows sitzen oder Journalisten Fragen beantworten, die sie vorher sorgfältig mit Pressestellen absprechen. Genauso sorgfältig werden dann die Antworten geschrieben. Warum soll man dieses Spiel mitspielen und etwas darstellen, was es nicht gibt?

Vor drei Jahren verlor ich meinen Job. Das war sehr schmerzvoll. Aber rückblickend ist mir klar, dass die erzwungene Arbeitslosigkeit im heutigen Russland die einzige Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung für einen Menschen ist, der etwas zu sagen hat. Ich habe keinen Vorgesetzten, man kann mich nicht entlassen. Man kann mir nicht befehlen, zu schreiben, was ich nicht möchte. Früher konnte man das mit dem schönen Wort "Freelancer" bezeichnen: Ich schreibe auf Honorarbasis für verschiedene Medien, einschließlich der DW. Aber unter den derzeitigen Umständen ist das nicht einfach nur eine Freiberuflichkeit. Die Möglichkeit, einen direkten Dialog mit einem Publikum zu führen, findet sich ganz und gar nicht dort, wo Fernsehkanäle senden oder Zeitungen herausgegeben werden.

"Ich werde journalistische Nachforschungen betreiben und das wird die Welt verändern. Ich werde denjenigen Neuigkeiten berichten, die Entscheidungen treffen." An eine solche Zweckbestimmung glaube ich nicht, das stimmt vielleicht für andere Länder, die völlig anders als das heutige Russland aufgebaut sind. Ich sehe meine Aufgabe darin, das menschliche Gespräch zu fördern. Es zu führen, wird aber, während mein Land in einer neuen politischen Realität versinkt, immer schwieriger.

Oleg Kaschin ist einer der bekanntesten russischen Investigativjournalisten. Er setzt sich kritisch mit Demokratiedefiziten in Russland auseinander. 2010 wurde Kaschin von Unbekannten angegriffen und schwer verletzt. Kaschin gehört zu den aktivsten russischen Twitter-Nutzern. Bei DW-Russisch hat er eine wöchentliche Kolumne.

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