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Nahost

Gastkommentar: Einmischen in Syrien, jetzt!

Erst wenn der Syrien-Konflikt international eskaliert, wird es eine Verhandlungslösung geben. Bis dahin bezahlen die Syrer den Preis für die Halbherzigkeit der Welt, meint Nahost-Expertin Kristin Helberg.

Was muss noch passieren? Worauf warten wir? Da zerstört ein Regime seit zweieinhalb Jahren mit grenzenloser Gewalt das eigene Land, massakriert die eigene Bevölkerung und alles, was uns in Deutschland dazu einfällt, ist reflexhaft vor einem Flächenbrand zu warnen, die Angst vor Al-Kaida zu schüren und eine politische Lösung zu fordern. Dabei fehlt für Verhandlungen bei allen syrischen wie nicht-syrischen Konfliktparteien der Wille. Den Flächenbrand hat Assad (wie angekündigt) längst entfacht - Iran und die libanesische Hisbollah kämpfen auf Seiten des Regimes, Saudi-Arabien, Katar und die Türkei unterstützen die Rebellen - und Iraks Al-Kaida-Ableger ist seit Monaten auf dem Vormarsch. In Syrien erfüllt sich ein Horrorszenario nach dem anderen vor allem deshalb, weil wir nichts tun. Weil die internationale Gemeinschaft aus Angst vor diesen Szenarien in eine unsägliche Schockstarre verfallen ist.

Kristin Helberg (Foto: DW)

Kristin Helberg

Erst der massive Einsatz von Nervengas vor den Toren von Damaskus hat westliche Politiker wachgerüttelt. Sie wissen: Wenn der qualvolle Chemiewaffen-Tod Hunderter Kinder, die sich vor aller Augen auf dem Boden winden, um Luft ringen und jämmerlich zittern, ohne Folgen bleibt, dann haben nicht nur die Vereinten Nationen ihre Glaubwürdigkeit verspielt, dann hat auch die Welt ihre Moral verloren.

Aber die Entschlossenheit in Washington, London und Paris ist gespielt. In Wahrheit will man sich nicht in den Krieg hineinziehen lassen, sondern nur das Gesicht wahren und Assad eine klare Botschaft schicken. Es wird deshalb bei einzelnen Militärschlägen bleiben, die jedoch an der militärischen Pattsituation im Land wenig ändern. "Schutzverantwortung" - responsibility to protect - sieht anders aus.

Was können wir aus zweieinhalb Jahren Revolution, zwei Jahren bewaffnetem Aufstand und eineinhalb Jahren Stellvertreterkrieg lernen? Erstens, die Brutalität des Assad-Regimes kennt keine Grenzen, Armee und Milizen sind zu allem bereit und zu allem in der Lage. Zweitens, je länger der Konflikt andauert, desto radikaler werden Assads Gegner. Syrische Rebellen fühlen sich vom Westen im Stich gelassen und bekommen stattdessen von Al-Kaida-nahen Gruppen Unterstützung, die sie ausstatten, finanzieren und ideologisch beeinflussen. Drittens, eine ganze Gesellschaft verroht, brutale Verbrechen finden auf allen Seiten statt, die Syrer gleiten in einen Teufelskreis aus Rache und Vergeltung ab. Viertens, die größten Verlierer sind die Aktivisten der ersten Stunde. Sie werden aufgerieben zwischen den Bomben des Regimes, der Gewalt der Rebellen, der katastrophalen Versorgungslage und dem wachsenden Einfluss radikaler Islamisten. Fünftens, die größten Gewinner sind ausländische Dschihadisten, die Syrien als Aufmarschgebiet nutzen, den Syrern einen Steinzeit-Islam aufzwingen wollen und ihren Plan vom regionalen Gottesstaat verfolgen, der mit den Zielen der syrischen Revolution rein gar nichts zu tun hat.

Diese fünf Erkenntnisse nutzen wir im Westen dankbar dazu, uns in Syrien nicht wirklich einzumischen. Ein wenig Nahrungsmittel und Medikamente hier, ein paar Verbandskästen, Handykameras und Kalaschnikows dort, dazu lässt die Bundesregierung jetzt 5000 (!) der insgesamt sechs Millionen (!) syrischen Flüchtlinge ins Land, und die USA feuern mit ihren Verbündeten einige Marschflugkörper ab. Schon haben wir unser schlechtes Gewissen beruhigt. Das Problem ist nur, dass genau dieses halbherzige Engagement den Konflikt weiter befeuert. Denn alle Beteiligten bekommen gerade so viel Hilfe von außen, dass sie weiterkämpfen können, aber nicht genug, um zu siegen.

Längst entscheiden nicht mehr die Syrer selbst über den Verlauf dieses Krieges, geschweige denn können sie ihn aus eigener Kraft beenden. Syrien ist zum Schauplatz eines regionalen und internationalen Stellvertreterkrieges geworden, der nicht mit dem Sieg der einen und der Niederlage der anderen Partei enden wird - zu viele Akteure mit zu unterschiedlichen Interessen sind involviert. Nein, der Syrien-Konflikt wird wie die meisten blutigen Auseinandersetzungen am Verhandlungstisch enden. Aber dafür muss die Lage - leider - erst noch weiter eskalieren, und zwar nicht mehr nur auf Kosten der Syrer, sondern auf Kosten aller beteiligten Staaten.

Erst wenn Flüchtlingskrise, Bombenattentate, Raketenangriffe und Giftgas die Region insgesamt in Schrecken versetzen, wenn von Jerusalem bis Teheran, von Ankara bis Riad und von Moskau bis Washington alle um die eigene Stabilität und Sicherheit fürchten, werden die Dringlichkeit von Verhandlungen und die Kompromissbereitschaft groß genug sein, um die Syrien-Krise politisch zu lösen. Bis dahin dient jeder Aufruf zu Gesprächen nur dem Zeitgewinn für weiteres Morden und dem Beruhigen des eigenen Gewissens.

Statt sich weiterhin so wenig wie möglich einzumischen, sollte der Westen deshalb endlich Farbe bekennen. In jedem Ort Syriens sitzen Menschen, die von einem freien demokratischen Land träumen. Tausende Aktivisten arbeiten verzweifelt für diese Vision. Dort, wo ausländische Dschihadisten die Kontrolle übernehmen, gehen Menschen gegen deren radikale Vorstellungen und Methoden auf die Straße. Warum lassen wir diese Leute im Stich? Warum unterstellen wir den Syrern pauschal, ein Kalifat errichten und Minderheiten vertreiben zu wollen? Radikale Gedanken breiten sich aus, weil die Radikalen militärisch die Oberhand haben, während gemäßigte Rebellen innerhalb der Freien Syrischen Armee zu wenig Unterstützung bekommen.

Was ist zu tun? Am besten das, was wir uns wünschen, in die Tat umzusetzen. Also Zivilisten mit Flugverbotszonen im Norden und Süden zu schützen und Aktivisten und Rebellen mit allem auszustatten, was sie für einen Sieg über das Regime und die Konfrontation mit radikalen Dschihadisten brauchen. Der Westen hat keine Partner in Syrien? Unsinn, wer sie bis jetzt nicht gefunden hat, ist selbst schuld. Wir können nicht sicher sein, dass Waffen in die falschen Hände fallen? Stimmt, aber das Risiko ist vertretbar angesichts der Alternative eines zerfallenden Staates, den Al-Kaida als Rückzugsgebiet nutzen wird. Die Einrichtung von Flugverbotszonen ist teuer, unpopulär, riskant und ohne UN-Mandat völkerrechtlich nicht abgesichert. Dennoch kommt sie dem, was wir in Syrien wollen, am nächsten. Die Zonen würden Zivilisten vor den Bomben des Regimes schützen, Vertriebenen innerhalb des Landes sichere Zuflucht bieten, die Rückkehr von Flüchtlingen ermöglichen und damit die Nachbarländer entlasten. Und den Assad-Gegnern die Chance bieten, militärischen Widerstand und politische Opposition zu einen und effektiver zu vernetzen.

Zweieinhalb Jahre haben wir uns in Syrien so gut es ging rausgehalten - das Ergebnis ist menschlich, politisch und geostrategisch eine Katastrophe. Jetzt brauchen wir Mut zu mehr Engagement auf allen Ebenen. Damit aus dem ursprünglichen Traum von Freiheit und Selbstbestimmung in Syrien keine Endlosschleife des Mordens wird.

Kristin Helberg lebt als freie Journalistin und Nahost-Expertin in Berlin. Nach ihrem Politikstudium und einigen Jahren beim NDR wanderte sie 2001 in den Nahen Osten aus. Bis 2008 berichtete sie von Damaskus/Syrien aus über die arabische und islamische Welt. Seitdem pendelt sie zwischen Deutschland und dem Nahen Osten. Sie arbeitet für die ARD, das Schweizer Radio DRS und den ORF sowie für verschiedene Print- und Onlinemedien.

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