Gastkommentar: Deutschland darf nicht schweigen | Kommentare | DW | 02.02.2018
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Standpunkt

Gastkommentar: Deutschland darf nicht schweigen

Die Polen fürchten sich. Israel ist zornig über ein neues Holocaust-Gesetz, das Polen deswegen erlassen hat. Helfen in diesem Konflikt kann nur Deutschland, meint Konrad Schuller von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau (DW/D.Bryantseva)

Das Torgebäude des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau

Im polnisch-israelischen Streit über die Verstrickung mancher Polen in die Verbrechen der Nazis ist eine Stimme bisher zu wenig hörbar gewesen: die Stimme Deutschlands. Auf beiden Seiten nämlich, in Warschau wie in Jerusalem, öffnet sich am Ende der Argumentationslinien immer ein Blick in dieselbe Richtung: nach Berlin.

Zorn der Juden eine Angelegenheit Deutschlands

Das gilt zunächst für die jüdische Perspektive: die antipolnischen Wellen, die hier gerade hochschlagen, gehen letzten Endes von Deutschland aus. In Israel nämlich schwelt der Verdacht, Polen wolle unter den Tisch kehren, dass manche seiner Bürger (trotz allen Widerstandes gegen die Nazis) im Holocaust mit den Besatzern kollaborierten. Nur dieser angeblichen Vertuschungsabsicht dient aus Jerusalemer Sicht jenes neue polnische Gesetz, durch welches das Warschauer Parlament jeden mit Gefängnis bedrohen will, der das polnische Volk für mitschuldig an Holocaust und Terror erklärt. Damit ist der jüdische Zorn auf Polen im Grunde eine Angelegenheit Deutschlands.

Konrad Schuller FAZ (picture alliance/Eventpress Herrmann)

Konrad Schuller ist seit 2004 Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Warschau

Auch auf polnischer Seite steht Berlin im Fluchtpunkt. Hinter dem neuen Gesetz aus Warschau steckt die Sorge vieler Polen, im Laufe der Zeit könnten die Verbrechen der Nazis in einem stillen Prozess der Umdeutung Polen zugeschrieben werde - weil die furchtbarsten Vernichtungsfabriken der Deutschen eben auf polnischem Boden standen, und damit in einem missbräuchlichen Prozess der Wortverdrehung als "polnische Todeslager" dargestellt werden könnten. Dass dies der heimliche Kern aller Berliner Geschichtspolitik sei, ist trotz aller deutschen Schuldbekenntnisse der vergangenen siebzig Jahre bis heute die Überzeugung vieler Polen. Nach den traumatischen Erfahrungen der Kriegszeit (es gibt kaum eine polnische Familie, in der nicht mindestens eine Großmutter, ein Großonkel von Deutschen ermordet wurde) fällt es vielen bis heute schwer, der Aufrichtigkeit der deutschen Schuldbekenntnisse zu vertrauen.

Eine neue Geste der Verantwortung

Und weil auf beiden Seiten am Grunde des Zorns und der Angst das deutsche Trauma liegt, kann Berlin eine helfende Rolle spielen. Sie besteht darin, Deutschlands Bekenntnis zur Schuld sowohl gegen seine jüdischen wie gegen seine polnischen Opfer immer wieder zu erneuern. Das große Vorbild hier ist der Kniefall Willy Brandts im Jahr 1970 vor dem Warschauer Denkmal des jüdischen Ghetto-Aufstands gewesen: eine Geste, die geeignet war, Polen und Juden trotz vieler Konflikte dadurch als Opfer zu vereinen, dass sie auf den deutschen Ursprung ihrer Kontroversen hinwies.

Wenn Deutschland den vielen Gesten, mit denen es bisher schon Verantwortung übernommen hat, jetzt eine weitere hinzufügt, wenn es jetzt den Worten der Vergangenheit ein weiteres hinzufügt, kann es im Streit der Opfer eine moderierende Funktion übernehmen. Ein neues Bekenntnis zur deutschen Tatherrschaft im Holocaust kann den jüdischen Vorwürfen an Polen einen Teil ihrer Schärfe nehmen, indem es darauf hinweist, dass die Kollaboration mancher Polen nur ein Sekundärphänomen des deutschen Terrors war. So ein Wort könnte auch die polnischen Angst lindern, am Ende als Hauptschuldiger dazustehen. Deutschland kann seinen Opfern und ihren Nachkommen helfen, Gemeinsamkeiten zu finden. Es muss nur immer wieder tun, was Willy Brandt in Warschau getan hat.

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