Gastkommentar: Der Kartenzeichner vom Balkan | Europa | DW | 24.11.2017
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Standpunkt

Gastkommentar: Der Kartenzeichner vom Balkan

Der Präsident der serbischen Republik von Bosnien und Herzegowina, Milorad Dodik, verändert vor laufender DW-Kamera das Gesicht Südosteuropas. Der Kartenzeichner verfolgt gefährliche Träume, meint Erich Rathfelder.

Präsident der Republika Srpska Milorad Dodik (DW)

Der Präsident der Republika Srpska Milorad Dodik im DW-Interview mit Zorica Ilic und Bahri Cani

Schon einmal wurden Landkarten neu gemalt und Grenzen neu gezogen. Beim ersten Projekt "Großserbien" endete das in einem furchtbaren, blutigen Krieg, bei dem letztlich alle verloren haben. Jetzt wagt sich der Präsident der serbischen Republik in Bosnien und Herzegowina, Milorad Dodik, wieder daran, das Gesicht Südosteuropas verändern zu wollen.

Der Plan von der Aufteilung Bosnien-Herzegowina

Auf einer Landkarte zeichnete er Mitte November vor laufender DW-Kamera munter neue Grenzen und hebt bestehende auf. Dabei wird der größte Teil der jetzigen Entität Republika Srpska an Serbien angegliedert. Der Norden Kosovos soll auch zu Serbien kommen. Das erinnert an den Anspruch eines großen Feldherrn, der die Macht hat, die Welt neu zu ordnen.

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Wie Dodik die Zukunft des Balkans sieht

Dass er das Städtchen Trebinje und einen Teil der Ostherzegowina generös den Kroaten überlässt, ist da nur eine Fußnote. Er unterstützt damit kroatische Bestrebungen nach Angliederung. Wie damals im Krieg, als die Führer der bosnischen Serben Radovan Karadzic und Ratko Mladic auf der einen, und die damaligen Führer der bosnischen Kroaten Mate Boban und Jadranko Prilic auf der anderen, sich - im Prinzip - darin einig waren, aus Bosnien und Herzegowina so viel Territorium wie möglich herauszubrechen und an den jeweiligen Mutterstaat anzugliedern. In dieser Woche hat nun das UN-Tribunal in Den Haag am Dienstag das Urteil gegen Ratko Mladic ausgesprochen. Bald wird auch Jadranko Prlic sein endgültiges Urteil erhalten.

Verloren - und doch gewonnen

Die Verbrechen der ethnischen Säuberungen mit Zehntausenden zivilen Opfern sollen mit den Urteilen gesühnt werden. Das Ergebnis der Politik Mladics hat jedoch Bestand. Das Dayton-Abkommen hat die Politik des serbischen Kriegsverbrechers mit der territorialen Teilung des Landes belohnt. Wenn Dodik im Interview mit der Deutschen Welle das Dayton-Abkommen positiv bewertet, dann aus diesem Grund. 

Jetzt heißt es für Dodik abzuwarten. Er droht nicht mehr mit einem Unabhängigkeitsreferendum, träumt aber weiterhin davon. Er stellt die Funktionsfähigkeit des Staates Bosnien und Herzegowina generell in Frage. Nachdem die bosnischen Serben und er selbst alles dafür getan haben, die Teilung des Landes zu vertiefen, die mühsamen Fortschritte für die Reintegration des Landes unter dem Hohen Repräsentanten Paddy Ashdown zunichte zu machen, die Rückkehr der Vertriebenen zu blockieren und den trotz allem Zurückgekommenen das Leben zu erschweren.

Eine gefährliche Vision

Er selbst hat zur politischen und wirtschaftlichen Blockade Bosnien und Herzegowinas entscheidend beigetragen. Er hat die Menschen in seinem Machtbereich und darüber hinaus im gesamten Land in eine wirtschaftlich unerträgliche Position manövriert. Der Armut und Perspektivlosigkeit folgt die Abwanderung. Die Republika Srpska ist in weiten Teilen fast menschenleer. Sie ist verschuldet. Das Tafelsilber ist längst verprasst. Doch die Schicksale der Menschen interessieren Dodik nicht.

Dodik Balkan Karte (DW)

Dodiks Wunschgrenzen auf dem Westbalkan

Der "große Stratege" wirft jetzt Serbien vor, leider nicht in der Lage zu sein, seiner Politik zu folgen. Serbien sollte jetzt den Kosovo anerkennen. Dann wäre die Stunde gekommen, die Republika Srpska aus Bosnien und Herzegowina zu lösen.

Wer vor 26 Jahren Karten malte, war bereit, bis zum Äußersten zu gehen und nicht nur die "Gegner", auch die eigene Gesellschaft in den Abgrund zu reißen. Heute wäre es wichtig, wenn Europa Dodik endlich ernsthaft klar machen würde, dass Politiker mit diesem ideologischen Rüstzeug nichts mit westlichen Werten zu tun haben und es mit ihnen nichts zu bereden gibt. Die US-Botschafterin hat dies schon getan. Dodik ist sich ja bewusst, dass er leicht verwundbar ist. Dass sein Regime finanziell ruiniert und am Tropf der internationalen Gemeinschaft hängt. Selbst die Russen werden ihn nicht ewig finanzieren. Seine gefährlichen Visionen und Träume dienen nur ihm und seinem Machterhalt.

Erich Rathfelder ist Journalist und Autor mehrerer Bücher zur Geschichte des Balkans.

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