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Gastkommentar: Der griechische Patient

Griechenland ist todkrank. Doch die Ärzte streiten nur darüber, ob die rettenden Maschinen abgestellt werden sollen oder nicht. Dabei vergessen sie ihren Hippokratischen Eid, meint der US-Ökonom James K. Galbraith.

Ein modernes Krankenhaus hat eine ganze Reihe spezialisierter Abteilungen. Eine ist die Intensivstation. Dorthin kommen die, deren Gesundheitszustand besonders schlecht ist und die ganz besonders intensiver Pflege bedürfen. Die Existenz von Intensivstationen ist ein Hinweis darauf, dass Krankheiten und Behandlungsformen nicht bei allen Menschen gleich sind. Robuste Menschen erholen sich schnell. Schwächere, ältere oder kränkere Patienten sind auf andere Behandlungsmethoden und zusätzliche Pflege angewiesen.

Europas Finanzkrankenhaus ist seit fünf Jahren sehr beschäftigt. Es behandelt die Opfer der Weltfinanzkrise und der ihr vorausgehenden Kreditkrise. Irland, Portugal, Spanien und bis zu einem gewissen Grad auch Italien haben in den entsprechenden Behandlungsräumen gelegen. Sie haben die entsprechende Medizin eingenommen und sich den ihnen verschriebenen Kuren unterworfen. Keiner dieser Patienten hat sich völlig erholt. Allerdings war auch keiner dieser Patienten todkrank. Im schlimmsten Fall litten sie an einem Rückgang zwischen fünf bis zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Seit einigen Jahren ist ihr Zustand wieder mehr oder weniger stabil.

Toxische Befunde

Griechenland ist ein anderer, ein besonderer Fall. Das Land stand von Anfang an auf schwachen Beinen. Seine Institutionen waren schwach, seine Industrie nicht wettbewerbsfähig. Vor der Krise berauschte sich das Land an den gewährten Krediten. Als es zusammenbrach, verschrieben ihm Europa und der Internationale Währungsfond (IWF) die übliche Medizin - in ungefähr der dreifachen Dosis des Üblichen. Die Ergebnisse waren toxisch. Griechenland hat mehr als ein Viertel des nationalen Einkommens verloren. Die Arbeitslosigkeit steht inzwischen bei 29 Prozent, die Regierung verfügt über keine Währungsreserven mehr.

In jedem modernen Krankenhaus würde man diesen Patienten auf die Intensivstation verlegen. Man würde ihm Bluttransfusionen verschreiben, ihn intravenös versorgen. Eine Ernährungssonde und eine Sauerstoffmaske stünden bereit. Die Mediziner wären nicht ratlos. Im Gegenteil: Sie wüssten, dass Routinebehandlungen in gewissen Fällen keinen Sinn haben. Sie wüssten, dass es in manchen Fällen mehr als das sonst Übliche braucht.

James K. Galbraith - Foto: picture alliance/AP Images

US-Ökonom James K. Galbraith

Das heutige Europa ist aber ein Krankenhaus ohne Intensivstation. Die Ärzte haben den Patienten darum in eine der üblichen Abteilungen verlegt. Alle paar Tage besuchen sie das Patientenzimmer und nehmen die Behandlungsdaten zur Kenntnis. Sie stellen fest, dass der Zustand des Patienten sich nicht verändert. Und so machen sie sich an die Diagnose: Der Patient muss sich bewegen! Er braucht noch mehr von der bereits verabreichten Medizin! Aber er darf keine Sonderbehandlung erwarten! Denn man muss ja auch an die anderen Patienten denken! Ihnen geht es schon viel besser! Und so weiter und so fort. Dann verlassen die Ärzte das Krankenzimmer.

Zustand des Patienten verschlechtert sich

Zurück in ihrem Büro, beginnen die Ärzte sich zu streiten. Einer - der IWF - erklärt, der Patient müsse operiert werden. Nur so ließen sich die Schulden des Patienten ordnen. Andere - die Regierungen Deutschlands und anderer Staaten - wenden ein, die Operation sei zu kostspielig, sie wollten nicht die Kosten übernehmen. Derweil lässt die Europäische Zentralbank (EZB) tröpfchenweise rettende Kochsalzlösung zukommen.

Nach fünf Jahren immer gleicher Behandlung haben die Griechen beschlossen, eine weitere Behandlung abzulehnen. In den vergangenen vier Monaten haben sie auf Treffen mit den Krankenhausdirektoren gedrängt, um das Rezept zu verändern. Nein, teilte man ihnen mit - es sei denn, die Ärzte stimmen zu. Doch die Ärzte mögen es nicht, wenn ihre Autorität in Frage gestellt wird. Stellt euch nur vor, antworten diese ihren Chefs, was passieren würde, wenn wir zustimmten. Der Patient könnte bald auf andere Ideen kommen. Stellt euch vor, was das kosten würde! So bleibt die Behandlung dieselbe. Und der Zustand des Patienten verschlechtert sich weiter.

Der Hippokratische Eid ist griechischen Ursprungs. Sein oberstes Gebot ist es, dem Patienten nicht zu schaden. Ist dieses Prinzip nun durch ein anderes ersetzt worden? Eines, das aus der verkommenen Kultur der internationalen Finanzwelt kommt und das da lautet, man solle vor allem kein Geld verlieren?

Die Geschichte wird urteilen

Wenn das so wäre: Sollte der Patient dann das Krankenhaus verlassen? Vor dieser Entscheidung stehen wir nun. Es ist keine einfache Entscheidung. Ginge er nach Hause, könnte er sterben. Die Ärzte sind dagegen, dass der Patient das Krankenhaus verlässt. Sie stellen ihm Hindernisse in den Weg. Die Ärzte herauszufordern, braucht erheblichen Mut. Das weiß jeder, der sich einmal in einer solchen Situation befunden hat. Aber vielleicht verbessert sich sein Zustand auch, wenn er nach Hause zurückkehrt? Vielleicht können die Schulden ja auch weggeschnitten werden? Das ist eine drastische Operation, die manchmal Leben rettet. Vielleicht werden frische Luft und Hausmannskost helfen? Man stelle sich vor, wie verärgert die Ärzte wären, wenn sie sähen, dass es dem Patienten ohne sie besser geht!

Dies ist der Punkt, an dem Europa und der IWF im Streit mit Griechenland gerade stehen. Niemand kennt das Ergebnis. Letztens Ende wird die Geschichte urteilen. Ich glaube aber, dass die Geschichte letztlich Mitgefühl mit dem griechischen Patienten haben wird. Vereinigungen zankender Ärzte, die eifersüchtig über ihre Zuständigkeiten wachen, tun ihm nicht gut.

James K. Galbraith ist Inhaber des Lloyd M. Bentsen Jr. Lehrstuhls für Government/Business Relations und einer Professur für Regierungswissenschaften an der Lyndon B. Johnson School of Public Affairs an der University of Texas in Austin. Er ist Autor des Buches "The End of Normal: The Great Crisis and the Future of Growth".