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Standpunkt

Gastkommentar: 25 Jahre nach der UdSSR - In der Zeit des reifen Putin

Welchen Weg ging Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion? Geht es dem Land nun besser als zuvor? Oder eher doch nicht? Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew analysiert vier Phasen russischer Geschichte.

Russland Matroschka Puppen Putin Lenin Stalin (DW/E. Burrows)

Zumindest in Souvenirläden ist Putin schon so bedeutend wie Lenin und Stalin

Einer weint, einer lacht. Einer kann die russische Staatsmacht nicht ausstehen, und einer findet sie großartig. Einer ist Patriot und einer Nestbeschmutzer. Einer ist verarmt und einer sagenhaft reich geworden. Einer lebt in Moskau und einer weitab in einem gottverlassenen Dorf. So lebt Russland, 25 Jahre nachdem am 25. Dezember 1991 die rote Fahne über dem Kreml eingeholt wurde.

Der Zufall wollte es, dass ich Zeuge dieses Vorgangs wurde, denn ich befand mich gerade in der Wohnung von Freunden schräg gegenüber dem Kreml. Der Tod des Giganten musste einfach Gefühle von Bestürzung und Erleichterung zugleich auslösen. Die russische Trikolore wurde gehisst, und im Winterwind erzitterte das neue Russland.

Der radikale Wandel Russlands

An jenem Abend schien es, als sei dies lediglich ein Spiel mit Begriffen - und die GUS nur eine verbrämte Fortsetzung der UdSSR. Das Moskauer Volk eilte gleichgültig nach Hause, jeder für sich. Ich sollte mich jedoch - gemeinsam mit dem Volk - täuschen: Von jenem Moment an veränderte sich Russland radikal. Ist es aber besser geworden oder nicht?

Schriftsteller Viktor Jerofejew (imago/ITAR-TASS)

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew

Auf diese Frage gibt es keine eindeutige Antwort.

Nicht nur einmal im Verlaufe der Weltgeschichte war das eine oder andere Land gegenüber dem Rest der Welt beleidigt und verlangte Genugtuung - überzeugt von der eigenen Einzigartigkeit. Und in diesem beleidigten Zustand verharrt nun Russland (oder tut zumindest so).

Hat es das Recht, beleidigt zu sein, weil jemand (der Westen, die NATO, die USA) ihm die Sowjetunion weggenommen hat? Wohl kaum, denn die Sowjetunion ist unter dem Gewicht ihrer eigenen Missbildungen zusammengebrochen, die verursacht wurden durch manische Unfreiheit in allen Lebensbereichen.

Russland möchte besser leben

Trotz aller negativen Folgen, aller offenkundigen Merkmale eines autoritären Regimes, einer Autokratie, trotz aller Phantomschmerzen, hervorgerufen durch den Zerfall der UdSSR und den Traum von ihrer Wiederherstellung, ist Russland immerhin kein kommunistisches, auf Klassenhass begründetes Schreckgespenst mehr. Russland ist nicht Nordkorea. Es will konsumieren wie alle entwickelten Länder. Es möchte besser leben.

Doch will ihm das nicht recht gelingen. Mit seinen heutigen Heimsuchungen reiht es sich ein unter andere problematische Länder, wobei es sich vor allem durch die ungeheuren Dimensionen des Territoriums und seine Atomwaffen hervorhebt. Hauptfeind des neuen Russland war von Anfang an die Abwesenheit einer Vorstellung davon, was Freiheit ist und wozu sie gut sein soll. Die Intelligenzija der Zeit vor der Perestroika wusste, was Befreiung ist - aber von Freiheit verstand sie wenig.

Das Leben im Russland der vergangenen 25 Jahre lässt sich in vier Teile aufteilen.

Die Phasen des frühen und des schwachen Jelzin

Der erste Teil - der frühe Jelzin: Die aufgeklärte russische Elite bekam die seltene Möglichkeit, sich mit der Staatsmacht zu einem gewissen mythischen "Wir" zu vereinen. Gesellschaft und Staat waren bereit zur gegenseitigen Annäherung.

Vermasselt wurde alles dadurch, dass sowohl die Staatsmacht als auch die Gesellschaft nur eine schwache Vorstellung von den Gesetzen der menschlichen Natur hatte. Das Volk hatte den Kommunismus in der Hoffnung auf ein besseres Leben gestürzt. Sehr schnell hielt es aber den Härtetest, eine gewisse Zeit schlechter zu leben und dabei mehr zu arbeiten, nicht durch und verfluchte die Demokratie. Russland begann sich wieder dem traditionellen Zustand sozialer Apathie und volkstypischer Verantwortungslosigkeit zuzuwenden. Die Unattraktivität des neuen, sich gerade erst herausbildenden Regimes führte zur Parlamentskrise von 1993, zu Separatismus, Krieg in Tschetschenien, Kampf gegen Oligarchen und der Überhandnahme der Mafia.

Der zweite Teil im Leben des neuen Russland nach den beschämenden Präsidentschaftswahlen von 1996 war gekennzeichnet durch einen schwachen, dem Alkohol zugeneigten Jelzin, der die Reformer vor den Kopf stieß und die "Silowiki", Geheimdienstler und Militärs, auf seine Seite zog. Die Finanzkrise 1998, die Zunahme nostalgischer Stimmungen und sozialer Hysterie, das Auseinanderdriften der Wertvorstellungen Russlands und des Westens - das ganze Knäuel dieser und anderer Probleme stürzte Russland in die Arme der Geheimdienstler.

Der frühe Putin - eine Quittung

Putins Antritt war die Quittung für die Fehler der russischen Demokratie. Doch die dritte Periode - die des frühen Putin - trug noch den Charakter eines politischen Übergangs. Doch allmählich stellte sich heraus, dass Russland nicht imstande war Portugals Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zu erreichen - was Putin 1999 gefordert hatte. Und dass wir keine Chinesen sind. Ausreichendes Beschäftigungspotenzial fehlte. Dafür gab es teures Öl und wachsende Nostalgie. Letztere bekam eine ideologische Basis verpasst. Die bestand in der Ablehnung universeller Werte, im Kultivieren des Gekränktseins und Festhalten an traditionellen Grundpfeilern des Lebens. Hinzu kam die Glorifizierung der orthodoxen Kirche. Die Kirche nutzte diesen einzigartigen historischen Moment für eine unerhörte Bereicherung im Austausch gegen Loyalität und staatlich verordneten Patriotismus.

Jetzt, in der vierten Periode, der Zeit des reifen Putin, hat er, der Lokführer, die Lokomotive abgehängt, an den letzten Wagen angekoppelt und fährt den Zug in die entgegengesetzte Richtung - mit dem Versprechen, dort befände sich die Zukunft.

Der reife Putin und das überlegene Russland

Putin hat begriffen, dass das Land besser auf Mobilisierung als auf Modernisierung reagiert, und bewirkte eine in der Geschichte Russlands seltene Vereinigung der Staatsmacht mit einem großen Teil der Bevölkerung. Das russische Gekränktsein wegen der verlorenen Gebiete verwandelte sich in die unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Überlegenheit - in moralischer, religiöser und historischer Hinsicht. Die Lüge als Kriegsgöttin funktioniert sowohl im neuen Kalten Krieg gegen den Westen, als auch im heißen Krieg gegen die Ukraine und sonstigen Gegner einer Rückkehr unter die russische Obhut. Der Westen hat gleichsam Russland in die Hände gespielt, indem er die eigene Zerrissenheit offenbarte und - um es geradeheraus zu sagen - strategisch unklug agierte. Ob es einen Ausweg gibt aus der entstandenen Situation?

Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch 

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