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Kultur

Gastfreundschaft fürs Auge

Mit der Ausstellung "Leben unter dem Halbmond" öffnet das Berliner Vitra Design Museum Türen, die ins Innere der arabischen Welt führen: Wohnbauten, Interieurs und Alltagsgegenstände vermitteln intime Einblicke.

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Das Interieur eines Lehmbaus im Jemen

Kaffee mit einem Hauch Kardamon, nur wenige Schlucke, bitter und stark. So aromatisch kann nur Kaffee schmecken, der gerade aus frisch gerösteten Bohnen zubereitet wurde. Um eine riesige Feuerstelle in einem Nomadenzelt spielt sich ein Ritual ab, dessen Krönung der Genuss des schwarzen Getränks ist. Leider gibt es den Kaffee und die Zubereitungs- Zeremonie nur auf dem Bildschirm.

Nomads Mauretania

Nomaden in Mauretanien / Nomads in Mauretania Photo: Deidi von Schaewen

Wer die reale Reise in die arabische Welt macht, der begreift sehr schnell, dass es weniger um das Kaffeetrinken geht, als viel mehr um die ausgedehnte Bewirtungszeremonie: In ihr äußert sich die herausragende Rolle der Gastfreundschaft der Region. Nicht nur bei den Nomaden, auch in allen anderen Lebensformen, die das Vitra Design Museum vorstellt, hält das Innere des Hauses einen Ort großzügiger Gastfreundschaft bereit. Auf ihn konzentriert sich die Lebenskultur seiner Bewohner.

Haram – Das Reich der Frau

Farbige Wand- und Deckenbemalungen, Teppiche und bunte Kissenreihen sind jedoch nur ein Teil der Inszenierung des arabischen Innenraums. Ornamentalen Charakter gewinnen auch in Wandnischen aufgereihte Sets von Kaffeekannen und Töpfen. Selbst ein Stapel Matratzen hat dekorative Funktion. In den Dörfern im Euphrat-Tal gilt das Matratzenlager gar als der eigentlich repräsentative Teil der Inneneinrichtung. Ornament und Dekor bedeuten Gastfreundschaft für das Auge.

Die imaginäre Reise, zu der die Schau im Design Museum einlädt, zeigt das Hausinnere als geheiligten Rückzugsort der Familie. Wer die Schwelle eines arabischen Hauses übertritt, gelangt aus dem öffentlichen Bereich des Mannes in die private Sphäre, das Reich der Frau. "Haram" ist im arabischen die wörtliche Bezeichnung für "das Reich der Frau".

Letzte Zeugen einzigartiger Wohnkulturen

Interieur einer Kasbah bei Skoura

Interieur einer Kasbah bei Skoura, Marokko / Interior of a Casbah in near Skoura, Morocco Photo: Deidi von Schaewen

Von Syrien im Norden bis zum Jemen im Süden und vom Irak im Osten bis nach Marokka im Westen reicht das Gebiet, in dem Arabisch gesprochen wird. So riesig wie der Lebensraum, so vielfältig sind auch die Wohnformen. Besonders erstaunt der Bereich des ländlichen Wohnens: Fotografien zeigen kuppelförmige Lehmbauten aus Syrien, hoch aufragende Steinhäuser im Bergjemen oder Schilfhäuser aus dem Süd-Irak.

"Vieles konnten wir vielleicht zum letzten Mal dokumentieren," erläutert Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums und Leiter des umfangreichen Ausstellungsprojekts. Gemeinsam mit der Fotografin und Dokumentarfilmerin Deidi von Schaewen ist er auf diverse Forschungsreisen gegangen. Im syrischen Kuppeldorf Djaboul, das zu den letzten intakten Dörfern seiner Art gehört, erklärte eine Bewohnerin unmissverständlich: "Wir ziehen die Neubauten vor, denn das Leben dort ist leichter."

"Wohnst du noch oder lebst du schon?"

Skyline von Beirut, Libanon

Skyline von Beirut, Libanon

Mit dem Einfluss der westlichen Moderne werden auch immer größere Teile der arabischen Länder von Betonbauten und Trabantenstädten geprägt. Doch nicht alle fühlen sich dort wohl. "Wir sind sogar auf Leute getroffen, die nach dem Studium in der Stadt wieder zurück in ihre Dörfer gekehrt sind", erzählt Deidi von Schaewen.

Ein neu erwachtes Bewusstsein für das reiche Erbe der arabischen Wohnkulturen existiert durchaus. Tradition und Moderne sind keineswegs unüberbrückbare Gegensätze. "Wohnst du noch oder lebst du schon?" Die Ausstellung "Leben unter dem Halbmond" zeigt, wie Lebenskontext, Wohnform und Gebrauchsgegenstände in der arabischen Welt den Werbeslogan des schwedischen Möbelkonzerns Ikea mit Sinn erfüllen.

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