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Europa

Gastbeitrag: Wer reißt die verheilte Wunde von 1941 wieder auf?

Der Tag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion ist uns gefährlich nah, meint der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew: Eine neue historische Krisensituation ist eingetreten.

Ein großer Krieg ist eine große Dummheit. Ein kleiner Krieg ist keine geringere Dummheit.

Die ewige Frage, wer schlimmer war, Stalin oder Hitler, könnte man so beantworten: Sie waren beide Zündsteine, die, aneinander gerieben, die Feuersbrunst des Zweiten Weltkriegs entfachen konnten. Der eine hätte ohne den anderen nichts entzündet. Aber Stalin verwandelte sich als Erster in den maßgeblichen Zündstein und tat alles, um Hitler an die Macht und folgerichtig in den Krieg zu führen.

Ich glaube nicht an das Märchen, dass Stalin als Erster Hitler überfallen wollte. Stalin, denke ich, war sicher, dass sich da endlich einer gefunden hatte, der ihm als moralische Rechtfertigung für alles dienen konnte: für die Kollektivierung, den Terror, den Tod von Millionen. Hitler war der einzige Mensch in der Weltgeschichte, der sich mit Stalin im Ausmaß des Bösen messen konnte. Hitler war eine vorübergehende Atempause für Stalin, der sich dummerweise irrte, was die Dauer der Atempause anging.

Die Sowjetunion hätte eine leichte Beute sein können

Ich denke, dass Hitler 1941 hätte siegen können, wäre er kein ideologischer Psychopath gewesen. Die Sowjetunion wankte unter Stalins Gräueltaten. Dass Stalin seine in Gefangenschaft geratenen Soldaten als Verräter bezeichnete und sich von ihnen abwandte, zeugte von der inneren Schwäche seiner Macht (übrigens existiert diese Haltung noch heute, wenn auch in kleinerem Umfang). Die Sowjetunion hätte eine ziemlich leichte Beute sein können. Es hätte ausgereicht, ihr ein, sagen wir mal, erträgliches Regime mit nationalstaatlichen Elementen zu geben. Aber Hitler legte bei den Slawen rassistische Maßstäbe an und ging an diesem rassistischen Irrsinn zugrunde. Stalin seinerseits tränkte den gesamten Weg des Krieges mit dem Blut der Slawen, und eben dieses Blut wurde zum wahren Banner des Sieges, der einem Wunder gleichkam.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew auf der Leipziger Buchmesse (2015) (Foto: DW)

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew auf der Leipziger Buchmesse (2015)

Die Nazis konnten im Laufe des Krieges Russland nichts Gutes bringen, nichts außer Unheil. Stalins Schergen brachten den eroberten Ländern im Nachkriegseuropa wenig Gutes, nämlich ihr System, Kolchosen in Polen und der DDR, Terror und Folter, Erschießungen von Missliebigen.

Wahnhafte Utopien von Hitler und Stalin

Jeder ist frei, den 22. Juni 1941 - den Tag des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion - auf seine Weise zu sehen. Ich zähle dieses Datum zu einer der krassesten Erscheinungsformen menschlicher Dummheit. Hitler und Stalin konkurrierten miteinander im Errichten von wahnhaften Utopien. Ihre Konfrontation war programmiert. Aber diese Utopien selbst zeugen bereits von einer wahnhaften Komponente der menschlichen Natur.

Deutschland (lange Zeit Westdeutschland, heute ganz Deutschland) hat für diesen hinterhältigen Vertragsbruch und den darauf folgenden Horror Buße getan. Und vor meinen Augen hat sich Russland jahrelang in Vergebung geübt und Deutschland schließlich verziehen. Als ich klein war, spielten wir noch Krieg, und die Deutschen waren das Analogon für die Hölle. Später wurden die Deutschen aus der Bundesrepublik das Analogon für wirtschaftliche Erfolge, und meine halbwüchsigen Altersgenossen lungerten vor den Hotels herum und bettelten um Zigaretten und Kaugummi.

Moskau nutzt den vergangenen Krieg politisch aus

Heute haben Deutsche und Russen ein besseres Verhältnis zueinander als zu erwarten war. Für die Deutschen ist Russland ungeachtet der Ukraine das ziemlich schwache, aber natürliche Gegengewicht zur einzigen Supermacht - Amerika. Für die Russen ist Deutschland in Europa (und überhaupt) das am ehesten verständliche Modell einer humanen, sozialen Gesellschaft, welches sich für Russland als unerreichbares Ideal darstellt.

Und heute? Was bedeutet heute der Krieg, der am 22. Juni begann? Vom menschlichen Standpunkt eine große, aber verheilte Wunde und viele Tränen auf beiden Seiten.

Nun ist allerdings eine neue historische Krisensituation eingetreten. Die gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen Russland und dem Westen infolge der Ereignisse auf dem Maidan in Kiew, auf der Krim und in der Ostukraine haben uns den 22. Juni gefährlich nah gebracht. Heute nutzt Russland den vergangenen Krieg politisch aus, reißt damit die verheilte Wunde wieder auf und erklärt sie zu einem Geschwür, welches sich erneut geöffnet habe. Ziel ist es, die Bevölkerung des Landes für die lebenslange Erhaltung des russischen Machtgefüges in seiner jetzigen Form zu mobilisieren - mit der messianischen Utopie einer "Russischen Welt" und mit Sprüchen wie "1945: Wir können's euch noch mal besorgen!". Das ist, gelinde gesagt, nicht die beste Methode, um das gegenseitige russisch-deutsche Vertrauen zu erhalten, gar nicht zu reden von echter Sympathie.

Viktor Jerofejew ist ein russischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Fernsehmoderator. Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Romane "Die Moskauer Schönheit", "Der gute Stalin" und "Die Akimuden", die ins Deutsche und in viele andere Sprachen übersetzt wurden. Er ist Ritter der französischen Ehrenlegion.

Aus dem Russischen von Beate Rausch.

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