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Welt

Gastbeitrag: “Die Last ist bisher viel zu sehr von den Steuerzahlern getragen worden“

Eine Regulierungsaufsicht mit verbindlich vereinbarten Risikokriterien, die international harmonisiert werden, fordert Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) im Interview mit DW-WORLD.DE.

Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel (Quelle: ARCHIV)

Dennis Snower

DW-WORLD.DE: Fast alle Staaten dieser Welt haben Konjunkturpakete in immensen Höhen verabschiedet. Reichen diese Maßnahmen aus, um weltweite Rezessionen abzuwenden? Dennis Snower: Diese Frage können wir erst beantworten, wenn wir die Ursachen der Finanzkrise behoben haben - und das haben wir bislang noch nicht. Wir brauchen zumindest eine Harmonisierung der internationalen Kriterien, um die Risiken zu bewerten und zu beschränken. Die G20 wollen in diese Richtung gehen, aber noch gibt es dieses Regelwerk nicht.

Die Issing-Kommission, von Bundeskanzlerin Angela Merkel beauftragt, Vorschläge für bessere internationale Finanzmarktregeln zu machen, hat geraten, eine Landkarte über die Risiken an den Finanzmärkten zu erstellen. Ist das Ihrer Meinung nach eine gute Lösung? Ja, wir brauchen solche Landkarten auf mikroökonomischer Ebene, ein Kreditregister, aber auch auf makroökonomischer Ebene. Das nennt sich “Macroprudential Supervision“. Dabei wägt man die großen makroökonomischen Zusammenhänge ab. Das ist eine schwierige Aufgabe, aber ganz bestimmt nicht unmöglich. Es wäre wichtig, das zu tun, um nicht noch einmal ahnungslos in so eine Krise hineinzuschlittern.

Banken wie die Commerzbank und die Hypo Real Estate sollen teilweise verstaatlicht werden. Wie sollte Ihrer Meinung nach künftig mit Institutionen umgegangen werden, die zu groß und zu systemrelevant sind, um sie pleitegehen zu lassen? Da gibt es verschiedene Möglichkeiten: Erstens können wir versuchen, eine Welt zu konstruieren, in der es solche systemrelevanten Institutionen nicht mehr gibt. Dazu splittet man die verschiedenen Aktivitäten der Institute einfach auf, so dass es keine Systemrelevanz mehr gibt. Die zweite Möglichkeit ist: Wir identifizieren diese systemrelevanten Institutionen und garantieren Ihnen, zahlungsfähig zu bleiben. Aber diese Garantie dürfte nicht nur vom Steuerzahler finanziert werden. Meines Erachtens müssten auch Gläubiger und Aktionäre einen Teil dazu beitragen. Die Last ist bisher viel zu sehr von den Schultern des Steuerzahlers getragen worden.

Aber die Bürger spüren bisher noch relativ wenig von der Wirtschaftskrise. Woran liegt das? In Amerika und in Großbritannien spüren die Menschen mehr davon. In Deutschland dauert es immer länger, bis das Land in eine Krise gerät - und es dauert dann auch länger, um aus ihr herauszukommen. Das hängt zum Teil mit der Regulierung der Wirtschaft und mit dem starren Arbeitsmarkt zusammen. Nachdem die Erträge eingebrochen sind, dauert es noch eine Weile, bevor Leute entlassen werden. Dann vergeht wieder Zeit, bis die Menschen weniger konsumieren. Aber diese Prozesse sind ganz bestimmt im Gang und sie werden auch Deutschland betreffen.

Können Sie eine Prognose wagen, wann das Ende der Krise für Deutschland absehbar ist? Ich wünschte, ich könnte das. Aber bis wir die Finanzkrise nicht gelöst haben, kann ich so eine Prognose nicht abgeben. Ich glaube ernsthaft, dass es bis zu diesem Zeitpunkt noch immer möglich ist, dass neue Krisen auf diese Art wieder auftreten. Es ist, als ob ein Haus brennt. Man muss den zentralen Brandherd gelöscht haben - und das haben wir bisher noch nicht getan.

Das Interview führte Karin Jäger.

Dennis Snower ist seit Oktober 2004 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel und Professor für theoretische Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Er wurde am 14. Oktober 1950 in Wien geboren, besitzt aber die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Beschäftigungspolitik und Arbeitslosigkeit.

Redaktion: Julia Bernstorf