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Welt

Gastbeitrag: Clinton sollte den Kahn machen

Den Kampf um die demokratische Präsidentschaftskandidatur hat Barack Obama gewonnen. Was kann Hillary Clinton jetzt tun? Sich zum Beispiel den Lebensweg von Torwartlegende Oliver Kahn zum Vorbild nehmen.

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Zwei Jahre ist es her, dass Jürgen Klinsmann Torhüter Oliver Kahn zum Ersatzkeeper der deutschen Nationalmannschaft degradierte. Ausgerechnet Kahn, Typ geborener "Leader" und protegiert vom mächtigen FC Bayern München, sollte Platz machen für eine neue Nummer Eins im Tor; eine Position, auf die er doch abonniert schien. Doch dann passierte etwas, was ihn scheinbar noch größer machte als er bereits war: Kahn fand sich nicht nur mit seinem Schicksal ab, sondern wurde schnell zur Stütze des Teams – nun abseits des Platzes. Symbolisch für den neuen "Elder Sportsman" Kahn war die Szene, als er seinem Nachfolger Jens Lehmann vor dem entscheidenden Elfmeterschießen gegen Argentinien Mut zusprach.

Wahlkampf und Fußball

Und was hat das nun mit dem US-Wahlkampf zu tun? Es ist sicher nicht nur die Tatsache, dass Clintons Abgang vor der Wahl mit dem Beginn einer Fußball-EM zusammenfällt, zu der auch Kahn nicht mehr antritt. Es gibt andere Parallelen zwischen Clintons Geschichte und der des Torwart-Titanen. Am Samstag (7.6.2008) wird die New Yorker Senatorin offiziell ihre Niederlage eingestehen. Auch sie schien zu Beginn der Vorwahlen die natürliche Anwärterin auf den Top-Posten – die Präsidentschaftskandidatur. Auch sie hatte mächtige Fürsprecher, beste Kontakte und überdies einen bekannten Ehegatten – und es reichte nicht. Und auch ihr Team, die Demokraten, brauchen Clinton – mehr als je zuvor –, wenn sie im November das Weiße Haus gewinnen wollen. Barack Obama ist auf die 18 Millionen Stimmen seiner unterlegenen Rivalin angewiesen, denn nicht wenige der Clinton-Anhänger, vor allem Latinos, ältere Menschen und Industriearbeiter, müssen erst einmal überzeugt werden, dass der Polit-Rockstar und Harvardabsolvent aus Chicago auch ihre Interessen vertritt.

Niemand könnte es Frau Clinton verübeln, sollte sie sich entscheiden, der Demokratischen Partei den Rücken zu kehren und dem Wahlkampfteam von Obama erst einmal nicht zur Verfügung zu stehen. Bereits 1992 opferte sie ihre politischen Ambitionen, um ihrem Ehemann Bill Clinton beim Einzug in das Weiße Haus zur Seite zu stehen. Und auch 2008 scheint ihr wieder einmal nicht mehr als die zweite Geige übrig zu bleiben. Politischer und persönlicher Frust ist programmiert.

Rückzug als Neuanfang

Ein geordneter Rückzug könnte aber ihren politischen Neuanfang einleiten. Die Aufgabe jeglicher Pläne, den Wahlkampf bis zum Nominierungsparteitag in Denver fortzuführen, ein Aufruf an ihre Anhänger, nun ihren ehemaligen Kontrahenten zu unterstützen und ihr eigener politischer Beitrag für eine erfolgreiche Präsidentschaftskandidatur Obamas könnten ihr am Ende nicht nur die Vize-Präsidentschaft einbringen. In diesem Fall würde sie das erreichen, was ihr über die gesamte Dauer des Vorwahlkampfes verwehrt blieb: die überparteilichen Sympathien vieler Wähler, die sie dann nicht mehr als emotionslose Wahlkampfmaschine betrachten, sondern als respektable Politikerin mit menschlichem Antlitz. Im Fußballjargon würde sie diese politische Wende zur Meisterin der Herzen machen.

Oliver Kahn hat mittlerweile seine Fußballer-Karriere beendet. Im Alter von 38 Jahren ist im Sportgeschäft an einen Neuanfang nicht mehr zu denken. Anders in der Politik: Clinton zählt mit ihren 60 Jahren keineswegs zu den alten Eisen. Eine Versöhnung mit Obama und ein politisch gewichtiger Posten in seinem Kabinett könnten daher erst der Anfang sein – für ihren neuen Anlauf zur Präsidentschaft 2012 oder 2016.

Rana Deep Islam ist Fellow am Düsseldorfer Institut für Außen- und Sicherheitspolitik (DIAS).