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Kultur

Gastarbeiter im Dienste des Herrn

In Deutschland werden immer weniger katholische Priester geweiht. Um die Lücken zu füllen, werden Geistliche aus Ländern wie Indien oder Polen geholt. Die haben mit sprachlichen und kulturellen Problemen zu kämpfen.

Der Pfarrer der katholischen Sankt-Franziskus-Gemeinde, Achille Mutombo-Mwana, unterhält sich vor der Kirche von Mittelstadt, in der Nähe des baden-württembergischen Plitzhausen mit einer Frau und Kindern aus seiner Gemeinde (Foto vom 09.07.2004). Pfarrer Mutombo-Mwana, der seit 1989 in Deutschland lebt stammt aus der Demokratischen Republik Kongo. 1993 wurde dem promovierten Priester die Gemeinde Plitzhausen bei Tübingen angeboten, die ihn warmherzig empfangen hat. Foto: Harry Melchert dpa/lsw (zu lsw Serie Landsleute)

Deutschland Importpriester Achille Mutombo-Mwana

Oft zelebriert Pater Titus Karikkassery zweimal am Tag die Messe. Der Kaplan pendelt zwischen den vier Kirchen seiner katholischen Pfarrgemeinde im westdeutschen Ort Troisdorf hin und her. Dort führt er Gespräche mit den Gemeindemitgliedern und steht ihnen bei schwierigen Situationen zur Seite. Karikkassery kommt aus Indien. Dies ist nichts Ungewöhnliches mehr in deutschen Kirchengemeinden. Allein in seinem Erzbistum Köln sind 55 indische Geistliche aktiv. Hinzu kommen 136 weitere Priester aus Ländern wie Polen, Nigeria oder Südkorea. Etwa jeder siebte Geistliche dort kommt aus dem Ausland. In vielen der 27 deutschen Bistümer und Erzbistümer sieht es ähnlich aus.

Pater Titus Karikkassery. Copyright: DW/Andreas Gorzewski

Pater Titus Karikkassery arbeitet in vier katholischen Pfarrgemeinden

Pater Titus Karikkassery gehört zum Karmeliter-Orden. Als er von seinen Ordensoberen gefragt wurde, ob er zum Dienst im Ausland bereit wäre, willigte er ein. Mit seinem Einkommen will der 44-Jährige die Priesterausbildung in seiner südindischen Heimat fördern. 2006 kam er nach Deutschland, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen.

Per Losverfahren ins Ausland

Das ging auch Pater Celso Mateo Sánchez-Rosario so. Der 35-Jährige wuchs in der Dominikanischen Republik auf. Eigentlich wollte er Computerprogrammierer werden. Dann entschied er sich jedoch für das Priesterseminar. "Dort wurde ich gefragt, ob ich bereit wäre, in ein anderes Land zu gehen, wo wenige Priester vorhanden sind. Da habe ich ja gesagt", berichtet Sánchez-Rosario. Über seinen Einsatzort entschied das Los. Seit 2010 arbeitet er in Wachtberg, südlich von Bonn.

In den deutschen Bistümern wird kaum noch jemand Priester. In 2011 traten bundesweit nur 108 Männern in den Bistümern und Orden in den geistlichen Stand. In den 1990er Jahren waren es noch über 300. Außerdem sind viele der aktiven Priester kurz vor dem Ruhestand. Um geistliche und seelsorgerische Dienste auch nur annähernd aufrecht zu erhalten, brauchen die katholischen Kirchen dringend zusätzliches Personal. Der Priesternachwuchs kommt vor allem aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Im Jahr 2007 waren laut einer Studie, die die Bischofskonferenz in Auftrag gegeben hatte 1312 ausländische Geistliche in der Bundesrepublik im Einsatz Die größte Gruppe stammt aus Indien, obwohl dort nur knapp 17 Millionen Katholiken leben. Das zweitgrößte Kontingent stellt Polen.

Kommunikationsprobleme zwischen Priester und Gemeinde

Die ausländischen Fachkräfte haben es oft nicht leicht in den Gemeinden. Eine Messe auf Deutsch zu zelebrieren, ist mit einiger Übung machbar. Bei der Arbeit als Seelsorger fallen die Sprachdefizite stärker ins Gewicht. Für das Gespräch über sehr persönliche Probleme werden exzellente Sprachkenntnisse benötigt. Noch dazu wird ein gutes Einfühlungsvermögen in die hiesigen Lebensverhältnisse, die Kultur und die Mentalität benötigt. Darauf werden die ausländischen Priester zwar vorbereitet, aber in der Praxis sieht dann vieles anderes aus. Pater Sánchez-Rosario erinnert sich noch: "Das Erste, woran die Gemeinde sich gewöhnen musste, war meine Sprache, weil mein Deutsch sozusagen noch in den Anfängen war."

Pater Celso Mateo Sánchez-Rosario. Copyright: DW/Andreas Gorzewski

Pater Celso Mateo Sánchez-Rosario arbeitet schon sechs Jahre in Deutschland

Der Einsatz ausländischer Priester stößt nicht nur wegen sprachlicher und kultureller Probleme auf Kritik. In der Gemeinde engagierte Gläubige zum Beispiel behaupten, dass durch den Import ausländischer Geistlicher, der für Reformen notwendige Druck abgemildert werde. Solange es noch genug Priester gebe, werde nicht über Themen wie Frauen als Geistliche oder verheiratete Priester nachgedacht.

Ungewohnt war für Pater Karikkassery die Tatsache, dass er nicht einfach auf die Gemeindemitglieder zugehen kann. "In meiner Heimat brauche ich keinen Termin, um eine Familien zu besuchen. Ich kann einfach hingehen, klingeln und hallo sagen. Für einen Besuch in seiner Gemeinde im Rheinland müsse er sich eine Woche vorher anmelden. Das ist für mich ganz persönlich ein bisschen schwer", sagt er mit einem Kopfschütteln. In Indien kamen die Menschen automatisch auf ihn zu.

Deutschland als Missionsland

Auch die nachlassende Kirchenbindung und Individualisierung der deutschen Gesellschaft sind für Priester wie Sánchez-Rosario und Karikkassery gewöhnungsbedürftig. Die Zeiten, als der katholische Glaube von Europa in die Welt getragen wurde, sind für Kaplan Sánchez-Rosario vorbei. “Die Missionierung von Amerika ging von Europa aus. Das ist  jetzt umgekehrt. Europa ist sozusagen ein Missionsland geworden“, sagt der 35-jährige Theologe. “Gut finde ich das nicht, es ist eine Notlage“, ergänzt er bedauernd.

Der Karmeliter-Ordensbruder Karikkassery sieht das ähnlich. "Es ist schon ein Missionsland geworden", sagt der Inder nachdenklich. Allerdings seien die Voraussetzungen für eine Mission in Deutschland schwieriger als in seiner Heimat. In Indien könne ein Missionar einen neuen Glauben predigen. "Aber hier ist das ganz anders", sagt der Pater und schaut aus dem Fenster. "Die Menschen kennen Gott. Was ihnen fehlt, ist nicht der Glaube, sondern wie man diesen Glauben lebt." Das intensive Leben in einer Gemeinschaft von Gläubigen finde in Deutschland nicht mehr statt.

In einer intensiven Gemeinschaft wird Pater Karikkassery im nächsten Jahr wieder leben. Er gehört zu einem halben Dutzend indischen Patres, die in die Abtei auf dem Michaelsberg in der Kleinstadt Siegburg einziehen. Sie wollen dort Gottesdienste feiern und Seelsorge leisten. 2011 hatte der Benediktiner-Orden die Jahrhunderte lang genutzte Abtei aufgegeben.