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Kultur

Gasans Gedanken zur Buchmesse (I)

Unser Reporter Gasan Gusejnov, Mitarbeiter der russischen Redaktion von DW-WORLD, ist unterwegs auf der Frankfurter Buchmesse. Er berichtet täglich über Geschehnisse und Neuigkeiten vor und hinter den Verlagsständen.

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Das Web-Tagebuch zur Bücherschau

Zahlen sagen nichts

In Russland gelten nach wie vor zwei Regeln. Erstens, der Staat selbst ist die wichtigste Kulturinstanz. Zweitens, "ist in Russland ein Dichter mehr als nur Dichter". Dies schrieb in den 1960er Jahren ein auch in Deutschland bekannter und zur Sowjetzeit als enfant terrible der offiziellen Literatur bekannter russischer Autor - Jewgenij Jewtuschenko. Dieser Satz wird längst spöttisch umgedeutet, etwa in "ein Bandit ist in Russland mehr als bloß Bandit", und trotzdem bleibt diese russische Grundeinstellung - Literatur hat eine Staatstragende Funktion - bestehen. Verstehen darf man diesen Satz wie man will. Der Staat versteht ihn auf seine Weise, er sammelt seine Dichter samt Kritiker, Verleger, Literaturwissenschaftler und befördert sie zum größten Zunftereignis der Welt. Für den Staat ist ein Dichter nicht nur eine schöpferische Persönlichkeit, sondern ein Staatsmann. Er mag klein sein, vielleicht nur für solche Ereignisse mobilisierbar, aber immerhin: Er mutiert zu einem Mannschaftsmitglied.

Wie im Paradies, wo Beutetiere und Opfertiere friedlich auf einer Wiese liegen, bewegen sich im offiziellen Programm der Veranstaltungen, neben der liberalen Elite der Literaten- und Verlegerszene, nur wenige pensionierte Funktionäre des ancienne regime, orthodoxe Fundamentalisten und noch nicht ganz verblasste Vertreter der ausgehenden russischen Postmoderne. "Taktvoll" sind alle Podiumsdiskussionen so geplant, dass die sich im Frankfurter Paradies befindenden Literaten aus verfeindeten Lager nie miteinander diskutieren müssen. Hier wird nicht gestritten, hier zeigt der gütige Staat, dass er für jeden Strauß eine Vase hat und für jeden Meerestier sein eigenes Aquarium. Die Zeiten der Geschirrscherben sind vorbei. Fast jedes Podium ist ein Sammelsurium der Gleichgesinnten, kontrovers wird nur über harmlose Themen diskutiert.

Politik? Zu albern!

Dem russischen Staat war es außerordentlich wichtig, festzustellen, welche Erwartungen das deutsche Publikum von der Messe hat. Auf der Internet-Seite der russischen Organisatoren findet man Ergebnisse einer Studie des deutschen demoskopischen Institut IFAK. Dementsprechend können heute mehr als 41% der befragten Deutschen einige Namen russischer Klassiker des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts nennen. Schriftsteller der Sowjetzeit, darunter auch zahlreiche Dissidenten und Emigranten, sind mittlerweile jedem Neunten der Befragten bekannt. Und nur jeder Dreizehnte (7,8%) kennt einen wirklich modernen, nicht bloß heute noch lebenden russischen Schriftsteller. Dies steht im krassen Widerspruch zum Trend: deutsche und englische Verlage investieren immer mehr in die zeitgenössische Literatur.

Die Zahlen kann man sehr unterschiedlich interpretieren. Höchstwahrscheinlich hängt der geringe Bekanntheitsgrad moderner russischer Literaten nicht nur an der Qualität des Schreibens beziehungsweise am Desinteresse der deutschen Verlage. Das Bild Russlands in Deutschland wird einfach von der Brisanz der alltäglichen Medienberichte bestimmt. Tobender Krieg in Tschetschenien, massive Einmischungen des Staates im Medien-Bereich - das sind nur zwei Beispiele einer nicht überwundenen Krise. Da bleibt fürs breitere Publikum hierzulande nicht genug Platz für russische Literatur. Daher ist es wohl kein Zufall, dass eine der wenigen erfolgreichen Sparten des russischen Literaturangebot in Deutschland Krimis sind.

Manch einer befürchtete im Vorfeld, dass die Russen zu viel Putin und zu wenig Literatur bringen würden. Am ersten Tag der 55. Frankfurter Buchmesse haben sich diese Befürchtungen nicht bestätigt. Ob die totale Entpolitisierung der geplanten Diskussionen eine clevere Alternative ist, wird sich noch zeigen müssen.

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