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Deutschland

Gartenoase zwischen Beton und Bauschutt

Wer in der Stadt lebt, muss nicht auf einen Garten verzichten. Es gibt genügend Brachflächen, die beackert und begrünt werden könnten. In Köln entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei ein mobiler Garten.

Der intensive Duft von Pizza liegt in der Luft. Den kann aber nur riechen, wer sich nicht abschrecken lässt, das riesige Areal zu betreten: Es geht vorbei an staubtrockenen Erdwällen, meterhohen Bauschutthaufen, rotierenden Baggern und rostigen Eisenträgern.

Dorothea Hohengarten, Mitglied im Urban Gardening-Verein Kölner Neuland e.V. Copyright: Karin Jäger/ DW, 16.09.2012, Rechtefrei. Copyright: Karin Jäger/ DW. 17.08.2012, Rechtefrei

Dorothea Hohengarten im Stadtgarten

Und dann, mitten in dieser Wüste, erreicht der Besucher eine Oase. Bienen summen, Falter flattern, sattgelbe Sonnenblumen strahlen - und die Menschen sowieso. Dazu gehört Dorothea Hohengarten, die alle nur Doro nennen. Die junge Mutter ist passionierte Hobbygärtnerin, Sprecherin des Vereins "Kölner Neuland e.V." und Mädchen für alles in dem Gemeinschaftsgarten. Einige neugierige Passanten fragen, wie der Verein funktioniert. "Jeder kann hier Beete anlegen, düngen, wässern, ernten. Auch Nicht-Mitglieder. Gegen eine Spende. Meins und deins gibt es nicht", klärt Doro auf.

Mobile Beete: in einem Einkaufswagen, der mit Pflanzfolie und Erde ausgelegt wurde, gedeihen Pflanzen. Aus alten Holzpaletten vom Großmarkt wurden ebenfalls mobile Pflanzkästen gezimmert. Copyright: Karin Jäger/ DW, 16.08.2012, Rechtefrei. Copyright: Karin Jäger/ DW. 17.08.2012, Rechtefrei

Mobile Beete mitten in der Stadt

Ab nächsten Monat steht ein Gärtner auf Honorarbasis zur Verfügung, der die Freiwilligen dann in mögliche Arbeitsabläufe einweist und grüne Nachhilfe gibt. Solange wird täglich einer bestimmt, der Aufsicht führt. Die anderen ackern auf Zuruf, zimmern Kisten, die bepflanzt werden. Die Vereinsmitglieder haben dafür Holzpaletten von Händlern auf dem nahen Großmarkt erhalten.

Erde vom Tennisplatz

Michele verteilt rote Erde aus zermahlenen Ziegelsteinen auf dem Gemüsebeet. Die stammt von einem Tennisplatz und sorgt für einen wasserdurchlässigen Boden.

Drei Stadtgärtner, darunter ein Junge, füllen in Köln Regenwasser, das in einer alten Schubkarre aufgefangen wurde, um damit Pflanzen zu gießen. Copyright: Karin Jäger/ DW. 17.08.2012, Rechtefrei

"Urban Gardening" soll den Gemeinsinn fördern

Dann gießt er mit Fabio, seinem Sohn und dessen Freund die gerade angezüchteten Tomaten. "Wir haben so viel Glück gehabt in diesem Jahr. Kein guter Sommer zum Draußensein, aber eine wunderbare Zeit für die Gartenarbeit", freut sich der Italiener, der seit 40 Jahren in Deutschland lebt. Dann schneidet er eine Salatgurke auf und verteilt die einzelnen Scheiben auf Herumstehende: "Wie schmeckt es?", fragt er rhetorisch, denn diese Gurke schmeckt nicht nach Wasser wie die aus Massenproduktionen, sondern erfrischend gurkig. Michele kommt immer mit seinem Sohn hierher: "Es macht Spaß, mit den Schaufeln Erde zu bewegen und das Sägen macht auch Spaß", sagt Fabio mit Stolz. Einmal hat er mit seiner Schulklasse auf dem Gelände ein Insektenhotel gebaut, in das inzwischen Schlupffliegen eingezogen sind.

Eher symbolische Produktion mit Nachbarn und Gleichgesinnten

Heimische Früchte, alte Sorten oder exotische Pflanzen wie die Andenbeere gibt es zu sehen und zu kosten. Alles bio. Dass keine Pestizide und Herbizide, chemische Düngemitteln verwendet werden, gehört zu den Grundregeln der Gemeinschaft. Die Ernte ist für die Hobby-Gemüsebauern nicht das wichtigste Argument mitzumachen. Die meisten wollen etwas über die Pflanzen und Bodenbeschaffenheit lernen, genießen die Idylle mitten in der Stadt und das Zusammensein.

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Die Sehnsucht nach dem eigenen Garten

Rosalia gibt Tipps für die Aufzucht von Tomaten. Sie hat auf dem Balkon damit angefangen und nun ihren Garten hierher verlegt. Doro verfügt sogar über einen eigenen Schrebergarten. "Ich weiß nicht warum, aber hier wächst alles viel besser. Ich glaube, dass viele Hände gemeinsam was Besseres schaffen als viele Hände einzeln." Mittlerweile verwildere ihr Garten, weil sie sich lieber hier aufhalte und in der Gemeinschaft säe. Zu dem Mikrokosmos gehören Mütter, die sich mit ihren Kleinen lieber hier aufhalten als auf öden Kinderspielplätzen, Arbeitslose, Rentner, und Berufstätige, die sich nach der Arbeit im Büro hier im Freien austoben wollen.

Mobil, kreativ und ökologisch orientiert

An diesem Nachmittag strahlt die Sonne unerbittlich intensiv, der Boden lechzt nach Wasser, überall bewässern die Vereinsmitglieder Pflanzen. "Die Eigentümer benachbarter Gebäude haben uns erlaubt, das Regenwasser, was sonst von den Dächern durch die Regenrinnen in die Kanalisation geleitet würde, aufzufangen", erklärt Doro. Das Wasser wird in Tanks gesammelt und dann bei Bedarf für das Gartengrundstück abgezapft. Trotzdem gehen die Stadtgärtner sparsam mit der flüssigen Spende um. Zusätzlich mulchen sie die Beete, bedecken sie mit organischem Material wie Baumrinden und kleingehäckseltem Unkraut, Stroh und Grasschnitt. Das wirkt gegen Verdunstung, damit die Pflanzen darunter nicht austrocknen.

Frisch geerntete Tomaten in verschiedenen Farben und Größen und eine Zucchini liegen auf einem Tisch mit weiteren Informationen und Broschüren zum Gärtnern und über Pflanzen. Copyright: Karin Jäger/ DW, 16.08.2012, Rechtefrei. Copyright: Karin Jäger/ DW. 17.08.2012, Rechtefrei

Gemütlicher Abschluss nach der Gartenarbeit

Die geernteten Nahrungsmittel erreichen meist das Zuhause nicht. Die Selbstversorger essen Salat und Gemüsepflanzen vorher in gemeinsamer Runde auf dem Gelände und genießen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Es riecht wieder nach Pizza. Doch der Geruch kommt von den Oreganopflanzen, mit denen auch Pizzen gewürzt werden. Michele steuert Zucchini bei, die er zu Hause in einer Pfanne gegart hat. Einer heizt den Grill an.

Eigenständig durch Selbstversorgung

Die meisten der versammelten Hobbygärtner glauben nicht, dass "Urban Gardening", Landwirtschaft in mobilen Gärten, eine Modeerscheinung ist.

Vier Mitglieder des Gartenvereins Kölner Neuland e.V. verzehren Tomaten, die sie gerade frisch geernet haben. Copyright: Karin Jäger/ DW, 16.08.2012, rechtefrei

Auf den Standort kommt es an - Tomaten und Salat gedeihen auch zwischen Bauschutt

"In Chinas Städten beispielsweise ist es üblich einen Garten in Hinterhöfen zu bewirtschaften, weil die Menschen es nötig haben, sich selbst zu versorgen", erklärt einer, der kürzlich im Reich der Mitte war. Und Doro ergänzt: "Bei uns hat das noch etwas Spielerisches, aber es ist nicht schlecht, dieses landwirtschaftliche Wissen zu haben. Wir durchleben gerade eine Finanzkrise. Keiner weiß, was noch passiert in Europa. Und wir eignen uns hier ein Basiswissen an, dass es immer wert bewahrt zu werden."

Ein Garten zum Wachsen und auf Zeit

Zweieinhalb Fußballfelder groß ist die Fläche, die der Kölner Verein in der Südstadt bewirtschaften darf. Rund ein Viertel wird gerade erst genutzt. Doch die Anlage wird nicht für alle Ewigkeit bestehen.

Kleine, dicke Salatgurke, die auf dem mobilen Garten-Gelände in Köln-Bayenthal geerntet wurde. Copyright: Karin Jäger/ DW, 16.08.2012, Rechtefrei. Copyright: Karin Jäger/ DW. 17.08.2012, Rechtefrei

Salatgurke Marke Eigenanbau

Die Mitglieder haben einen Nutzungsvertrag mit dem Eigentümer, dem Bundesland Nordrhein-Westfalen bis Ende 2014 geschlossen. Auf dem Gelände soll ein neuer Stadtteil entstehen. Die Stadtgärtner hoffen darauf, dann einen anderen Platz für ihre Landbestellung zugewiesen zu bekommen. Wenn es soweit ist, werden sie ihre mobilen Pflanzkisten einfach dorthin transportieren.

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