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Kultur

Garteneinsichten – umhauen oder reifen lassen?

Sich Zeit lassen zum Wachsen und Reifen, ist eine Tugend, die mich mein Pflaumenbaum gelehrt hat, der Jahre lang keine Früchte trug. Ein Plädoyer für Geduld, so Hildegard König von der katholischen Kirche.

Ich bin gerne in meinem Garten. Es gibt Plätze darin, die mir besonders lieb sind: die Laube, wo mir eine Kletterhortensie Gesellschaft leistet, oder der Platz mit dem Liegestuhl, wo der Liguster seine Arme um mich legt. Ja, ich genieße meinen Garten als einen Ort der Ruhe und der Muße.

Ich kenne es aber auch anders: Es gibt Leute, für die ist der Garten nicht nur Erholung und Entspannung, sondern Auftrag, ihr Lebensinhalt, ihr Ein und Alles. Unternehmungen und Reisen richten sich nach dem Arbeitsstand im Garten. Der Garten entscheidet über Tun und Lassen, und sie sind unruhig und unzufrieden, wenn dem nicht so ist. Ich höre noch einen Landsmann von mir während einer Romreise stöhnen: „Ich steh hier am Kolosseum rum und daheim müsste man die Bäume schneiden“. – Ich gebe zu: Derart innig ist mein Verhältnis zum Garten nicht und leicht geht mir solches Pflichtbewusstsein auf die Nerven.

Damit soll nichts gegen Gartenarbeit gesagt sein. Auch ich freue mich, wenn Einsatz und Mühe im Garten Erfolg zeigen, wenn es grünt und blüht und Gemüse und Obst reif werden. Und ich kenne die Frustration, wenn der Lohn der Arbeit ausbleibt.

Ich denke an den Pflaumenbaum in unserem Garten: Wir hatten ihn vor Jahren voller Eifer gepflanzt. Und er wuchs und wurde jedes Jahr grün und jedes Jahr größer. Nur Pflaumen lieferte er keine. Jedes Jahr machte er Arbeit und immer weniger Vergnügen. Irgendwann hatten wir genug davon. Wir wollten ihn fällen und an einer anderen, womöglich besseren Stelle einen neuen setzen.

Unser Nachbar, den wir in unser Vorhaben einweihten, riet uns zur Geduld: „Gebt ihm noch ein, zwei Jahre“, meinte er. „Düngt ihn und schneidet ihn behutsam zurück. Und wenn er dann nicht trägt, könnt ihr ihn immer noch umhauen“. Es war eine Szene, fast wie in dem Gleichnis, das Jesus vor zweitausend Jahren erzählt haben soll: Vom Feigenbaum, der keine Früchte trug und deshalb umgelegt werden sollte, und der auch einen Aufschub erhielt (vgl. Lk 13,6-9).

Unser Nachbar hatte Recht. Der Pflaumenbaum trägt jetzt von Jahr zu Jahr mehr. Der Baum hat uns Geduld und Sorgfalt abverlangt, aber nun dankt er es uns mit seinen Früchten. Wenn ich auf den Pflaumenbaum schaue, frage ich mich, ob es nicht oft in meinem Leben so ist, dass sich die Dinge, die privaten wie die beruflichen, besser entwickeln, wenn ich sie mit Geduld und Sorgfalt angehe und ihnen mehr Zeit gebe, als ich ihnen zugestehen will oder andere nach ihrem Ermessen veranschlagen. Ob ich nicht besser vorankomme, wenn ich mich in Warten-können und Gelassenheit übe und meine Erwartungen nicht ins Kraut schießen lasse. Das wäre sozusagen ein Programm zur Entschleunigung des Alltags, vermittelt durch den Pflaumenbaum im Garten.

Und ich muss mir auch eingestehen, dass viele Erträge in meinem Leben nicht zustande gekommen wären, wenn nicht andere sich mit Geduld und Sorgfalt um mich gekümmert hätten. Wenn sie mir nicht die Zeit gelassen hätten, zu wachsen und zu reifen. Und ich seh‘ sie vor mir, all die Menschen, die dazu beitrugen, und bin ihnen dankbar.

So gestimmt beobachte ich das herbstliche Treiben in den umliegenden Gärten und bewundere die Geduld und Sorgfalt der Gärtner, mit der sie ihre Arbeit tun. Ich werde versuchen, mit ihrer Haltung in die neue Woche zu gehen. Sie bewahrt mich vor übereilten Schnitten. Ich werde versuchen, ihre Haltung in die neue Woche mitzunehmen. Sie wird mich vor übereilten Schnitten bewahren.

Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz

Prof. Dr. Hildegard König

Zur Autorin: Prof. Dr. Hildegard König hat in Tübingen katholische Theologie und Germanistik studiert. Ein Schwerpunkt ihrer Forschung liegt im Bereich „Alte Kirchengeschichte und Patristik“. Nach einem Studienaufenthalt in Rom lehrte sie an den Universitäten Luzern, Frankfurt, Tübingen und an der RWTH Aachen. Nach einer Gastprofessur an der LMU München arbeitet sie seit 2011 als Professorin für Kirchengeschichte an der Technischen Universität Dresden. Darüber hinaus ist sie als freie Dozentin tätig.

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