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Deutschland

Gar nicht mal so weltfremd

Sie ist eine der ersten Öko-Kommunen Deutschlands: Vor 25 Jahren haben ein paar Leute in Niedersachsen eine Munitionsfabrik umgebaut, um dort anders zu leben: Sie haben einige Ideen entwickelt, die nun sehr aktuell sind.

Im Ökodorf Sieben Linden in Sachsen wird das Feld mit dem Pferdepflug bestellt (Quelle: www.siebenlinden.de)

Alternativ leben und wirtschaften - das ist das Credo der Öko-Kommunen in Deutschland

Das Wort Krise mag hier niemand mehr hören. "Konzepte gegen die Krise" klingt da schon besser. Im Lebensgarten Steyerberg, rund 50 Kilometer nördlich von Hannover, werden sie durchdacht, ausprobiert und weiterentwickelt: Nachhaltige Landwirtschaft betreiben, ökologisch bauen, alternative Währungen entwickeln, gewaltfrei kommunizieren, neue Lernformen erkunden: Das sind nur einige Themen, mit denen sich die ungefähr 100 Menschen beschäftigen, die sich hier mitten in Niedersachsen zu einer alternativen Lebensgemeinschaft zusammengetan haben.

Frauke Elsasser erzählt, was für sie das Leben hier so besonders macht: "Die Vielfältigkeit die hier herrscht, die unterschiedlichen Lebensentwürfe, die die Menschen hier haben, die nicht so Mainstream sind und von denen man sich auch Anregungen holen kann." Sowohl in spiritueller Hinsicht, als auch ganz praktisch, sagt sie. "Es ist schon interessant zu sehen, wie anders Menschen leben können, vielleicht mit wenig Geld und trotzdem glücklich, auch Leute, die freiwillig eine große Karriere abgebrochen, um ihr Leben anders zu führen." Gerade für die Kinder im Lebensgarten sei das eine sehr anregende Atmosphäre.

Mit vereinten Kräften

Ein älterer Bewohner musste letztens sein Haus renovieren und konnte das nicht allein bewerkstelligen. Mit Hilfe eines Aushangs wurden all die zusammengetrommelt, die mit anpacken wollten. Eine allein erziehende Mutter, die plötzlich erkrankt, kann sicher sein, dass sich schnell jemand findet, der ihre Kinder in den Kindergarten bringt und ihr mittags eine warme Suppe kocht. Gelebte Nachbarschaftshilfe - dafür machen sich hier alle stark.

Seit Mitte der Achtziger Jahre gibt es den Lebensgarten. Die Menschen hier wünschen sich einen Alltag, der von einem achtsamen und bewussten Miteinander im Einklang mit der Natur geprägt ist. Soll der Baum neben dem Seminargebäude gefällt werden? Wie wird das Feld neben dem Spielplatz genutzt? Solche Entscheidungen werden gemeinsam in den monatlich stattfindenden Versammlungen getroffen.

Dass das nicht immer einfach ist, kann auch Hannelore Niedersetz berichten: "In so einer Gemeinschaft zu leben, ist auch eine Herausforderung." Wie im Familienleben oder in einer Partnerschaft sei das, nur extremer, "weil man ständig gespiegelt bekommt, wo die eigenen Grenzen sind und die eigenen Schatten, und das muss man natürlich aushalten können. Man bekommt Konflikte viel schneller gespiegelt, wir gehen damit aber ganz konstruktiv um."

Inspiration statt Resignation

Morgens wird gemeinsames Singen angeboten, abends kann man sich zum Klönen in der Kneipe treffen. Je nach Interessenlage kann man sich in Arbeitsgruppen engagieren oder am regen Seminarbetrieb teilnehmen. Dabei ist eine ökologische Grundhaltung für alle selbstverständlich. Jeder ist wirtschaftlich für sich selbst verantwortlich. Viele üben ganz normale Tätigkeiten außerhalb des Lebensgartens aus. Andere bringen sich intern als Gärtnerin oder Gruppenführer ein, leiten Seminare über Mediation und versuchen so, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Ein Bewohner hat sich über Jahre so intensiv mit dem Thema "Ökologische Baustoffe" beschäftigt, dass er inzwischen einen gut florierenden Baustoffhandel sein eigen nennt, der weit über die Grenzen Steyerbergs für seine Beratung bekannt ist. Ein bisschen ist es, als würden die Uhren hier anders gehen. Und doch sind die Zeiten zum Glück längst vorbei, in denen man die Bewohner des Lebensgartens als esoterische Spinner abgetan hat. In einer Gesellschaft, in der es immer mehr unglückliche Singles, überforderte Alleinerziehende und vereinsamte Senioren gibt, in der Themen wie "Pflegenotstand" und "Erziehungsnotstand" Schlagzeilen machen, kann man sich hier viele Inspirationen holen.

Autorin: Katharina Sieckmann
Redaktion: Manfred Götzke

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