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Politik

Ganz viel Ghana

Warum sie überhaupt nach Afrika wollte, weiß Judith Scholz aus Koblenz gar nicht so genau. Doch fest steht: Mittlerweile fühlt sie sich in Ghana viel mehr zuhause als in Deutschland.

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Judith Scholz und die Mädchen vom Schulzentrum machen Mittagspause.

Hektisches Gewimmel auf dem Wochenmarkt in Tafo. Es riecht nach Gewürzen, geräuchertem Fisch und rohem Rindfleisch. Hier, in der schwülen Hitze tobt das Leben Ghanas: Hinter windschiefen Holzständen füllen Marktfrauen Reis in kleine Platiksäckchen. Vor den Ständen schieben sich die vielen Menschen durch die unüberschaubaren, engen Gässchen. Mitten drin steht Judith Scholz. Sie fällt in dem dichten Gedrängel sofort auf, denn sie ist die einzige Weiße. „Zweimal in der Woche hat jeder Ort seinen Markt. Also eigentlich ist das der Supermarkt, weil alles auf dem Markt frisch gekauft wird und da trifft sich alles. Man kauft halt immer an bestimmten Plätzen, weil da hat man ein gutes Verhältnis zu denen und kriegt halt gute Ware. Das ist einfach so üblich“, sagt Judith.

Friseurstudio in Ghana

Auch das Friseurstudio gehört mit zum Ausbildungszentrum von Judith Scholz.

Judith packt zwei große Körbe mit fast einer Wochenration an Lebensmittel ins Auto. Es steht abseits vom hektischen Markttrubel. Unter der Woche kommt die 36-Jährige kaum zum einkaufen. Sie investiert jede freie Minute in die "Children we care-Foundation". Die Organisation wurde von ihr mitbegründet und hat in Ghana mehrere Projekte. Unter anderem leitet Judith ein Ausbildungszentrum für junge Frauen.

Erste Kontakte in das westafrikanische Land knüpfte Judith vor knapp 10 Jahren. „Ich wollte immer nach Afrika. Woher das kam, kann ich nicht sagen. Das war ein Kindheitstraum. Und dann hab ich zufällig einen Artikel gelesen über einen Deutschen aus Bremen, der hatte in Ghana hier ein Kinderheim gegründet. Und den hab ich angerufen und gefragt, ob er nicht Bedarf hat an einem Sozialarbeiter, der da ehrenamtlich für ein Jahr mitarbeitet. Und der sagte sofort „Ja“ – und so war es Ghana – zufällig.“

Judith vor Schild Ghana

Judith Scholz vor dem Hinweisschild auf das Ausbildungszentrum

Heimweh nach Deutschland hat Judith nicht. Dafür liebt sie ihr Ghana zu sehr. „Es ist so, als hätte man hier seine Heimat gefunden, als würde ich hier hingehören. Ich fühle mich auch nicht mehr als Fremde, oder als Weiße, so jetzt nach den Jahren.“ Zurück am Markt: Mittlerweile hat Judith alle Einkäufe in ihr Auto verstaut. Weil sie klein und zierlich ist, sitzt sie auf zwei Kissen, um besser über das Lenkrad gucken zu können.

Jetzt auf der Heimfahrt sieht sie „ihr“ Ghana im Schnelldurchgang. An den kleinen Straßenständen werden gerösteter Mais und Sojaspieße verkauft. Kinder gucken ungläubig wenn sie Judith am Steuer sehen. Winken, lachen und schreien: "Obroni" - weiße Frau. Autofahren ist in Ghana eine Herausforderung. Meistens kann Judith nicht schneller als 40 Stundenkilometer fahren. „Also man muss immer sehr aufmerksam fahren. Weil erstens sind die Straßen schlecht, voller Schlaglöcher – dass man halt nicht unerwartet in so ein Schlagloch reinhaut. Zweitens spielt sich das leben auf der Straße ab. Man muss immer aufpassen, dass kein Huhn, kein Schaf, keine Ziege vors Auto läuft. Also man muss super, super aufmerksam sein. Ansonsten…. Nein, ich habe noch kein Tier bisher umgebracht. Gott sei dank.“

Bildergalerie Auswärtsspiel Ghana. Judith Scholz beim Kochen

Judith Scholz beim Kochen

Zuhause, am Rande des kleinen Dorfes Maase wird sie dann von ihren vielen Tieren begrüßt. Hunde, Schafe, Enten und auch zwei kleine Kätzchen, von denen eines schon wieder auf das Vordach gesprungen ist.

Das kleine Steinhaus wirkt gemütlich. Judith teilt es sich mit ihrer Patentochter Abogawyea. Sie hat sich entschieden. Zumindest für die nächsten Jahre: Kein zurück nach Deutschland. Nicht, weil Judith das Leben in Koblenz nicht gemocht hatte. Aber das neue Leben in Ghana gefällt ihr einfach besser.

Autor: Maurice Gully

Redaktion: Birgit Görtz