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Kultur

Ganz normale Wohnverhältnisse

Die Anschläge des 11. September nahmen in einer Hamburger Dreizimmerwohnung ihren Anfang. Dort lebte der mutmaßliche Drahtzieher der Attentate. Nun findet hier ein Kunstprojekt statt.

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Attas Wohnung als Ort für Kunstprojekte

Mehrere Jahre lebte Mohammed Atta mit zwei Gefolgsleuten als so genannter "Schläfer" in einer unauffälligen Dreizimmerwohnung in der Hamburger Marienstraße 54. Seit den Anschlägen vom 11. September steht sie leer. Niemand möchte in der von den Medien als "Terrornest" bezeichneten Unterkunft wohnen.

Der Berliner Theatermacher Stephan Hoffstadt führt an diesem geschichtsträchtigen Ort sein Projekt "Marienstraße 54 space clearing" durch. Die Betrachter der Installation sollen sich nach Hoffstadts Vorstellung mit ihren eigenen Ängsten und Vorstellungen auseinandersetzen. Damit will er die Wohnung von den kollektiven Fantasien, die sich um diesen Ort ranken, befreien. Die seien nämlich größtenteils durch die Berichterstattung der Medien geschürt worden. "Kann ein Ort an sich böse sein?", lautet die Frage der Hoffstad nachgehen will. Im Gespräch mit DW-WORLD erklärt Hoffstadt sein Projekt "Clearing Space".

DW-WORLD: Wie kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet in Mohammed Attas Wohnung eine Installation durchzuführen?

Stephan Hoffstadt: Es ist ein Kunstprojekt, das in einem Ort stattfindet, der von einer Art Berichterstattung dominiert ist, die wenig mit uns zu tun hat. Mir ist es wichtig, unsere Aktivitäten in den Medien richtig zu platzieren. Ein Teil der Medien neigt dazu, in bezug auf dieses Thema, den Aspekt des Skandals oder der Sensation hervorzuheben. Dieses Projekt ist eigentlich sehr unspektakulär und soll sich vom "Media hype" distanzieren.

DW-WORLD: Haben Sie denn dann keine Angst, missverstanden zu werden?

Wenn ich Angst hätte, dürfte ich das nicht machen. Natürlich sind wir der Kritik ausgesetzt. Kritik gab es ja bereits genug. Was wir wollen, ist ein Debatte über den Ort und über die Art wie die Medien darüber berichten. Kritik wird es auf jeden Fall geben, aber wir hoffen, einen Teil der Debatte zu initiieren.

DW-WORLD: Der Ort, wie Sie selber sagen, ist symbolisch überfrachtet. Denken Sie, dass es durch ein Kunstprojekt möglich ist, diese Konnotation des Bösen zu entfernen?

Das ist eine Frage, die offen bleibt. Kunst soll keine Frage beantworten. Es wäre naiv zu glauben, dass wir diese "Konnotation", wie Sie es sagen, neutralisieren könnten. Wir sind aber überzeugt, dass wir einen Effekt des "space clearing" erzielen können. Dass die Leute kommen und sagen: "Mensch, das ist doch eine leere, banale, nichtssagende Wohnung, mit Küche und Bad".

DW-WORLD: So weit die Theorie. Und wie funktioniert das in der Praxis?

Es gibt konkrete Zeichen, dass das funktioniert. Der Grundgedanke ist, dass jemand da einzieht. Die Medien warten seit langem darauf, dass jemand da einzieht, um eine Story daraus zu machen. Alle drei Tage rufen Leute bei dem Makler an und fragen: "Ist da jemand?" Nach unserer Aktion wird diese Story nicht mehr so interessant sein. Wir werden ein Teil dieser Sensation vorweggenommen haben.

DW-WORLD: Sie nehmen dem Ort also seinen Mythos?

Es ist doch nur eine Wohnung. Wir kommen durch sie nicht dem Geschehen nicht näher. Im Gegenteil. Die Suggestion, dass diese Wohnung eine Verbindung zum Terrorismus ist, ist im wesentlichen eine mediale Konstruktion. Sie werden dort nichts finden. Nur eine leere Wohnung. Es ist ein traumatischer Ort und ein Trauma wird nur verarbeitet, wenn man es nicht verdrängt. Wir wollen ein bisschen zur Bearbeitung des Traumas beitragen.

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