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Digitales Leben

Ganz gewöhnliche Gadgets

Eine Zeit lang war man mit einem Walkman am Gürtel schon was Besonderes. Dasselbe galt für einen tollen Taschenrechner, dann für den Besitz eines Mobiltelefons und jetzt eines Tablet-PCs. Doch aufgepasst!

Ich lag an einem türkisfarbenen Pool, es waren 35 Grad und ich merkte, dass ich mitnichten noch irgendwas Besonderes war. Kein Wunder, werden Sie sagen, so viel Sonne ist auch nicht gesund und vormittags bereits Cocktails trinken tut dem Gemüt nun mal nicht gut. Mag sein. Einzig: Was mich irritierte, war weder der glühenden Sonne noch dem süßen Getränk in meiner Rechten geschuldet. Es waren die Menschen.

Ich, die digitale Avantgarde

Europäer, Asiaten, aus Japan, aus den Niederlanden - egal - sie alle, gleich welchen Alters, trugen schwarze Taschencomputer mit sich herum, lasen, wischten, guckten, fotografierten und drehten ihre Geräte beständig hochkant und zur Seite und wieder hochkant. Als dann auch noch ein etwa 70-jähriger braun gebratener mächtiger Mann in knappen roten Badehosen hinter einer Palme hervortrat, sein Tablet-PC als modisches Accessoire lässig am Arm baumelnd, reichte es mir.

Hier lag ich, die digitale Avantgarde. Ich, der Twitter bereits genutzt hatte, als die breite Bevölkerung noch nicht mal wusste was Facebook ist. Ich, der das erste iPad eine Sekunde nach der Freischaltung des Online-Bestellbuttons bestellt hatte. Da lag ich nun mit dem derzeit leistungsfähigsten Smartphone und über 3000 Twitter-Followern und es kümmerte ganz genau niemanden. Die Menschen waren nur damit beschäftigt, digitale Magazine zu lesen, digitale Filme zu gucken oder sich digital Nachrichten von Sonnenliege zu Sonnenliege zu schicken.

Gestern war heute noch morgen

Wütend wischte ich auf meinem Device herum, bis ich auf einen Artikel von Ian Bogost stieß. Bogost ist ein sehr schlauer Computerspieldesigner und ein ziemlich angesehener amerikanischer Akademiker. Also beruhigte ich mich ein bisschen und las seinen sehr schönen und sehr langen Text über die Playstation 4. Um die ging es in dem Text nur am Rande, denn eigentlich ging es genau um meine Situation.

"Vielleicht ist es an der Zeit", schreibt Bogost, "Unsere Gerätschaften, unsere Telefone und Laptops und Tablets und Videospiel-Konsolen sind einfach nicht mehr besonders. Und das ist gerade das, was an ihnen so neu und besonders ist: ihre Vertrautheit, ihre Normalität. Wir denken fehlerhafterweise, dass das Label "Nächste Generation" Neuheit und Innovation bedeutet, ein Versprechen einer technischen Utopie, von der wir geträumt haben. Aber wenn man kurz nachdenkt, realisiert man, dass all die früheren Generationen von Geräten einst selbst die nächsten Generationen für damalige Vorgängergenerationen waren."

Zwischen Fitnessraum und Bücherregal

Nach dem Lesen dieser Sätze kehrte plötzlich eine innere Ruhe bei mir ein. Ein leichter Wind kam auf, ich erhob mich, neu und stark und wissend. Ich sah den verwaisten Desktop-PC mit externer Webcam in der Nische zwischen Fitnessraum und Bücherregal. Ganz schön altmodisch. Die ungelesene und aus dem Internet ausgedruckte Tageszeitung in der Hotellobby. Wer braucht so was noch? Ich erinnerte mich an den arabischen jungen Mann, der im Transfer-Terminal "Facebook.com" in die Google-Suche eingegeben hatte. Das ist wirklich von gestern.

Danach setzte ich mich hin und las jeden nur auffindbaren Artikel über Google Glass - das brandneue und sehr faszinierende Projekt von Google:

Model mit Google-Brille. Foto: REUTERS

Sieht schick aus, ist verdammt teuer, cool und garantiert etwas Besonderes!

Eine Art Brille, die Zusatzinformationen auf das Sichtfeld einblenden kann und es außerdem erlaubt mittels Sprachsteuerung Fotos und Videos zu schießen. Frei erhältlich ist diese Brille noch nicht. Bei eBay gibt es aber bereits eine Entwicklerversion. Rund 15.000 Dollar soll sie derzeit kosten. Wäre doch gelacht. Die Poolgesellschaft wird sich noch umgucken, wenn ich das Ding erstmal habe. Arrogant unter dem Gestell hervorlugen werde ich, dabei unbemerkt filmen werde ich und natürlich eine automatische Gesichtserkennung aktivieren und mir die dabei die ganze Zeit virtuell ins Fäustchen lachen.
 

***ACHTUNG: NUR im Zusammenhang mit der Netzkolumne Digitalitäten benutzen!*** Bild von Marcus Bösch für die DW, September 2012

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es hier jede Woche neu.

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