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Netzkultur

Gamescom: Von Beruf Zocker

Live-Übertragung, Preisgelder in Millionenhöhe, Fan-Auflauf: Computerspielen ist mittlerweile Profisport. Auf der Gamescom treffen internationale Top-Teams aufeinander. Doch nur wenige schaffen es in den Gamer-Olymp.

Aus den Lautsprechern kracht und brummt es, die gesamte Tribüne vibriert. Auf dem gigantischen Bildschirm ist für Laien nur ein Gewusel aus wild gewordenen Kreaturen, bunten Blitzen und Energiebalken zu erkennen. Doch die Fan-Gemeinde verfolgt gebannt jedes Detail und jeden Spielzug. Dann geht ein Raunen durch die Halle: Einer der Spieler hat mit einem blitzschnellen Manöver seinem Gegner erheblichen Schaden zugefügt. "Pentakill" blinkt nun groß auf dem Bildschirm – der türkische Profi hat innerhalb kürzester Zeit fünf seiner Gegner aus Russland "gekillt". Die Community auf den Rängen jubelt und applaudiert. Als Außenstehender wähnt man sich in einer bizarren virtuellen Zukunftsvision - die in Realität längst stattfindet.

Gamescom 2014 in Köln E-Sports

Volle Konzentration: Das Team "Legacy" beim Wettkampf

Australische Underdogs

Auf der Gamescom werden zurzeit die Vorausscheide für die "League of Legends"-Weltmeisterschaft in Südkorea ausgetragen. "League of Legends" ist ein Online-Rollenspiel, bei dem der Spieler in verschiedene Charaktere schlüpft und als Magier, Krieger oder Elf gegen andere Spieler in einer virtuellen Arena antritt. Zu Spitzenzeiten wird "League of Legends" weltweit von bis zu 7,5 Millionen Menschen gleichzeitig gespielt.

Bei den Gamescom-Playoffs treten an diesem Tag ein australisches, ein türkischs und ein russisches Team an, um für ein Ticket nach Seoul zu kämpfen. Das australische Team "Legacy" ist ein Newcomer in der Turnierlandschaft. "E-Sports sind in Australien noch nicht so weit verbreitet, für uns ist es das erste große internationale Turnier", sagt Tim "Carbon" Wendel. Entsprechend nervös sind die fünf Jungs, die erst seit acht Monaten ein Team bilden. In einem kleinen quadratischen Raum hinter der Bühne bereiten sie sich an den Rechnern auf ihre Partien vor, besprechen Taktik und üben Spielzüge.

Hersteller investieren in E-Sports

Veranstalter des Turniers ist der "League of Legends"-Entwickler Riot Games. Bei den Wettkämpfen schüttet das Unternehmen Preisgelder von bis zu 1,6 Millionen Euro aus. "Für uns sind E-Sports eine wichtige Investition", sagt Organisatorin Becca Roberts. Sie seien zu einer wichtigen Form des Konsums eines Spieltitels wie "League of Legends" geworden. Gleichzeitig sind die Turniere eine wirksame PR-Maßnahme, die die große Masse der Spieler zuhause an den Konsolen bei Laune hält. 32 Millionen Menschen verfolgten laut Angaben des Veranstalters das WM-Finale von "League-of-Legends" im letzten Jahr – per Livestream in Internet. In den 90er Jahren bestimmte noch das Genre der Ego Shooter mit Titeln wie "Doom" oder "Wolfenstein 3D" den Videospielmarkt. Heute sind es die Online-Kampfarenen von "League of Legends" oder "Starcraft".

Gamescom 2014 in Köln E-Sports

Zuschauer verfolgen gebannt das Match zwischen "Legacy" und dem türkischen Team "Dark Passage"

Für Spielehersteller hat der E-Sports-Bereich noch einen weiteren Vorteil. "Es gibt kaum jemand, der die Spiele besser kennt als die E-Sports-Spieler", sagt Martin Lorber von Electronic Arts. Das Feedback dieser Gruppe von Spielern sei für die Entwickler extrem wichtig. Sie fungieren als Berater für die Entwicklung von Nachfolgeversionen oder neuen Titeln.

Der Markt für Videospiele wächst rasant. Allein in Deutschland setzte die Branche im ersten Halbjahr 2013 mehr als 750 Millionen Euro um. Zum Vergleich: Die Kinobranche hatte im selben Zeitraum einen Umsatz von knapp 500 Millionen Euro. Das gibt auch dem E-Sport Auftrieb. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Teilen Europas, in Asien und in Nordamerika haben sich professionelle Ligen gebildet, die die Spiele live im Internet übertragen, Live-Kommentar, Spielanalysen und Wiederholungen der besten Spielszenen inklusive.

Gamescom 2014 in Köln E-Sports

Spielkommentator Maxim Markow

"Wie eine spannende Fernsehserie"

Der bekannteste deutsche "Caster" – wie die Kommentatoren genannt werden - ist Maxim Markow. Sein Livestream-Kanal wurde bereits mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen. "Für die Gamer ist das wie eine Fernsehserie, bei der sie unbedingt dran bleiben wollen", sagt er. "Turniere sind eine sehr emotionale Sache. Auch wir Caster kommentieren viel persönlicher und gefühlsgeladener als beispielsweise Fußballkommentatoren." Am spannendsten sei es, wenn er im Turnier Spieler entdecke, die weit über dem Durchschnitt lägen und die oft sehr kritischen Gamer am Livestream mit ihrem Können beeindruckten.

Zu diesen Ausnahmespielern gehört auch das Team "Epsilon" aus Großbritannien. Sie sind Europas beste "Call of Duty"-Mannschaft. Das Kriegsspiel gehört zu den bestverkauften Videospielen weltweit. Die Jungs im Alter von 18 bis 21 Jahren reisen von Turnier zu Turnier und bestreiten ihren Lebensunterhalt als professionelle Gamer –aus Preisgeldern und Sponsorenverträgen. Immer wieder werden sie auf der Gamescom von Fans für Fotos und Autogramme aufgehalten. Doch das Leben als Profi-Gamer bringt auch harte Vorbereitung mit sich.

Gamescom 2014 in Köln E-Sports

"Epsilon": Das beste "Call of Duty"-Team Europas

"Vor Turnieren trainieren wir einen Monat lang bis zu sechs Stunden am Tag.", sagt Josh. "Mein Studium habe ich dafür erst einmal auf Eis gelegt", fügt Callum hinzu. Ihre Familien unterstützen sie bei ihrer Laufbahn und schauen sich die Spiele oftmals live im Internet an. "Sie haben mittlerweile erkannt, dass das Spielen für die nächsten Jahre eine echte Karriere sein kann, so wie ein anderer Job auch", sagt Josh. Das Geld oder die Fans seien für sie aber nicht die Hauptmotivation. Viel mehr sei es das Gefühl, zu den Besten der Welt zu gehören.

Der Traum vom WM-Ticket

Diesem Ziel sind die Neulinge des australischen Teams "Legacy" am ersten "League of Legends"-Turniertag ein kleines Stück näher gekommen. Drei ihrer vier Matches haben sie gewonnen, darunter auch ein überraschender Sieg gegen die Favoriten aus der Türkei.

"Wenn wir es tatsächlich bis zur Weltmeisterschaft schaffen sollten, das wäre einfach absoluter Wahnsinn", sagt Tim Wendel, der nach fünf Stunden vor dem Bildschirm sichtlich erschöpft ist. Sollten "Legacy" ihr Ziel erreichen, werden sie im Oktober in Seoul um einen Millionen-Gewinn zocken. Und das in einem Stadion, voll besetzt mit Zehntausenden Menschen, die gekommen sind, um die Teilnehmer beim Computerspielen anzufeuern.

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