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Bücher

Galizische Hungerleider und jüdische Gauchos

Die Erfahrung der Einwanderung ist eines der zentralen Themen in der Literatur Argentiniens – des lateinamerikanischen Landes, das im Laufe seiner Geschichte die meisten Immigranten aufgenommen hat.

Ein Gaucho von der Finca 'Los Los' bei Chicona (Foto: dpa)

Der Prototyp des Gauchos - ein Nachfahre jüdischer, spanischer oder italienischer Immigranten?

"Irgendwann verspürte ich den Wunsch, die Notwendigkeit, vielleicht sogar die Verpflichtung, jene Menschen zu würdigen, die von so weit her gekommen waren, und das unter schwierigsten Bedingungen", erklärt Antonio Dal Masetto, Schriftsteller aus Buenos Aires, geboren 1938 im italienischen Dorf Intra. Mit seinen Eltern und Geschwistern wanderte er nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien ein. "Ich fühlte, dass ich Zeugnis von der Immigration ablegen sollte, dass das eine ausstehende Schuld war." Nachdem sich Dal Masetto als Autor zahlreicher Romane und Kurzgeschichten längst einen Namen gemacht hatte, setzte er sich in den neunziger Jahren erstmals literarisch mit der eigenen Herkunft auseinander. Es erschienen zwei Romane, die erst vor kurzem ins Deutsche übersetzt wurden. "Als wäre alles erst gestern gewesen" erzählt das Leben der Italienerin Agata und ihrer Familie vor der Auswanderung nach Argentinien. In dem Nachfolgeband "Als wärs ein fremdes Land" kehrt die Immigrantin Agata als Achtzigjährige erstmals in ihr Heimatdorf am Lago Maggiore zurück. In gewisser Weise habe er mit diesen Romanen seine Mutter geehrt, erzählt Antonio Dal Masetto: "Sie hat stets von Italien gesprochen, ihrem Geburtsland immer hinterher getrauert. Eines Tages bat ich sie, von früher zu erzählen. Sie erinnerte sich an eine Menge, sie hatte ein gutes Gedächtnis. Auch für mich persönlich war das bereichernd, ich merkte, dass ich nichts über meine Eltern gewusst hatte."

Literatur mit fremdenfeindlichen Tendenzen

María Gonzalez Rouco, Literaturwissenschaftlerin aus Argentinien (Foto: DW / Victoria Eglau)

María Gonzalez Rouco

Bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, als Neuankömmlinge aus Europa Argentinien geradezu überschwemmten, wurde über die Einwanderung geschrieben. Die Literaturwissenschaftlerin María Gonzalez Rouco: "Es erschien damals viel Literatur mit fremdenfeindlichen, immigrations-kritischen Tendenzen. Es kamen ja sehr viele Menschen, alle mit ihren eigenen Sitten und Gebräuchen. Meine Familie etwa stammt aus Galizien in Spanien. In vielen Büchern wurden Galizier als schmutzig und als Hungerleider dargestellt." Andererseits habe es auch Literatur gegeben, die die Akzeptanz der Einwanderung gezeigt habe, meint Gonzalez Rouco. 1910 erschien in Argentinien das Buch "Los Gauchos Judíos" des aus Russland stammenden, jüdischen Schriftstellers Alberto Gerschunoff. Hundert Jahre später ist dieser Klassiker der argentinischen Einwanderungs-Literatur nun auch ins Deutsche übersetzt worden. "Jüdische Gauchos" erzählt von Immigranten, die von Pogromen vertrieben wurden und in Argentiniens Pampa ein neues Leben anfingen. Sie bauten Synagogen und Schulen, machten das Land fruchtbar, lernten Viehzucht von den Einheimischen und brachten dem einen oder anderen Gaucho Grundkenntnisse des Jiddischen bei. Mit der Zeit wurden viele der jüdischen Einwanderer selber zu Gauchos.

Bildung, Entwurzelung und Schuldgefühle sind Themen

Ob jüdische, spanische, italienische, armenische, kroatische oder deutsche Einwanderung – die Themen, die die Literatur aufgegriffen habe, ähnelten sich, meint María Gonzalez Rouco. "Ein wiederkehrendes Thema ist, es in Amerika schaffen zu wollen. Alle Immigranten hatten auch gemeinsam, dass ihre Kinder die Bildung bekommen sollten, die sie selbst nicht genossen hatten." Während und nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten dann besser ausgebildete Menschen nach Argentinien ein, sagt Gonzalez Rouco, die an einem Gymnasium in Buenos Aires unterrichtet und seit Jahrzehnten Einwanderungs-Literatur sammelt und erforscht. Weitere Themen seien die Entwurzelung und das Gefühl der Schuld: "Dass man selber eine neue Heimat gefunden hatte, während die Daheimgebliebenen umgebracht oder gefoltert wurden."

Dal Masetto: späte Beschäftigung mit der verlorenen Heimat

Der Schriftsteller Antonio Dal Masetto (Foto: DW / Victoria Eglau)

Antonio Dal Masetto

Viele bekannte und weniger bekannte argentinische Autoren haben über Immigrations-Erfahrungen geschrieben, häufig über die der Eltern und Großeltern. Die meisten Werke handeln vom Leben in der neuen Welt, andere, wie die Romane Antonio Dal Masettos, beschäftigen sich mit der Vergangenheit, mit der verlorenen Heimat. Warum hat er sich erst so spät an das Thema herangewagt? Diese Frage habe er sich selbst oft gestellt, meint der 72-jährige Dal Masetto, der als Zwölfjähriger nach Argentinien kam. "Irgendwann versuchte ich, mir eine Antwort zu geben. Vielleicht mussten dreißig Jahre vergehen, bevor ich diese beiden Bücher schrieb, weil man nie aufhört, ein Einwanderer zu sein. Mit Sicherheit hat mich diese Art Stigma viele Jahre lang begleitet, ohne dass ich mir dessen bewusst war, denn ich habe mich hier sehr gut integriert. Aber vielleicht musste ich erst einmal argentinische Bücher veröffentlichen, Bücher, die hier gelesen und akzeptiert wurden, um schließlich zu sagen: So, jetzt kann ich über Italien reden." In Argentinien wird Antonio Dal Masetto in Kürze einen dritten Immigrations-Roman vorlegen. Darin beschreibt er, wie Agatas Enkelin Tarni entdeckt – so der literarische Name von Dal Masettos Geburtsort Intra. Das Buch basiert auf einer Italien-Reise mit seiner damals 25-jährigen Tochter.


Autorin: Victoria Eglau
Redaktion: Gabriela Schaaf


Antonio Dal Masetto:
Als wäre alles erst gestern gewesen. Rotpunktverlag. 260 Seiten. 21,50 Euro.
Als wärs ein fremdes Land. Rotpunktverlag. 300 Seiten. 21,50 Euro.