Gael Faye: ″Burundi ist ein magischer Ort″ | Afrika | DW | 20.12.2017
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DW-Interview

Gael Faye: "Burundi ist ein magischer Ort"

In seinem Roman "Kleines Land" erzählt der ruandisch-französische Autor Gael Faye von einer Kindheit in Burundi. Er selbst ist dort aufgewachsen. Im DW-Interview spricht er über Krieg und Alltag in der Region.

DW: Burundi, der Schauplatz Ihres ersten Romans, ist ein kleines Land. Aber der Titel "Kleines Land" bezieht sich sicherlich nicht nur auf die Größe?

Gael Faye: Ja, ich wollte nicht nur über die Fläche des Landes sprechen, die nicht mal 30.000 Quadratkilometer beträgt. Es geht auch um die Geschichte einer Kindheit. Burundi ist das kleine Land der Kindheit. Das drückt auch eine besondere Zuneigung zu Burundi aus. Ich liebe Burundi und deshalb ist das Adjektiv "klein" auch dazu da, um diese Zuneigung zu betonen – so wie man "kleiner Freund" sagt.

Ist der Roman der Versuch einer Rückkehr in das verlorene Paradies der Kindheit?     

Ich wollte das Glück zurückholen, das es vor der Gewalt gab. Leider sind mir nach meiner Ankunft in Frankreich - damals war ich 13 Jahre alt- nur die zwei Jahre Krieg im Gedächtnis geblieben, die ich gerade erlebt hatte. Ich bin in Burundi geboren und aufgewachsen und das Land hatte einen Geruch von Blut und Schießpulver. Ich wollte den Geruch, der vor dem Krieg da war: den von Mangos, Gärten und von der Bougainvillea. Dieses Buch hat es mir erlaubt, eine Zeitreise zu machen, bei der ich an das Glück der Kindheit anknüpfen konnte.

Im Buch geht es nicht nur um den Krieg, sondern zuerst mal um den Alltag in Burundi. Warum war Ihnen das so wichtig?

Ich wollte die ganze Zeit vor allem die Geschichte des Alltags erzählen, aber auch, wie dabei die Spannungen zunehmen. Und ich glaube, dass die afrikanischen Autoren nach und nach verstehen, dass man nicht auf die Machete, den Knüppel oder die Kalaschnikow warten muss, um eine Geschichte zu erzählen. Erzählen wir doch auch von der Liebe auf den ersten Blick oder von der Trägheit nach einem langen Nachmittag.

Sie haben in Ihren Liedern oft über Burundi und sein Schicksal gesungen. Warum reichte das nicht, warum mussten Sie diese Geschichte in Romanform aufschreiben?

Ein Lied ist zu kurz. Ich hatte keine Zeit, mich ausreichend auszudrücken. So gab es am Ende einiger Songs eine Frustration. Ich wollte mehr sagen, aber wir können keine 30-minütigen Lieder schreiben. Ich wollte andere Formen des Schreibens ausprobieren, sei es das Theater oder der Roman. Es ist eine Möglichkeit für mich, die Lieder zu erweitern.

Sie haben in Frankreich gelebt, auch in Großbritannien und jetzt wieder in Afrika, in Ruanda. Warum?

Weil ich Ruanda nicht kannte. Ich hatte ein voreingenommenes Bild, ich sah Ruanda nur durch den Blickwinkel seiner schmerzhaften Geschichte, durch den Genozid, durch das Leiden meiner ruandischen Familie. Auf der anderen Seite kenne ich den Alltag und die Banalität des Lebens in Burundi. Obwohl es heute Krieg gibt, weiß ich, dass wir dort in friedlichem Glück leben können und ich kenne das Leben in Frankreich. Und da ich alle kulturellen Komponenten in mir willkommen heißen möchte, ohne Unterschiede zu machen, war mir bewusst, dass ich mich dort niederlassen musste, um die Banalität des Alltags zu spüren. Seit den zwei Jahren, die ich dort bin, hat sich mein Blick sehr verändert. Ich überlagere die Bilder des Völkermords nicht länger mit der Realität, die ich vor mir habe. Wenn ich jemanden auf der Straße treffe, frage ich mich nicht, wo er 1994 war. Wenn ich eine Narbe auf der Stirn sehe, frage ich mich nicht, ob es eine Machete war.

Wie ist das Leben heute in Ruanda? Mehr als 20 Jahre nach dem Krieg und dem Genozid?

Es gibt so viel Leid, dass die Menschen dort nicht über ihr Leid sprechen. In jedem Fall gibt es eine besondere Situation, die in der Gegenwart zweifellos einzigartig ist: Ehemalige Scharfrichter und ehemalige Opfer müssen auf engem Raum zusammenleben. Und es ist uns 24 Jahre lang gelungen, eine Gesellschaft mit Institutionen neu zu gestalten. Mich als Schriftsteller interessiert der menschliche Geist. Und das kann man nur über die Privatsphäre der Menschen erfahren. Ansonsten, hat Ruanda eine Gesellschaft, in der man keine Spur vom Genozid sieht, außer man geht zu einer Gedenkstätte. Aber der Genozid ist nicht da. Das Zeichen des Völkermords sind nicht die Toten und die Leichen, es ist die Stille. Und diese Stille versuche ich mit meinen Liedern und mit diesem Buch in Frage zu stellen.

Wie ist die Situation heute in Burundi? Sie sind ja dorthin gereist, aber Sie können dort nicht leben, weil es zu gefährlich ist…

Die Machthabenden gehen mit großer Brutalität vor. Es gibt keine unabhängige Presse mehr. Mehr als 300.000 Menschen sind nach neuesten Zahlen aus dem Land geflohen. Und es gibt, glaube ich, in Burundi eine Krankheit – die Straflosigkeit. Seit der Unabhängigkeit gab es auf beiden Seiten, also bei den Hutu und den Tutsi, wiederholt Massaker, die nie vor einem Gericht geahndet wurden. Es gab nie Gerechtigkeit. In der Tat leidet das Land darunter und die Gewalt wird permanent reproduziert. Die Söhne wollen ihre Väter rächen und so glaube ich, dass es diese Krankheit in Burundi - diese Krankheit der Straflosigkeit, gibt. Wird es Gerechtigkeit für die Toten der letzten Jahre geben? Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, wird es sicherlich Rache geben. Wie stoppen wir diese höllische Spirale? Als Privatmann gebe ich zu, dass ich mich sehr hilflos fühle. Also versuche ich so viel wie möglich als Künstler zu geben, zu hören und zu fühlen und auch eine andere Seite dieses wundervollen Landes zu sehen. Hier gibt es nicht nur Gewalt, Burundi verfügt auch über Männer und Frauen, die beispielhaft für eine tiefe Philosophie stehen. Es ist auch ein magischer Ort. Es ist ein Land mit großartigen Landschaften. Ich würde mir sehr wünschen, dass sich die politische Situation verbessert, damit jeder diesen Ort genießen kann.

Gael Faye wurde als Sohn ein es französischen Vaters und einer ruandischen Mutter 1982 in Burundi geboren. Mit 13 Jahren floh er mit seiner Familie nach Frankreich. Heute lebt der Sänger und Schriftsteller in Ruanda. Sein erster Roman „Kleines Land“ erschien im Oktober 2017 auf Deutsch.    

Das Interview führte Ulrike Sommer

 

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