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Afrika-Cup

Gabun: Nach dem Fußball bleibt der Konflikt

Die Afrika-Cup-Party ist vorbei, Kamerun hat den Titel geholt. Doch was bleibt dem politisch gespaltenen und wirtschaftlich angeschlagenen Gastgeberland Gabun vom Turnier? DW-Korrespondent Adrian Kriesch aus Libreville.

Für Madame Bioguy war der Afrika-Cup ein Highlight. Sportlich weniger, aber wirtschaftlich. Kurz vor dem Anpfiff zum Finale steht sie wieder vor ihrem kleinen Essensstand in Libreville. Bei jedem Spiel hat sie vor dem Stadion in Gabuns Hauptstadt einen Tisch aufgebaut, belegte Baguettes und Snacks verkauft. "Das ist doch super - während des Afrika-Cups kann ich etwas für mich und meine Familie dazuverdienen", sagt Madame Bioguy (Bild oben) und lächelt. "Und es macht auch noch Spaß." Bis zu 100.000 CFA-Francs - knapp 150 Euro - hat sie an Spieltagen verdient. Die Hälfte davon ist ihr Reingewinn - das ist eine Menge Geld im zentralafrikanischen Gabun.

Ein paar Kilometer entfernt strecken knapp 50 Frauen und Männer die Fäuste in den Himmel und singen lautstark die Nationalhymne Gabuns. Im Anschluss Applaus und ein gemeinsames Gebet. Hier findet jedoch kein Spiel statt, sondern ein Gewerkschaftstreffen auf einem heruntergekommenen Basketballplatz. Was man hier vom Afrika-Cup hält, wird schnell deutlich: "Die Regierung hat sich entschieden, in Unterhaltung zu investieren", sagt Jean Remy Yama, Präsident des Gewerkschaftsverbandes Dynamique Unitaire. "Aber wichtige Sektoren wie Gesundheit und Schulen werden vernachlässigt."

Drohende Gehaltskürzung für Beamte

Gabun Librevile (DW/A. Kriesch)

Gewerkschaftsführer Jean Remy Yama

Denn das Sportevent drückt auf die ohnehin klammen Staatskassen des Landes. Gabuns ölabhängige Wirtschaft steckt in der Krise, seitdem die Rohstoffpreise gefallen sind. Die Regierung will die Wirtschaft diversifizieren, kann aber kaum Erfolge vorweisen. Stattdessen wurde das Budget 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 5 Prozent gesenkt. Die Regierung schuldet Ölfirmen rund 400 Millionen Dollar Steuervorzahlungen. Es gibt Überlegungen, die Gehälter von Beamten zu kürzen - und das stößt den Gewerkschaftern in Libreville übel auf.

Die Fronten sind ohnehin verhärtet. Seit Monaten warten viele Beamte im Gesundheits- und Bildungssektor auf Prämienzahlungen. Gewerkschaftsführer Yama wurde letztes Jahr nach einer Demonstration für drei Monate festgenommen - ohne Anklage, wie er beteuert. Die Gewerkschaft gilt als oppositionsnah. Und die Opposition ist de facto im Krieg mit der Regierung.

Gabun Librevile (DW/A. Kriesch)

Die Gewerkschaften hatten zum Boykott der Spiele aufgerufen (Punkt drei)

Trotz Protesten: Neuauflage der Bongo-Dynastie

Rückblende: Im August 2016 wird in Gabun gewählt. Der amtierende Präsident Ali Bongo gewinnt mit nur 6000 Stimmen Vorsprung unter mysteriösen Begleiterscheinungen: In seiner Heimatregion Haut-Ogooué sollen 99,93 Prozent ihre Stimmen abgegeben haben - auffallend mehr als im Rest des Landes, wo die Wahlbeteiligung bei rund 59 Prozent liegt. Opposition und internationale Wahlbeobachter fordern, Wahlergebnisse nach Wahllokalen offenzulegen. Die Regierung lehnt ab. Darauf kommt es zu Ausschreitungen in Libreville. Demonstranten zünden das Parlament an, Regierungstruppen beschießen das Hauptquartier der Opposition. Bis heute ist unklar, wieviel Menschen in den zwei Tagen ums Leben gekommen sind: Die Opposition spricht von mehr als 100 Menschen, die Regierung von weniger als zehn.

Bongos Gegenkandidat Jean Ping sieht sich immer noch als rechtmäßiger Gewinner der Wahlen. "Ich habe mit 60 Prozent der Stimmen die Wahlen gewonnen - und sie haben betrogen. Wie immer haben sie einfach das Ergebnis manipuliert", sagt er im DW-Interview. Doch die Bongo-Familie hat die Institutionen des Landes durch ein jahrzehntelanges Patronagenetzwerk fest in der Hand. Ali Bongo ist seit 2009 an der Macht, übernahm von seinem Vater Omar, der das Land davor fast 42 Jahre regierte. Die Chefin des Verfassungsgerichts, die Bongo 2016 zum Sieger erklärte, hat selbst zwei Kinder mit dessen Vater.

Gabun Librevile Oppositionsführer Jean Ping (DW/A. Kriesch)

Jean Ping, Ali Bongos größter Herausforderer, zweifelt an seiner Niederlage bei den Wahlen 2016

Selbst Jean Ping hat enge Beziehungen zur Präsidentenfamilie. Der ehemalige Chef der Kommission der Afrikanischen Union hatte mehrere Ministerposten unter Omar Bongo und ist mit einer seiner Töchter verheiratet. Die Gewerkschafter um ihren Chef Yama halten ihm trotzdem die Treue: "Präsident Ping hat die Menschen beschworen, sich bereit zu machen für den Kampf. Und die Leute sind bereit und warten auf Anweisungen." Doch je mehr Zeit vergeht, desto weniger Menschen in Gabun glauben an einen Wandel. Frankreich und die EU sind nach anfänglicher Kritik kleinlaut geworden, ernsthafte Sanktionen gab es keine. Von ihnen können Ping und seine Unterstützer wohl kaum mehr große Hilfen erwarten.

Eine Medaille für Bongo

Der Afrikanische Fußballverband CAF zeigt sich wie immer begeistert von der Organisation des Gastgeberlandes, hängt Präsident Bongo vor dem Finale im Stadium eine Medaille für die gute Organisation um den Hals. Doch was ist mit den häufig halbleeren Stadien während des Turniers? Hängen die womöglich mit den Boykottaufrufen der Opposition zusammen? "Die Fußballfans haben nichts mit der Opposition oder Politik zu tun", sagt CAF-Generalsekretär Hicham al-Amrani der DW.

Gabun Librevile Hicham al-Amrani (DW/A. Kriesch)

CAF-Generalsekretär Hicham al-Amrani

Die von der Regierung erhoffte Einigkeit hat der Afrika-Cup nicht gebracht. Die Fronten sind verhärtet. Auch wenn im Hintergrund Verhandlungen laufen sollen, verweigert der Kern der Opposition einen Dialog mit der Regierung. Was bleibt also vom Afrika-Cup? In der Regierung war niemand bereit, die Frage zu beantworten - trotz mehrfacher Interviewanfragen der DW.

Anderswo gibt es dann doch noch Antworten auf die Frage, was bleibt. "Zwei schicke neue Stadien mitten im Dschungel", scherzt ein Gewerkschafter in Libreville. Und zumindest für Madame Bioguy eine volle Geldbörse. Nach dem Finale packt sie zufrieden ihren Tisch zusammen. Ab Montag wird sie wieder als Köchin in einem Restaurant arbeiten. Es bleibt also alles beim Alten.

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