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Weltwirtschaft

G20: Schreckgespenst Protektionismus

Eine Gemeinschaft wollen die G20, die weltweit führenden Industrie- und Schwellenländer sein. Stattdessen wächst die Abschottung. Zum Entsetzen der Wirtschaft. Die verlangt von der Politik wirksame Gegenwehr.

Deutschland B20-Gipfel in Berlin (Reuters/F. Bensch)

Angela Merkel mit den Empfehlungen der Wirtschaft für das G20-Treffen in Hamburg

Donald Trump war allgegenwärtig. Wie eine Drohung schwebte die Abneigung des US-Präsidenten gegenüber freien Märkten und freier Handelspolitik über dem zweitägigen Treffen der Wirtschafts- und Industrieverbände der G20 in Berlin. B20 (Business20) nennt sich die Wirtschaftsgruppe, nach eigenem Bekunden vertritt sie weltweit 6,8 Millionen Unternehmen. Auch die US-Wirtschaft gehört dazu, denn in den G20 sind die 19 weltweit führenden Industrie- und Schwellenländer plus die EU zusammengeschlossen.

In diesem Jahr hat Deutschland den G20-Vorsitz inne. Anfang Juli wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die Staats- und Regierungschefs der G20 in Hamburg erwarten. Das Bündnis hat sich Ende der neunziger Jahre in der Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise zusammengefunden. Angesichts der unterschiedlichen politischen Systeme und Entwicklungsstände ist innerhalb der G20 vieles strittig. "Da ist es fast einfacher einen Sack Flöhe zu hüten, als dass man die Leute hier zusammenhält", bringt es Merkel auf den Punkt. Nur eins war bis jetzt immer selbstverständlich: Das Bekenntnis zu freien Märkten.

Ab in die Sackgasse

Zum Entsetzen der Wirtschaft hat sich das geändert. "Nationale Alleingänge führen ins Abseits", warnt B20-Präsident Jürgen Heraeus. Ähnlich formulierte es Angela Merkel, als sie in Berlin einen von den Wirtschaftsverbänden erarbeiteten Empfehlungskatalog für die weiteren G20-Beratungen in Empfang nahm. Wer versuche, sich dem internationalen Wettbewerb zu entziehen, könne damit vielleicht kurzfristig einige Erfolge feiern, so die Kanzlerin. Langfristig aber seien Abschottung und Protektionismus "Wege in die Sackgasse, nicht Wege nach vorn".

Die G20 sieht Merkel in einer besonderen Verantwortung, gegen Protektionismus vorzugehen. Die 2007 ausgelöste weltweite Finanzkrise habe mehr als deutlich gezeigt, dass kein Land der Welt in der Lage sei, solche Fehlentwicklungen mit Dominoeffekt allein zu stoppen: "Und kein Land kann allein der Wiederholung einer solchen Krise wirksam vorbeugen." Es gehe um einen gemeinsamen Ordnungsrahmen, um die Chancen der Globalisierung zu nutzen und ihre Risiken zu begrenzen.

Wohlstand durch Offenheit

Dafür seien bestimmte Richtungsentscheidungen nötig, die für alle und möglichst mittel- und langfristig Orientierung böten, so die Kanzlerin. Neue Ideen und Entwicklungen könnten am besten in einem "Umfeld der Freiheit gedeihen". Dabei sei es für Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen möglich, "Wohlstand durch Offenheit" zu schaffen. Unternehmen hätten es in der Hand, Verantwortung zu übernehmen für Nachhaltigkeit und inklusives Wachstum.

Die Frage ist nur, ob die USA das auch so sehen undauf dem G20-Gipfel in Hamburg ihre Blockadehaltung aufgeben. Die B20 hoffen darauf und erteilen mit ihrem Bekenntnis zu offenen Märkten und multilateralen Handelssystemen der Politik Donald Trumps eine klare Absage. 28 dicht bedruckte Seiten umfasst der Katalog mit den Handlungsempfehlungen, den die B20 der Politik mit auf den Weg geben. Unter der Überschrift "Eine vernetzte Welt gestalten" geht es darum, die Wirtschaft widerstandsfähiger zu machen, Nachhaltigkeit zu fördern, Verantwortung zu übernehmen und die Digitalisierung voranzubringen.

Ein Roboter schenkt Bier ein

Die neuen Technologien und ihre Folgen für die Arbeitswelt sorgten auch beim B20-Treffen für viel Gesprächsstoff. Werden Maschinen nach und nach die Menschen von ihren Arbeitsplätzen verdrängen?

Im Foyer des B20-Veranstaltungsortes bewies ein zweiarmiger Roboter, was selbst im Kleinen bereits möglich ist. Pausenlos schenkte die Maschine Bier aus Flaschen in Gläser ein. Die Gäste aus der Wirtschaft beobachteten den Roboter fasziniert. Die zahlreichen Kellner, die den B20-Teilnehmern in den Pausen Essen und Getränke servierten, blickten hingegen skeptisch.

Dietmar Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), wehrt sich indes dagegen, in den Maschinen bloße Jobkiller zu sehen. Digitalisierung vernichte keine Arbeitsplätze. "Da bin ich ganz anderer Meinung, denn wir reden über Tätigkeiten und nicht über Arbeitsplätze." Tatsächlich werde die Digitalisierung viel substituieren. Deshalb sei es wichtig, dass Menschen Berufe erlernten und nicht nur simple Tätigkeiten. "Damit bin ich deutlich wandlungsfähiger, mit den Herausforderungen des digitalen Wandels umzugehen", so Kempf.

Duale Ausbildung als Vorbild

Als Beispiel nennt der BDI-Präsident den Automechaniker, den es in Deutschland kaum noch gebe. "Dafür aber um so mehr Mechatroniker." Ingo Kramer, Präsident der deutschen Arbeitgeberverbände, sieht das ähnlich. Die duale Ausbildung, nach der im Unternehmen gelernt und das mit schulischen Maßnahmen unterstütz werde, reagiere bereits gut auf den digitalen Wandel. Das werde auch im Kreis der G20 mit Interesse verfolgt. "Jugendarbeitslosigkeit führt zu Verwerfungen und Unruhen in anderen Ländern", so Kramer. Viele Länder würden sich für das deutsche Erfolgsrezept in der Berufsausbildung interessieren. Es gehe darum, innerhalb der G20 "Perspektiven und Hoffnungen" aufzuzeigen.

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Was ist duale Ausbildung?

Perspektiven schaffen, dieser Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Empfehlungen der B20. In einer mehr und mehr krisenbehafteten Welt sei es wichtig, globale Akzente zu setzen und Verantwortung für eine nachhaltige Weltwirtschaft zu übernehmen. Die Unternehmer sind aufgeschreckt. Wahlen und Referenden in vielen Ländern haben gezeigt, wie unzufrieden viele Menschen mit der Globalisierung sind. "Das Vertrauen in Politik und öffentliche Institutionen sinkt. Wir haben diese Entwicklungen viel zu lange ignoriert", heißt es dazu von Seiten der B20.

Kommt die Wende noch rechtzeitig?

Die Wirtschafts- und Industrieverbände hoffen, eine weitere Abschottung durch bessere Regulierung abwenden zu können. "Gemeinsame Regeln, starke Institutionen und internationale Kooperation stellen sicher, dass alle von den Chancen der Globalisierung profitieren können." Ob diese Einsicht noch rechtzeitig kommt, wird sich in den nächsten Monaten und Jahren zeigen.

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