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Wirtschaft

G-8 zwischen Kaffee-Club und großer Zukunft

Die Finanzministertreffen der G-8 kommen in Moskau zu einem Treffen zusammen. Erstmals hat Russland den Vorsitz der Gruppe übernommen. Stefan A. Schirm über die Rolle der Gruppe in der globalen Wirtschaft.

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Stefan Schirm ist Professor an der Ruhr-Universität Bochum

DW-WORLD: Professor Schirm, hat sich die Rolle der G-8 - der sieben größten Industriestaaten plus Russland - in den vergangenen zehn Jahren verändert?

Stefan Schirm: Ich glaube, an der Rolle der G-8 hat sich nicht viel geändert. Was sich geändert hat, ist die Weltwirtschaft, und zwar durch Globalisierung, durch Zunahme von Finanzkrisen in Asien, Russland und Argentinien gerade in den 1990er-Jahren. Der Außenhandel wird für viele nationale Ökonomien immer wichtiger. Dadurch hat sich die Notwendigkeit eines besseren Managements und einer besseren Krisenprävention der Weltwirtschaft gesteigert. Um zum Beispiel Finanzkrisen zu verhindern oder besser zu managen, ist die G-8 zu schwach organisiert. Dafür sind andere internationale Organisationen wichtiger wie beispielsweise der Internationale Währungsfonds - aber auch der wird sehr viel kritisiert dafür, dass er die Finanzkrisen nicht verhindert hat und sogar möglicherweise noch Öl ins Feuer gegossen hat. Das war zumindest eine Kritik aus Asien. Um die Weltwirtschaft besser in den Griff zu kriegen, sollte die G-8 unbedingt zu verbindlichen Absprachen kommen.

Lässt sich die Rolle Russlands daran ablesen, ob sich die Gruppe G-8 oder immer noch G-7 + 1 nennt?

Ob der Club jetzt G-8 oder G-7+1 heißt, ist eine semantische Frage. Im Hintergrund steht die politische Einbindung Russlands – das ist die entscheidende Frage. 'G-8' unterstützt eher die Idee, dass Russland gleichberechtigt ist. Die Frage ist nun, ob Russland wirklich gleichberechtigt ist. Daran muss die G-7 noch arbeiten. Die Aufnahme Russlands, nicht aber Chinas, Brasiliens oder Indiens, die wirtschaftlich mindestens ebenso ein Recht hätten zur G-Gruppe zu gehören wie Russland, erfordert natürlich eine politische Begründung. Es erfordert auch ein Bekenntnis des Westens zur Aufnahme Russlands und umgekehrt ein Bekenntnis Russlands, die Verantwortung als Global Player mit zu tragen. Ich denke, dass die beiden Seiten sich noch aufeinander zu bewegen müssen.

Wie können Sie die einzelnen Positionen der G-8 Mitglieder beschreiben?

Natürlich haben die Mitglieder des Clubs unterschiedliche Positionen, das war aber immer schon so seit den 1970er-Jahren. Durch die Ausweitung der G-7 auf die G-8 ist die Gruppe heterogener geworden und dadurch sind auch die Interessen unterschiedlicher geworden. Aber diese sollten in einem Koordinationsprozess möglichst auf klare verbindliche Positionen gebracht werden. Das ist schwierig, aber nicht unmöglich.

2006 findet zum ersten Mal ein Treffen unter russischem Vorsitz statt. Warum blicken die USA und Großbritannien so kritisch auf Russland?

Russland ist kein Land, das wie die anderen Mitglieder der G-7 seit vielen Jahrzehnten in einer Marktwirtschaft lebt; es ist auch kein Land, das sich als Demokratie konsolidiert hat, und dadurch ist eine bestimmte Skepsis völlig verständlich und normal. Das dient dem Druck auf Russland von Seiten Großbritanniens und der USA, sich eben tatsächlich weiter marktwirtschaftlich und demokratisch zu entwickeln. Insofern ist das genau das, was ich vorher sagte: Beide müssen sich annähern, beziehungsweise Russland muss sich in diesem Fall dem Westen annähern, wenn es auf gleicher Augenhöhe als Demokratie und Marktwirtschaft akzeptiert werden will.

Was können Sie zur Zukunft dieses internationalen Forums sagen? Ist die G-20 eine mögliche Form der G-8?

Für die Zukunft der G-8 wird ganz entscheidend sein, ob sich die G-8 bereit erklärt, verbindlich ihre Absprachen zu treffen und diese dann auch einzuführen. Dann könnten sie tatsächlich ein politisch und wirtschaftlich relevantes Gremium sein oder werden. Wenn sie weiterhin unverbindlich bleiben, wird die G-8 wahrscheinlich eher zu einem Foto-Termin verkommen.

Wenn wir über die G-20 sprechen, in der G-8-Länder plus Schwellenländer aus dem Süden sind, das würde schon Sinn machen, weil wir dann eine wesentlich umfassendere Beteiligung wichtiger Länder auf der gesamten Welt hätten. Allerdings würden dann die Koordinationsprobleme noch viel größer werden. Jetzt haben wir die Koordinationsprobleme unter den Ländern des Westens und zwischen der G-7 und Russland. Wenn wir jetzt noch China, Indien, Brasilien, Mexiko und andere in einer großen G-20 hätten, dazu die Industrieländer, würden die Koordinationsprobleme größer werden. Deswegen denke ich, dass auf Kosten der Effizienz die Repräsentativität dieser Gruppe erhöht werden würde.

Prof. Dr. Stefan Schirm ist Professor für internationale Politik an der Ruhr-Universität Bochum.

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