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Deutschland

Günter Wallraff: 25 Jahre "Ganz unten"

Für seine Recherchen schlüpft Günter Wallraff in verschiedene Rollen. Als Hilfsarbeiter Ali machte er die Machenschaften von Großkonzernen in “Ganz unten“ publik – bis heute das erfolgreichste Sachbuch in Deutschland.

Der Schriftsteller Günter Wallraff (Foto: DW)

Der Schriftsteller Günter Wallraff

Die Venloer Straße ist die Haupteinkaufsstraße im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Hier reihen sich türkische Geschäfte und Imbissbuden neben Bäckereien, Kurzwarengeschäften, Boutiquen und Cafés ein. Die Menschen auf der Straße: Bunt gemischt wie die Läden. Hier hat jeder Dritte einen so genannten Migrationshintergrund. In einer kleinen Seitenstraße wohnt seit mehr als 40 Jahren der Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff, der stolz auf dieses Viertel und seine Bewohner ist. Er fühlt sich pudelwohl hier.

Der 68-Jährige hat schon früh damit begonnen, sich für die Menschen einzusetzen, die man früher "Ausländer" nannte. Seine Lebensaufgabe: Missstände in der Gesellschaft aufdecken. Zu diesem Zweck schlüpft er in verschiedenste Rollen und recherchiert "undercover". Für seine Reportagen bringt er sich seit Jahrzehnten an seine körperlichen Grenzen, und das aus einem einfachen Grund: "Das muss ich sinnlich erfahren. Wenn es denn die Situation erfordert, dann kann es schon mal vorkommen, dass ich auch mein Leben aufs Spiel setze." Das wäre ihm nie gelungen, wenn er diese Menschen interviewt hätte, sagt Wallraff. "Die schämten sich, solch erniedrigende Arbeitssituationen zu haben und so wehrlos zu sein." Mit einem Journalisten hätten sie nicht gesprochen, ist er sich sicher.

Egal ob als türkischer Gastarbeiter, deutscher Obdachloser oder afrikanischer Flüchtling – so maskiert taucht der Journalist immer wieder in die Abgründe des Wohlfahrtsstaates ein und kann am eigenen Leib erfahren, wie es Menschen ergeht, die am Fuße der sozialen Leiter in Deutschland stehen – nämlich ganz unten.

Ali sucht einen Job

Im März 1983 erscheint in mehreren Zeitungen in Deutschland die Anzeige "Ausländer, kräftig, sucht Arbeit, egal was, auch Schwerst- u. Drecksarb., auch für wenig Geld. Angebote unter Tel…". Der Türke Ali Levent Sinirlioglu alias Günter Wallraff bekommt sofort Jobs angeboten – denn Drecksarbeit gibt es zur Genüge in Deutschland. Zusammen mit anderen illegalen Arbeitern muss er einen Reitstall streichen und wird noch mieser behandelt als seine polnischen Kollegen. Dann malocht er auf einem Bauernhof als Knecht und wohnt in einer Bauruine.

Buchcover Günter Wallraff Ganz unten (Foto: DW)

Wallraff als Ali

Bei der US-amerikanischen Imbisskette McDonald's wischt er Tische und Toiletten sauber und deckt dabei katastrophale hygienische Verhältnisse auf, die in den frühen 80er Jahren dort Standard sind. Schließlich landet er als Leiharbeiter beim Stahlkonzern Thyssen in Duisburg. Dort werden er und seine ausländischen Kollegen wie Zwangsarbeiter behandelt. Arbeitsschutz: Fehlanzeige – die Löhne sind lächerlich und die Schichten teilweise absurd lang. Oft müssen die Männer mehr als 16 Stunden am Stück arbeiten – und das unter katastrophalen Bedingungen. Wer krank wird, wer sich beschwert, wer einmal zu oft fehlt, der wird sofort entlassen. In der Bundesrepublik Deutschland der 80er Jahre verstoßen diese Praktiken eindeutig gegen gängiges Arbeitsrecht. Gegen das Menschenrecht ohnehin. Es interessiert allerdings niemanden. Die Thyssen-Führung weiß Bescheid, doch sie duldet die Machenschaften der Leihfirmen, von denen sie die Arbeiter bezieht.

Auch Ali alias Günter Wallraff macht die körperliche Schwerstarbeit krank; er hat jedoch beim Chef der Leihfirma einen Stein im Brett. Nach einem kurzen Ausflug in die Versuchslabore der Pharmaindustrie, was seiner Gesundheit noch mehr zusetzt, darf er für seinen Chef als Chauffeur arbeiten.

Die Bombe platzt

Zwei Jahre lang spielt Wallraff die Rolle des Ali, lebt das Leben des ausgebeuteten ausländischen Arbeiters, der wie seine Kollegen den Job zum Überleben braucht und sich demütigen lässt. Überall schlägt ihm der Hass auf Ausländer entgegen. Und niemand bemerkt seine Maskerade. Wallraffs These: "Man wird nicht ernst genommen." Die Leute schauten einen nicht richtig an und hörten einem auch nicht zu – deswegen sei es kein Wunder, wenn niemand merkt, dass das gebrochene Deutsch nicht "echt" und die schwarze Haarpracht eine Perücke ist.

Das Logo von McDonalds (Foto: AP)

McDonalds verhindert, dass "Ganz unten" in den USA erscheint

Nach den zwei Jahren schreibt Wallraff seine Erfahrungen in einem Buch auf, nennt es "Ganz unten" und lässt es im Oktober 1985 veröffentlichen. Es schlägt ein wie eine Bombe. Innerhalb von drei Wochen verkauft es sich eine Million Mal. Und es löst eine Flut von Prozessen aus. Thyssen versucht eine Unterlassungsklage. McDonald's will Wallraff wegen Verleumdung an den Kragen. Doch die Klagen gehen nach hinten los, Wallraff gewinnt Prozess um Prozess. Währenddessen entwickelt das Buch eine Eigendynamik. Vielen Menschen in Deutschland wird hier bildhaft vor Augen geführt, was da in der Grauzone der Arbeitswelt passiert. Man fängt an miteinander zu reden, Deutsche gehen auf Ausländer zu, es werden Fragen gestellt – und immer mehr Menschen geben Antworten.

"Ganz unten" wird in 30 Sprachen übersetzt – auch auf Türkisch erscheint es – und es wird in der DDR veröffentlicht. Beschimpfungen wie "sozialistischer Hetzer" und "Nestbeschmutzer" und der Verdacht, mit der Stasi zusammen zu arbeiten, können den Autoren und die Wirkung des Buches nicht beeinträchtigen. Nur in den USA kommt das Buch nicht auf den Markt, da die Firma McDonald's mit so hohen Schadenersatzforderungen droht, dass Wallraff und sein Verlag Kiepenheuer & Witsch beschließen, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Der Erfolg von "Ganz unten" hat ohnehin schon alle Erwartungen übertroffen: Die Politik hat reagiert. Und das ziemlich prompt. Die unmenschlichen Schichten bei Thyssen wurden abgeschafft, regelmäßig wurde kontrolliert, dass das Arbeitsrecht eingehalten wurde, die Arbeiter bekamen Festanstellungen, die Leiharbeiterfirmen wurden stark eingeschränkt. Auch bei der Schnellrestaurant-Kette McDonald's konnten sich die Mitarbeiter ungestraft organisieren – plötzlich waren Betriebsräte möglich.

Ein Großteil der Honorare ist in eine Stiftung geflossen. Mit diesem Geld ist in Duisburg ein Wohnviertel entstanden, wo bis heute Deutsche und Einwanderer miteinander leben – ein Vorzeigeprojekt in Sachen Integration.

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