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Deutschland

Günter Grass relativiert seine Worte

Seit der Veröffentlichung seines Israel-kritischen Gedichts schlagen die Wellen gegen den Literaturnobelpreisträger Günter Grass hoch. Inzwischen hat der Schriftsteller einige seiner Formulierungen relativiert.

Das Foto zeigt das Gedicht des Schrifstellers Günter Grass mit dem Titel «Was gesagt werden muss» auf der Feuilleton-Seite der Süddeutschen Zeitung vom Mittwoch (04.04.2012). Der Literaturnobelpreisträger hat in dem Gedicht die israelische Politik gegenüber dem Iran heftig kritisiert. Außerdem kritisierte der 84-Jährige die geplante Lieferung eines weiteren U-Boots «aus meinem Land» nach Israel. Gleichzeitig bekundet Grass seine Verbundenheit mit Israel. Foto: Stephan Jansen dpa/lby

Zeigt sich einsichtig: Nobelpreisträger Günter Grass würde sein Israel-Gedicht nun anders schreiben

Günter Grass würde in seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" nicht mehr von Israel im Allgemeinen, sondern konkret von der israelischen Regierung sprechen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom Samstag (07.04.2012) stellte der 84-Jährige klar:

"Ich würde den pauschalen Begriff 'Israel' vermeiden und deutlicher machen, dass es mir in erster Linie um die derzeitige Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu geht."

Der Schriftsteller betont seine Sympathie für das Land, äußert aber Sorge über dessen Entwicklung. Die Fortsetzung des Siedlungsbaus "schaffe Israel mehr und mehr Feinde und isoliere das Land mehr und mehr", so Grass weiter.

Netanjahu gehört zu den schärfsten Kritikern des Textes, in dem Israels Iranpolitik als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet wird. Der israelische Premierminister warf Grass am Freitag vor, die Tatsachen zu verdrehen. Nicht sein Land, sondern der Iran bedrohe den Weltfrieden.

"Feigheit vor dem Freund"

Grass kritisierte in einem Interview am Donnerstag mit dem Fernsehsender "3sat" einen Alleingang Israels auf diplomatischem Parkett. Er sehe es daher als Pflicht an, Israel auch kritisch beizustehen. Man dürfe Israel nicht schonen, das sei "Feigheit vor dem Freunde" - hier bemüht der Schriftsteller ein Zitat des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt aus Zeiten des Kalten Krieges: "Bisher haben wir nach der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges uns Mühe gegeben - auch mit Schurkenstaaten - auf dem Verhandlungsweg zu sprechen. Diese Versuche werden auch gegenwärtig mit der israelischen Regierung gemacht. Diese Selbstherrlichkeit, selbst zu bestimmen, ganz gleich, was die anderen sagen, ist ein Bruch mit der bislang erfolgreichen Taktik: Solange gesprochen wird, wird nicht geschossen."

Ein Präventivschlag gegen Iran könne einen atomaren GAU, gar einen Dritten Weltkrieg, nach sich ziehen, warnte der 84-Jährige: "Das ist nicht einfach eine kleine militärische Aktion. Von wegen, da werden ein paar Raketen abgeschossen und es gibt nur wenige Tote, wie Herr Barak und Netanjahu behaupten. Sondern das ist eine kriegerische Aktion, die Folgen haben wird. Die Lage spitzt sich zu. Die Gefahr, dass es zu kriegerischen Handlungen kommt, die dann um sich greifen, wird immer größer."

"Gehässigkeit ohnegleichen"

Das erste von drei in Deutschland gebauten U-Booten der israelischen Marine, die INS Dolphin, ist in den Heimathafen Haifa eingelaufen (Archivfoto vom 27.07.1999). Die israelische Marine bekommt nach Presseberichten zwei neue U-Boote aus Deutschland. An den Kosten von einer Milliarde Euro werde sich Berlin zu einem Drittel beteiligen, berichten die Magazine «Der Spiegel» und «Focus». Israel hat bereits drei in Deutschland gebaute U-Boote der «Dolphin»-Klasse im Einsatz. Sie wurden nach dem ersten Golfkrieg der USA gegen den Irak 1999 und 2000 geliefert. Foto: Nackstrand (zu dpa 4186 vom 19.11.2005) +++(c) dpa - +++

Deutschland liefert U-Boote an die israelische Marine

Günter Grass zeigt sich weiterhin verletzt über die massive Verurteilung seines Gedichts. Er fühle sich von der deutschen Presse an den Pranger gestellt. Diese sei in ihrer Position zu Israel "gleichgeschaltet", eine sachliche Auseinandersetzung gebe es nicht. Er habe vorausgesehen, dass er nun reflexhaft als Antisemit abgestempelt würde, sagte der Schriftsteller dem NDR am Donnerstag: "Es werden alte Klischees bemüht. Es wird sofort, was auch zu vermuten war, mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet."

Er habe sich in seinem literarischen Werk umfassend mit der deutschen Vergangenheit auseinander gesetzt, verteidigte sich der Literaturnobelpreisträger: "In meinen Büchern 'Die Blechtrommel' und 'Vom Häuten der Zwiebel' ist die Last meiner Generation gegenwärtig, die Auseinandersetzung mit den von Deutschen zu verantwortenden Verbrechen. Und deshalb ist dieser Vorwurf des Antisemitismus von einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen."

"Verlogene Wiedergutmachung"

Israeli historian Tom Segev on 15 September 2010 in an interview with the APA in Vienna. pixel

Historiker Segev: "Das Gedicht ist peinlich"

Auch an seiner Kritik an der Bundesregierung hält der Schriftsteller fest. Diese betreibe eine "verlogene Wiedergutmachung", indem sie deutsche U-Boote an Israel ausliefere und teilfinanziere. Drei solcher Boote sind bereits im Einsatz, zwei weitere sollen dieses Jahr folgen. Im März 2012 wurde vereinbart, ein sechstes U-Boot zu liefern, das zu einem Drittel von Deutschland bezahlt wird. Diese U-Boote können mit konventionellen Torpedos, aber auch mit Nuklearsprengköpfen aufgerüstet werden. Günter Grass: "Damit werden wir in Mitverantwortung gezogen."

Der Journalist und Historiker Tom Segev aus Jerusalem findet das Werk "furchtbar eitel" und "peinlich". Günther Grass unterstelle eine Tabuisierung des Themas. Dabei gebe es in Israel seit Jahren eine rege Diskussion über die atomare Bedrohung durch Iran und Israels Atompotenzial. So warne etwa Meir Dagan, der frühere Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, die israelische Regierung vor einem Angriff auf Iran. Ähnlich wie Netanjahu betont auch Segev im Sender 3sat, der Vergleich von Israel und Iran verdrehe die Tatsachen: "Es ist ja so, dass Iran droht, Israel zu vernichten - aber Israel noch nie die Absicht hatte, irgendein Land zu vernichten."

Historiker Segev: Grass ist kein Antisemit

Für Tom Segev ist Günter Grass weder Antisemit noch antiisraelisch: "Es ist legitim, auch in Deutschland, Israel zu kritisieren. Es ist manchmal auch notwendig. Etwa bei der Unterdrückung der Palästinenser ist Kritik von auswärts sehr wichtig. Menschenrechte können in jedem Land nur von außen her wirklich verteidigt werden."

Tom Segev hat Günter Grass noch vor wenigen Monaten einen persönlichen Besuch abgestattet. Er wünscht sich, der Literaturnobelpreisträger möge "die letzten Tropfen seiner Tinte" - so eine Zeile des umstrittenen Gedichts - besser für einen schönen Roman benutzen.

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