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Kultur

Günter Grass provoziert mit einem Gedicht

Der Literaturnobelpreisträger hat den Konflikt zwischen Israel und Iran zum Gegenstand eines Gedichts gemacht. Er wirft Israel Gefährdung des Weltfriedens vor. Und sorgt für heftige Debatten. Nicht nur in Deutschland.

Es kommt nicht oft vor, dass ein lyrisches Werk aus der Feder eines deutschen Dichters Eingang in die internationale Presse findet. Dem 84 Jahre alten Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass ist es gelungen. Er schrieb ein Gedicht, betitelte es "Was gesagt werden muss“ und ließ es der "Süddeutschen Zeitung", der italienischen "La Repubblica" sowie der "New York Times" zum Abdruck zukommen. Der Text ist ein politisches Statement, das nun für Furore und erregte Debatten sorgt.

Gegen die Heuchelei

Günter Grass mit Pfeife 2009 (Foto: AP/dapd)

Grass auf Konfrontationskurs

Günter Grass hat sich mit der brisanten Situation zwischen Iran und Israel und einer dort womöglich drohenden Kriegsgefahr beschäftigt. Er hat massive Kritik an der israelischen Seite geübt und diese Kritik in das Gewand eines – freilich wenig poetischen – lyrischen Textes gekleidet. Er schreibt, Israel nehme für sich das Recht eines atomaren Erstschlags in Anspruch mit dem Ziel, das "iranische Volk auslöschen" zu können. In Iran dagegen werde der Bau einer Bombe lediglich vermutet. "Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?", lautet eine Passage. Ein schwerer Vorwurf. 

Grass spricht weiter davon, dass Israel die Kontrolle seines nuklearen Potenzials ablehne – eine Tatsache, die in der Welt mit Schweigen übergangen werde, eine "belastende Lüge", der er sich nicht länger unterwerfen wolle. Gerade jetzt, da von Deutschland "ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden" solle: "Ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin". Grass wehrt sich dagegen, dass Kritik an Israel vielfach mit Antisemitismus gleich gesetzt werde. Und er spricht von der deutschen Vergangenheit, den Verbrechen, die in deutschem Namen im Zweiten Weltkrieg begangen worden sind – ein "Makel", der es schwer mache, bestimmte Wahrheiten auszusprechen. Gleichzeitig bekundet der Schriftsteller seine Verbundenheit mit Israel.

Ablehnung - aber auch Zustimmung

Die Reaktionen auf diese provokanten, in Gedichtform gekleideten Thesen blieben nicht aus. Die Kritik an Grass überwiegt. Als erster meldete sich in einem Zeitungsbeitrag der Publizist Henryk M. Broder zu Wort. Er nennt Grass einen Antisemiten: "Grass hatte schon immer ein Problem mit Juden, aber so deutlich wie in diesem 'Gedicht' hat er es noch nie artikuliert." Der Schriftsteller sei nun "vollkommen durchgeknallt".

Der Historiker und Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam, Julius Schoeps, sagte in einem Interview der Deutschen Welle: "Das ist kein Zufallsgedicht, sondern bewusst inszeniert. Und in den Medien bewusst platziert worden." Er wirft Grass Einseitigkeit vor. Es sei inakzeptabel, was der Autor den Israelis unterstelle.

Ralph Giordano, ebenfalls Publizist und Buchautor, bezeichnet den Text als einen "Anschlag auf Israels Existenz". Er sei enttäuscht und erschüttert. Der Frankfurter Historiker Micha Brumlik findet es schwer erträglich und traurig, dass ein Literaturnobelpreisträger seine Dichtkunst dazu missbrauche, "ein ziemlich dummes Agitprop-Gedicht" zu veröffentlichen.

Schriftsteller und Literatur-Nobelpreistraeger Guenter Grass sitzt waehrend einer Diskussion im Theater Luebeck auf der Buehne (Foto: dapd)

Diskussionsfreudig wie eh und je

Auch in der Politikszene ist man regelrecht aufgeschreckt. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe erklärte, er sei über die Tonlage und Ausrichtung des Gedichtes entsetzt. Der christdemokratische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz, meint, Grass sei ein großer Schriftsteller, aber hier stelle er die Dinge auf den Kopf. Die einseitige Schuldzuweisung an Israel sei falsch, denn das Land, das eigentlich Sorgen bereite, sei der Iran. Auch die israelische Botschaft meldete sich zu Wort und sprach von antisemitischen Vorurteilen. Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt werde.

In der italienischen Presse spricht man unterdessen mit Blick auf das Gedicht von "konfusem Rauschen".  Es gibt aber auch Zustimmung. Zum Beispiel von Johano Strasser, dem Präsidenten des deutschen PEN-Zentrums. Er warnte ganz im Sinne von Grass vor deutschen Waffenexporten nach Israel, dessen Regierung den Anschein erwecke, ein Krieg gegen Iran sei unausweichlich.

(K)eine moralische Instanz

Die Debatte entzündet sich nicht nur an den provokanten Thesen, sondern auch vor dem Hintergrund der Biographie des weltberühmten deutschen Schriftstellers, der zahlreiche Romane und Erzählungen geschrieben und sich auch als Künstler einen Namen gemacht hat. Grass hat sich immer auch als politischer Autor verstanden, er hat in den 1960er Jahren Wahlkampf für die SPD gemacht, trat später wegen der Asylpolitik aus der Partei aus und meldete sich wiederholt auch zu gesellschaftlichen Themen zu Wort. Weswegen ihm gern die Aura der "moralischen Instanz" zugeschrieben wurde.

Das US-Formular des Kriegsgefangenen Guenter Grass als Angehoeriger der Waffen-SS (Foto: AP)

Das US-Formular, das den Kriegsgefangenen Günter Grass als Angehörigen der Waffen-SS ausweist

2006 kam dann der Bruch. Grass, der gerade seine Autobiographie veröffentlichte, musste zugeben, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Dies brachte ihm, der sich immer kritisch mit der deutschen Nazi-Vergangenheit auseinandergesetzt hatte, heftige Kritik ein. Seine moralische Integrität verblasste. Historiker Schoeps sagt dazu: "Wir haben es hier mit einem Problem eines Angehörigen der sogenannten Flakhelfer-Generation zu tun. Einem 84-Jährigen, aus dem es noch einmal heraus bricht. Ich schäme mich eigentlich für Günter Grass. Es wäre besser gewesen, er hätte geschwiegen."

Jetzt hat Grass sich zu einem aktuellen Thema geäußert – aber die Vergangenheit holt ihn auch hier wieder ein.

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