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Kultur

Günter Grass im Visier der Stasi

Der Autor Kai Schlüter hat die Stasi-Akte von Nobelpreisträgern Günter Grass als Buch veröffentlicht. Der Schriftsteller selbst stellte die Dokumentation auf der Leipziger Buchmesse vor.

Günter Grass (Foto: Sven Näbrich)

Günter Grass signierte in Leipzig

Der Festsaal im Alten Rathaus zu Leipzig ist rappelvoll, als Günter Grass das Podium betritt. Neben ihm nehmen Platz der Journalist Kai Schlüter, der die Dokumentation über Grass' Stasi-Akte herausgegeben hat, dann der Verleger Christoph Links sowie ein Schauspieler, der an diesem Abend aus den Akten vorträgt. Dennoch konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf nur einen, den Nobelpreisträger, der sich nach langen Jahren des Zögerns nun doch entschlossen hat, seine Stasi-Akten zu sichten.

Seit 1961 im Visier

Der Autor der "Blechtrommel" geriet zu Beginn der 60er Jahre ins Fadenkreuz der Staatssicherheit. Grass hatte sich damals öffentlich gegen den Bau der Berliner Mauer ausgesprochen, Petitionen verfasst und sogar einen Protestbrief an die UNO geschrieben. Zudem setzte sich der gebürtige Danziger für in der DDR kaltgestellte Autoren wie etwa Uwe Johnson ein. All dies machte die Stasi nicht nur misstrauisch, Grass wurde "anfällig", wie es im Geheimdienst-Jargon hieß. Das heißt, von nun an gab es eine Akte Grass.

Der Journalist Kai Schlüter hat nun in dem Buch "Günter Grass im Visier - Die Stasi-Akte" chronologisch die Überwachung der DDR-Staatssicherheit über den weltbekannten Autor dokumentiert und Betroffene, Freunde sowie Grass selbst mit Kommentaren zu Wort kommen lassen. Für den heute 82-Jährigen sei von Anfang an klar gewesen, dass er bei seinen oft geheimen Treffen im Osten unter Beobachtung stand. "Das Ausmaß aber, mit dem man mir hinterher spionierte, war dann doch viel größer als gedacht", so der Bespitzelte.

Unliebsamer Provokateur

Bücher von Günter Grass (Foto: Sven Näbrich)

Günter Grass im Visier

Bei den Treffen mit ostdeutschen Autoren und Freunden habe man sich sogar den Spaß erlaubt, in besonders detailverliebten Ausführungen über ost- und westdeutsche Lyrik zu schwelgen - nur um den vermuteten Stasi-Zuhörern eins auszuwischen. Die Treffen beschränkten sich aber nicht nur auf literarische Anstrengungen, "wir haben auch einen Schluck Rotwein und, wenn die Lesungen vorbei waren, entweder West- oder Ostschnaps getrunken", so Grass.

Aber nicht nur im Geheimen, auch auf offiziellem Parkett galt der westdeutsche Schriftsteller als ausgesprochen schwierig. So kann man in den Akten nachlesen, dass Grass sich schon in den 60er Jahren bei einem deutsch-deutschen Schriftstellertreffen offen mit staatstreuen DDR-Autoren anlegte und schnell als ideologischer Feind galt.

Die Stasi als Zaungast

Aber auch im Westen blieb Grass seiner Grundhaltung treu, in dem er sich etwa in den 80er Jahren dem deutsch-deutschen Kulturabkommen verweigerte. "Ich war für dieses Kulturabkommen, aber ich war dagegen, dass man sich nur auf der einfachen Ebene einigt", so Grass, "nach dem Motto: Wir schicken euch den Thomanerchor und wir schicken das Gürzenich-Orchester". Das war ihm zu einfach.

Besonders schwer blieb es dennoch in der DDR. Aber auch rund 2300 Seiten Stasi-Akten und knapp 30 Jahre Beschattung konnten dem umtriebigen Autor nichts anhaben. Einreiseverbote wurden ausgesetzt, Bücher dann doch veröffentlicht und Lesereisen gerieten zu kleinen Erfolgstouren. Die Stasi blieb Zaungast und notierte umso pedantischer jedes Fitzelchen, dessen man habhaft werden konnte: "Grass und seine Ehefrau waren im Beobachtungszeitraum sauber und ordentlich gekleidet", heißt es da in einem der Überwachungsberichte oder: "Grass ist starker Pfeifen- und Zigarrenraucher." Zu mehr reichte es letztlich nicht.

Beobachtung auch im Westen?

Durch die Mitarbeit an dem Buch ist Grass aber offenbar auf den Geschmack gekommen: Er vermutet, dass nicht nur im Osten, sondern auch im Westen heimlich und fleißig mitgeschrieben wurde. So hat er denn in Leipzig schon einmal durchblicken lassen, dass er sich demnächst um Akteneinsicht beim BND und Verfassungsschutz bemühen möchte. Besonders interessiere ihn, ob der Stil der Akten sich allzu sehr unterscheide, fügt er süffisant hinzu - und schließlich halte er sehr viel von "vergleichender Literaturwissenschaft".

Autor: Sven Näbrich

Redaktion: Dirk Eckert

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