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Kultur

Gündüz: "Zuerst müssen die Menschen frei sein"

Freie Künstler in der Türkei geraten unter Erdogan weiter unter Druck. Der Tänzer Erdem Gündüz (der "Standing Man" vom Taksimplatz) und der Schauspieler Bariş Atay sprachen mit der DW über die Situation.

Trotz Skandale ist der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan Ende März 2014 bei den Kommunalwahlen in seinem Kurs bestätigt worden. Und freie Künstler geraten weiter unter Druck. Zeitgenössische Kultur wird mit Restriktionen immer weiter eingeschränkt. Doch die Künstler wollen sich ihre künstlerische Freiheit nicht nehmen lassen. Die DW traf den international bekannten Tänzer Erdem Gündüz und den populären Schauspieler Bariş Atay in Istanbul.

Erdem Gündüz, Tänzer und Choreograf

DW: Sie sind als "Standing Man" im Juni 2013 während der Proteste gegen die Bebauung des Geziparks in Istanbul weltbekannt geworden. Stundenlang standen Sie bewegungslos auf dem Taksimplatz. Wie kamen Sie auf die Idee für diese Protestform?

Erdem Gündüz: Also, eigentlich habe ich mir dabei nichts gedacht. Das ist sehr spontan entstanden. Es war nicht als neue Art des Protests gedacht, sondern es ging um eine neue Bedeutung.

Ein Tänzer ist jemand, der sich immer bewegt, seinen Körper einsetzt. Es ist für einen Tänzer eine sehr spezielle Geste, sich nicht zu bewegen. Was wollten Sie damit ausdrücken?

Tänzer drücken sich natürlich mit Tanz und Bewegung aus. Aber was ist die Definition von Tanz? Wenn wir so daran denken, kann man das Stehen auch als eine Art sehr sehr langesame Bewegung definieren. Wenn man das auf eine Zeitspanne von drei Milliarden berechnet, sind acht Stunden, als ob man gehen würde. Andererseits, wenn man es anders beleuchtet: Was ist denn Tanz wirklich? Definiert man Tanz mit schönen langen Beinen? Wer bestimmt denn Kunst? Tanz oder Kunst ist etwas, was mit dem Volk zusammen geschieht.

Wie ist die Situation für Tänzer im Moment? Wie hat sich die Situation in den letzten ein, zwei Jahren verändert?

Bei der allgemeinen Politik der Regierung bezüglich der Kunst und der Kultur gibt es eine negative Haltung. Theatersäle werden geschlossen. Kinos werden geschlossen. Aber wir versuchen dennoch, mit unserer Kunst weiterzumachen.

Welche Art von Kunst wird jetzt gefördert?

Das einzige, was diese Regierung interessiert, ist diese seldschukische "urtürkische" Architektur und die osmanische Kultur. Man kriegt Unterstützung, wenn man religiöse osmanische Kunst machen möchte.

Wie wichtig ist Ihnen künstlerische Freiheit?

Zuerst müssen die Menschen frei sein. Man muss sich frei ausdrücken können. Damit man über eine freie Kunst überhaupt reden kann. In der Türkei ist es ja fast schon verboten, über Freiheit zu reden. Das muss man als Tabu sehen. Aber eigentlich, wenn du deine Bäume nicht achtest, dein Wasser, deine Erde, deine natürlichen Ressourcen, deine Schätze nicht achten kannst - wenn wir wegen einem neoliberalen System auf all das nicht achten können, wie können wir dann von Freiheit reden?


Bariş Atay, Schauspieler

DW: Sie sind in der Türkei ein bekannter Schauspieler und Seriendarsteller und zugleich in der Protestbewegung aktiv. Im Sommer 2013 haben Sie gegen die Bebauung des Geziparks demonstriert. Im Dezember wurden sie verhaftet und drei Tage lang inhaftiert. Warum?

Bariş Atay: Sie haben mir vorgeworfen, dass ich der Sprecher der Hackergruppe "Red Hack" wäre. Davon sind sie ausgegangen, weil ich diesbezüglich auf Twitter ein Bild geteilt habe. Das hat natürlich nichts mit der Realität zu tun, und sie haben auch keine Beweise. Das war vielleicht einfach nur, weil ich in der Öffentlichkeit meine Meinung gesagt habe. Vielleicht wollten sie auch die öffentliche Meinung testen. Es gab eine ganz große Reaktion, und das haben Sie nicht erwartet. Und deswegen mussten sie zurückweichen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Zensur gemacht?

Ich bin seit elf Jahren Schauspieler. Und es gab schon immer Druck. Aber seit den Geziprotesten hat der Druck noch zugenommen. Nach meinen Beobachtungen ist es in den letzten drei Jahre noch viel schlimmer geworden. Es begann mit dem Abriss des Emek-Kinos und hat sich seitdem zugespitzt. Das Atatürk-Kulturzentrum ist seit einiger Zeit geschlossen, verschiedene Bühnen wurden geschlossen. Förderungen für private Bühnen wurden gekürzt. Wir begegnen vielen Hindernissen dieser Art.

Mit welchen Reglementierungen muss man rechnen, wenn man ein unabhängiges Theater betreibt?

Es ist jetzt noch schwieriger, in der Türkei Theater zu machen. Jetzt werden die Texte kontrolliert nach den moralischen Kriterien der Regierung. Das macht uns allen die Arbeit sehr schwer.

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Erdem Gündüz: "Wer bestimmt denn Kunst?"

Wie wichtig sind die Künstler für die Demokratiebewegung?

Die Kunst ist eine treibende Kraft. In der Türkei spielt das Fernsehen eine größere Rolle. Wenn sonst unerreichbare Schauspieler aus dem Fernsehen an der Seite der Bürger auf der Straße protestieren, gibt das den Leuten sehr viel Kraft. Aber eigentlich muss man sehen, dass beide Seiten sich nicht wirklich voneinander unterscheiden. Wenn ich auf die Straße gehe, tue ich das nicht nur als Schauspieler, sondern als Mitbürger Bariş Atay. Wenn man von einer gesellschaftlichen Bewegung spricht, ist es so, dass man sich gegenseitig motiviert und Energie teilt.

Wenn Sie eine Vision von der Türkei entwerfen würden, wie sähe sie aus?

Man muss es aus einer weiteren Perspektive als die Türkei betrachten. Ich definiere meine Träume nicht nur für das Land, in dem ich lebe. Ich träume nicht von einer individuellen, sondern von einer globalen Freiheit. Vor allem seit dem Industriezeitalter ist dieser Gedanke der individuellen Freiheit das größte Hindernis einer gesellschaftlichen Freiheit. Natürlich sind individuelle Freiheiten wichtig, aber in unfreien Gesellschaften, wo nur bestimmte Individuen frei sein dürfen, entstehen Abgründe. Man sollte nicht aus den Augen verlieren: Wenn in dieser Welt die individuelle Freiheit so wichtig ist, müssen die Menschen erkennen, dass wir nur dann wirklich frei sind, wenn alle frei sind.

Die Fragen stellte Susanne Lenz / Übersetzung: Cem Bahadir Mete

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