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Türkei

Gülmen: "Es geht um unser tägliches Brot"

In der Türkei sind Dozentin Nuriye Gülmen und der Lehrer Semih Özakca seit 64 Tagen im Hungerstreik. Damit protestieren sie gegen ihre Entlassung per Notstandsdekret. Gülmen sprach mit der DW über ihre Beweggründe.

Nuriye Gülmen, Dozentin an der Universität in Selcuk, ist Ende vergangenen Jahres zunächst suspendiert und im Januar dann per Dekret entlassen worden. Im November 2016 hatte sie in der Nähe der Statue für die Menschenrechte in Ankara einen Hungerstreik begonnen. Wenig später schloss sich ihr der Grundschullehrer Semih Özakca an. Der Hungerstreik ist mittlerweile in eine lebensbedrohliche Phase getreten. Vor drei Tagen wurde Gülmen ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie sich aber der Hilfe der Ärzte verweigerte. Sie sagte: "Wir werden Widerstand leisten und unsere Jobs zurückbekommen."

Deutsche Welle: Frau Gülmen, wie fühlen Sie sich? Denken Sie, dass Ihr Hungerstreik Erfolg haben wird?

Nuriye Gülmen: Zwar habe ich im Moment Schwierigkeiten zu sprechen und zu gehen, ich fühle mich aber trotzdem gut, sehr gut sogar. Menschen, die Widerstand leisten, sind immer optimistisch und voller Hoffnung. Meine Hoffnung, an die ich mich von Anfang an geklammert habe, werde ich nicht verlieren. Ich werde bis zum Ende ausharren. Ich glaube daran, dass ich meinen Job zurückbekommen werde. Denn meine Entlassung war ungerecht und unbegründet. Es ist mein Anrecht, meinen Job zurückzubekommen. Ich werde alles Erdenkliche tun, damit ich dieses Recht wiedererlangen kann.

Türkei Hungerstreik - & Semih Özakca (DW/H. Köylü)

Nuriye Gülmen sitzt in einem Rollstuhl. Sie kann kaum aufstehen und sprechen.

Warum haben Sie sich für einen Hungerstreik als Form des Protests entschieden?

Wir sind unterschiedlich vorgegangen, um auf die Ungerechtigkeit, die uns widerfahren ist, aufmerksam zu machen und unserer Stimme Gehör zu verschafften: Wir haben Unterschriften gesammelt, unter der Bevölkerung Flugblätter verteilt, sind von Tür zu Tür gegangen und haben unsere Erlebnisse den Menschen nähergebracht. Wir haben Kontakte zu Journalisten gehabt und sind mit Abgeordneten zusammengekommen. Unser Sitzstreik ist später in der Öffentlichkeit bekannt geworden. Mehrfach wurden wir in Polizeigewahrsam genommen und wieder freigelassen. Trotzdem haben wir beharrlich über unsere gerechte Sache erzählt, konnten aber trotz allem die Aufmerksamkeit der Regierung nicht auf unsere Sache lenken. In Regierungskreisen will man uns gar nicht anhören. Nach all diesen Aktionen war schließlich der Hungerstreik an der Reihe.

Welche Reaktionen haben Sie während des Hungerstreiks erfahren?

Die Bürger haben uns große Unterstützung gewährt. Allen, die uns besuchen kamen, möchten wir tausendmal danken. Alle haben uns verstanden, davon sind wir überzeugt. Das ist ein Kampf um unser tägliches Brot. Es gibt uns Kraft, dass alle wissen, dass wir darum kämpfen, unsere Jobs zurückzubekommen. Aber eins wissen wir auch: Solange die Regierung wegschaut, werden wir unseren Widerstand, unseren Kampf um unser tägliches Brot weiterführen.

Wie bewerten Sie die mangelnde Berichterstattung der Medien über Sie?

Wir haben in dieser Zeit auch von Unterdrückung innerhalb der Presse unmittelbar erfahren können. Viele Korrespondenten, die uns besuchen kamen, sagten uns: "Wir wollten über Sie berichten, aber unsere Vorgesetzten wollten uns das nicht erlauben." Dieser Satz bringt eigentlich die Entwicklung der türkischen Medien treffend auf den Punkt. Wir befinden uns in einem Prozess, wo Mainstream-Medien als "AKP-Presse" betrachtet werden. Nur einige wenige von uns als kritisch eingestufte Presse- und Medienorgane konnten über unsere Situation von Anfang an berichten, ferner auch die noch übriggebliebenen Webseiten. Zu Beginn unseres Widerstands konnte man über uns noch täglich berichten. Aber jetzt wird uns fast kein Raum mehr in den Mainstream-Medien eingeräumt.

Mit Ihrem Hungerstreik kritisieren Sie die Regierung. Konnten denn auf der anderen Seite die Oppositionsparteien Ihr Anliegen ausreichend zum Ausdruck bringen?

Es gibt Abgeordnete von der (sozialdemokratischen) Republikanischen Volkspartei (CHP) und von der (kurdischen) Demokratischen Partei der Völker (HDP), die unsere Erfahrungen und Protestaktionen von Anfang an unterstützt haben. Dennoch finde ich, dass auch die Opposition diese Angelegenheit nicht genügend zur Sprache bringt. Wir erwarten von ihr mehr Unterstützung.

Das Gespräch führte Hilal Köylü.

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