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Politik & Gesellschaft

Güle güle Almanya

Die Zahl der Ausländer in Deutschland hat erstmals seit Jahren wieder zugenommen. Doch die größte Einwanderergruppe schrumpft. Viele qualifizierte Türken suchen ihr Glück inzwischen lieber am Bosporus.

Cihat Aydin mit seinen beiden Töchtern und zwei Freundinnen (Foto: DW)

Cihat Aydin mit seinen beiden Töchtern und zwei Freundinnen

Irgendwann hatte Cihat Aydin die Nase voll. Jahrelang hatte sich der türkische Diplomingenieur neben seinen Gelegenheitsjobs um eine qualifizierte Beschäftigung in Deutschland bemüht. Er schrieb Bewerbungen, versuchte über Praktika einen Fuß in die Tür potenzieller Arbeitgeber zu bekommen – und erhielt doch immer nur Absagen. "Ich war so wütend", sagt er. "Ich möchte auch nicht immer nur Kisten tragen, sondern in dem Bereich arbeiten, den ich gelernt habe. Ich möchte akzeptiert werden."

Cihat Aydin (Foto: DW)

Cihat Aydin fühlt sich in Deutschland eigentlich wohl

Deshalb beschloss Aydin vor zwei Jahren, zurück in die Türkei zu gehen. Die Entscheidung, eine Stelle als Bauingenieur in der westtürkischen Millionenstadt Bursa anzunehmen, fiel ihm nicht leicht - denn seine deutsche Frau und seine beiden Töchter blieben zunächst in ihrem Dorf bei Bonn. Die Familie sah sich nur fünfmal im Jahr. Als die Entfremdung zu groß wurde, kehrte Aydin vor einigen Monaten zurück, doch eine Perspektive in Deutschland hat er noch immer nicht. Und so wird er jetzt wohl erneut in die Türkei gehen und eine Stelle als Verkehrsplaner in Bursa annehmen.

Zuwanderung aus der EU

Cihat Aydin ist nicht der einzige, der "Güle Güle Almanya" sagt, "Tschüss, Deutschland". Zwar hat die Zahl der Ausländer in Deutschland erstmals seit fünf Jahren wieder zugenommen – um 0,9 Prozent auf 6,75 Millionen, so die Zahlen, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag (31.03.2001) vorgestellt hat (siehe Grafik). Ein Grund sei die weitere Lockerung der Arbeitsbeschränkungen innerhalb der EU, erklärt Gabriele Fuhr, die in der Behörde für den Bereich Migration zuständig ist. So stammen viele der neuen Einwanderer aus Rumänien, Polen und Bulgarien. Doch die Zahl von Bürgern aus Staaten jenseits der EU-Grenzen sinkt weiterhin.

Der stärkste Rückgang ist bei den rund 1,6 Millionen Türken zu verzeichnen, die rund ein Viertel der Einwanderer stellen: Ihre Zahl sank um fast 30.000. Das sei zum großen Teil eine Folge des Ausländergesetzes, erklärt Gabriela Fuhr. So bekämen Kinder von Einwanderern seit dem Jahr 2000 leichter die doppelte Staatsbürgerschaft; in der Ausländerstatistik tauchen sie deshalb nicht mehr auf.

Infografik zur ausländischen Bevölkerung in Deutschland (DW-Grafik: Per Sander)

Dazu kommt jedoch eine Wanderungsbewegung: Im vergangenen Jahr gingen 15.500 Türken zurück in ihre Heimat. Werner Schiffauer, Migrationsforscher an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), beobachtet diese Entwicklung schon seit Jahren und hat sie in Einzelfallstudien untersucht. "Die Ursachen dürften primär die Situation am Arbeitsmarkt und die Diskriminierung junger Menschen mit migratorischem Hintergrund sein", sagt Schiffauer. Untersuchungen hätten eindeutig nachgewiesen, dass Bewerber mit türkischen Namen eine sehr viel geringere Chance haben, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Zunehmende Islamfeindlichkeit

Schiffauer glaubt zudem, dass die Ausländerfeindlichkeit zugenommen habe; sie richte sich vor allem gegen Einwanderer aus muslimisch geprägten Ländern: "Was mir auffällt, ist, dass auch in Kreisen, die noch vor einigen Jahren sehr vorsichtig mit ausländerfeindlichen Äußerungen waren, die Scheu vor starken Äußerungen in Bezug auf den Islam sehr deutlich abgenommen hat." Rund 49 Prozent der Türken fühlen sich einer neuen Umfrage zufolge in Deutschland unerwünscht – vor zwei Jahren waren es noch 45 Prozent.

Zwar ist das Wanderungssaldo auch bei den Türken nach drei Jahren des Rückgangs inzwischen wieder leicht positiv: Insgesamt kamen 2500 Menschen mehr, als Deutschland verließen. Die Abwanderung sei dennoch alarmierend, sagt Schiffauer. "Es handelt sich um sehr gut ausgebildete Leute, während diejenigen, die hierher kommen, nicht so gut ausgebildet sind", erklärt der Sozialanthropologe. "Diese Tendenz sollte uns zu denken geben, denn wir verlieren Humankapital."

Cihat Aydin mit Liya Su (l.)und Pia Doga (Foto: DW)

Aydins Töchter Liya Su (l.)und Pia Doga sind gerne in der Türkei - aber für immer?

Die Stadtverwaltung im türkischen Bursa dürfte das freuen: Gesucht wird dort ein Experte für Radverkehrsplanung – und genau das war der Studienschwerpunkt von Cihat Aydin. Die Familie plant nun, ganz in die Türkei zu ziehen, sobald der sanfte 45-Jährige dort das neue Heim vorbereitet hat. "Bisher haben wir die Türkei immer als Urlaubsland gesehen", sagt Aydin. "Wie wir da weiter leben werden, müssen wir sehen. Es kann besser sein, es kann aber auch negativ für uns sein."

Seine Töchter fühlen wohl in ihrem Dorf und an ihrer Waldorfschule, sie würden am liebsten bleiben. Dass ihr Vater wieder in die Türkei gehen muss, findet die ältere der beiden, die zehnjährige Liya Su, "doof". "Am liebsten wäre mir, dass er bleibt und wieder eine Arbeit hat."

Autor: Dеnnis Stutе

Redaktion: Michael Wehling

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